Seit der Sarrazin-Geschichte steht viel über "Integration" in der Zeitung. Sie schreiben, es gibt Probleme mit der Integration von – ich weiß auch nicht. Muslimen? Migranten? Türken? Man weiß nie, was man wann sagen soll. Es läuft jedenfalls nicht perfekt in dieser Hinsicht. Man soll es aber nicht tabuisieren. Auf gar keinen Fall. Deswegen möchte auch ich es nicht tabuisieren.

In Berlin haben sie einen Schultest veranstaltet. Schüler am Ende der dritten Klasse mussten Prüfungen absolvieren. Damit sollte herausgefunden werden, was sie können. In anderen Bundesländern wird das offenbar auch gemacht. Das Projekt heißt, wie früher die Weltraumsonden hießen, "Vera 3".

Dann stand in der Zeitung, dass der Test ein Desaster biblischen Ausmaßes war. 38 Prozent der Kinder konnten praktisch überhaupt nicht lesen. Bei Kindern aus Migrantenfamilien waren es 61 Prozent. Ein Oppositionspolitiker sagte, dass Berliner Kinder nach der dritten Klasse weniger wüssten als die Kinder aus anderen Bundesländern am Tage der Einschulung. Vielleicht übertreibt er ein wenig.

Ich habe mich gefragt: Was machen sie jetzt? Irgendwas müssen sie tun.

Einige Tage nach dem Desaster wurde in der Zeitung der Bildungssenator zitiert. Er sagte: "Niemand kann eine Frustration junger, neugieriger Kinder wollen." Der Test solle, damit die jungen Kinder nicht frustriert sind, im nächsten Jahr einfacher werden. Er drückte "einfacher" allerdings ziemlich kompliziert aus: "im unteren Kompetenzbereich differenzierter". Auch eine Schulleiterin wurde zitiert. Die zu lesenden Texte seien zu textlastig. Mit anderen Worten, wenn man Kindern, die das Wort "Bär" nicht lesen können, einfach ein Foto von einem Bären zeigt, dann sind die Bildungsprobleme mit einem Schlage wie weggezaubert. Hey – es kostet nicht einmal etwas! Man zeigt dem Kind das Foto, es sagt "Bär, Bär" und bekommt die volle Punktzahl.

Erst habe ich gedacht, das sei Satire. Aber die Schulleiterin hat es noch weiter ausgeführt. "Türkischstämmige Kinder, die ohne gute Deutschkenntnisse eingeschult werden, haben große Probleme, dem Unterricht zu folgen", sagte sie. Das hat mir eingeleuchtet. Aber seit der Einschulung waren schon drei Jahre vergangen! Ich konnte nicht begreifen, wieso die Lösung dieses Problems nicht etwa darin besteht, den Kindern Deutsch beizubringen, sondern darin, dass man die Texte einfacher macht, und zwar so lange, bis man sie auch ohne Lesekenntnisse lesen kann.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich versehentlich auf das geheimste Geheimnis der zeitgenössischen Regierungskunst gestoßen war. Man kann es wahrscheinlich bei fast allen Problemen so machen. Man verändert die Messmethoden, man führt eine neue Statistik ein. Man wird im unteren Kompetenzbereich differenzierter. Und für eine gewisse Weile scheint das Problem dann tatsächlich verschwunden zu sein. Wie ich dem Wirtschaftsteil entnehmen durfte, ist auch die günstige Entwicklung der Arbeitslosenzahlen zu einem großen Teil auf neue Messmethoden zurückzuführen.

Über das Argument des Senators, dass er die jungen, neugierigen Kinder nicht frustrieren wolle, musste ich nachdenken. Ich war auch einmal jung und neugierig. Ich weiß noch, wie frustriert ich war, wenn ich in der Schule eine schlechte Note hatte. Es wäre viel schöner gewesen, wenn ich immer nur gute Noten bekommen hätte, am besten mühelos. Aber das ist gar nichts, verglichen mit der Frustration eines Menschen, der die Schule verlässt, ohne lesen und schreiben und Deutsch zu können.

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