Es ist kalt geworden in Jasnaja Poljana, so kalt, dass die Menschen schon wehmütig an die große Hitze zurückdenken, die Russland diesen Sommer in Brand setzte. Ein scharfer Wind weht die ersten Blätter von den uralten Alleebäumen. Auf Wegen und in den Vorgärten der verwitterten Häuschen steht noch der Regen der letzten Nacht, als gegen acht Uhr am Morgen drei schwimmbadblaue Reisebusse auf dem Platz vor der kleinen Gutskirche halten.

Männer in dunklen Anzügen steigen aus, Frauen in hellen Kleidern, die etwas zu feierlich sind für einen Donnerstagmorgen und mit Sicherheit nicht warm genug für den russischen Herbst. Etwa 120 dürften es sein. Die Blicke suchend und ein bisschen nervös. Sie wissen, oder ahnen zumindest, dass ihr Name nirgendwo so viel bedeutet wie hier. Denn auf dem etwa 200 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Landgut sind sie nicht nur die Nachfahren des berühmtesten russischen Schriftstellers aller Zeiten, des Autors von Krieg und Frieden und Anna Karenina . In Jasnaja Poljana sind sie vor allem die Kindeskinder eines fürsorglichen Grafen, der das Gut, das er als junger Mann um ein Haar verzockt hätte, zu einem in Russland einzigartigen Musterbetrieb hochwirtschaftete. Er gründete eine Schule, in der er den Dorfkindern Lesen und Schreiben beibrachte, half seinen Bauern, die Felder zu bestellen, vergötterte sie in seinen späten Schriften als die besseren Menschen.

Nach seinem Tod am 20. November 1910 vermachte Lew Nikolajewitsch Tolstoj ihnen sein gesamtes Hab und Gut, einschließlich der Rechte an den schon damals weltweit verlegten Werken. Später verwandelte die Sowjetunion das riesige, mehrere Dörfer, Parks, Wälder, Gärten und ursprünglich etwa 1000 Hektar Ackerland umfassende Erbgut dann in Volkseigentum, das Wohnhaus der Familie in ein Museum. Doch das Anwesen blieb eine feudale Enklave in der sowjetischen Moderne. Die Felder wurden mit Pferden bestellt, die Parkanlagen, Jagdgründe und Apfelplantagen wie Kunstwerke gepflegt. Viele Museumsmitarbeiter betrachteten sich weniger als Staatsangestellte denn als Statthalter der Familie, die sich nach der Revolution über die ganze Welt verteilte, manche hielten, unter der Hand, sogar Kontakt.

Dass das russische Kulturministerium Mitte der neunziger Jahre wieder ein Mitglied der Familie mit der Museumsleitung beauftragte, ist also konsequent, macht die Stellung der Tolstojs auf dem Gut ihrer Vorfahren aber nicht einfacher. Denn letztlich kommen sie als Enterbte zurück und scheinen heute Morgen nur eine Sorge zu haben: bloß niemanden vor den Kopf stoßen.

Also bekommen die Bettler, die sich besonders zahlreich eingefunden haben, ein paar Rubel, die Narren in Christo ein Lächeln. Drinnen, vor den düster verrauchten Ikonen, werfen sich die Frauen, die dummerweise vergessen haben, für den Kirchgang ein Kopftuch einzupacken, Jacken und Pullover übers Haar, die Männer lassen sich zeigen, wie man bei den Orthodoxen das Kreuzzeichen schlägt. Von rechts nach links nämlich, nicht umgekehrt, wie bei den Katholiken.

Ein Pope schleicht mit einem Weihrauchfass umher, ein Chor singt Gospodi pomylo , Herr, erbarme Dich. Auf einem Tisch liegt die Apfelernte, die dieses Jahr nicht besonders üppig ausgefallen ist. » Jablotschnyj spas «, erklärt eine alte Frau. » Jablotschnyj what?« – »Apfelweihe«, sagt einer auf Englisch. »Isn’t that interesting?« Doch als kurz vor der Danksagung ein offener Sarg vor der Ikonostase aufgebahrt wird, verlassen die Tolstojs schlagartig den Raum. Eine Leiche am frühen Morgen, das ist dann doch ein bisschen viel.

Die Sonne blitzt durch bleigraue Wolken, der Nieselregen poliert die Blechkuppeln, die nun grün leuchten wie in der Pfefferminzbonbonreklame, auch der Wildwuchs auf dem Kirchhof wirkt bei diesem Licht grell. Lew Tolstojs Frau Sofija liegt hier zwischen kirchturmhohen Birken, ihre Lieblingsschwester Tanja und sechs ihrer dreizehn Kinder. Das größte und schönste Grab gehört dem kleinen Petja, 1872 bis 1873, dem ersten Sohn, den sie verloren. Doch wie kommt Michail hierher, ist der nicht in den Vierzigern in Marokko gestorben? So richtig blickt auch die Familie da nicht durch.