Internet Denken, wie das Netz es will
Das Medium ist die Botschaft, lautet eine berühmte These: Erst formt es seine Inhalte, dann seine Nutzer. Jetzt wird die Botschaft des Internets entschlüsselt. Macht es uns dumm?
Warum hat er nicht gehört? »Schreib endlich übers Internet, Neil«, hieß es allenthalben. Studenten und Kollegen, junge Fans und Freunde – sie alle erwarteten dasselbe von dem New Yorker Medienkritiker Neil Postman. Er sollte die Computerrevolution, sollte E-Mail und Online-Newsletter, virtuelle Gemeinschaften und Soziale Netzwerke ebenso unterhaltsam auseinandernehmen wie in den achtziger Jahren das Fernsehen. In Wir amüsieren uns zu Tode hatte er beschrieben, wie die Glotze uns in einen Strudel der Banalität zieht, unser Denken und unser gesellschaftliches Miteinander verwässert.
Internet? Neil Postman schüttelte jedes Mal den Kopf, schrieb Bücher über Technokratie, Bildung, Aufklärung. Man könnte sagen, über Werte statt über das Web. Postman ging nie online, und er wusste, dass man nur bei solchen Medien den Kern trifft, denen man selbst ein wenig verfallen ist. Zwar legte er sich Ende der neunziger Jahre eine Mailadresse zu, aber verwaltet wurde sie von einer Mitstreiterin. Postman schrieb weiter auf hellgelben, linierten Blocks, vorzugsweise in einem Bagel-Cafe. Er war ein Mann der Schrift, und seine Verlockung war das Fernsehen, nicht das Internet. Punkt.
Vor sieben Jahren ist er gestorben, zu einer Zeit, als die Welt anderes im Kopf hatte als Kulturkritik. Und doch hinterließ er viele Schüler, die er begeistert hatte. Postmans eigener Guru war Marshall McLuhan gewesen, der genial-schwierige Prophet des elektronischen Zeitalters, mit dem er als junger Mann durchs Land reiste. McLuhan verstand nicht nur, dass die Informationstechnik die Dampfmaschine unserer Zeit war – dass sie also Wirtschaft und Gesellschaft von Grund auf verändern würde. Er wusste auch, wie: »Das Medium ist die Botschaft.«
- Neil Postman
Wir amüsieren uns zu Tode, schrieb Neil Postman 1985. In Deutschland erwachte das Privatfernsehen gerade, Politiker und Bürger stritten in voller Lautstärke über Fluch und Segen der nach Gewinn strebenden Sender, und Postman hielt die Eröffnungsrede auf der Frankfurter Buchmesse. Seine unterhaltsam geschriebene Attacke aufs Fernsehen wurde zum Bestseller.
- USA
Zu Hause in den USA ging das Buch dagegen fast unter. Die Amerikaner hatten sich längst an das Privatfernsehen, an die großen TV-Konzerne und ihre Werbeunterbrechungen gewöhnt. Schleichwerbung war kaum mehr ein Streitthema.
- Gesellschaft
Was einmal mehr zeigte, dass die Aufregung über ein neues Medium nur kurz währt – bis dieses Medium zum Alltäglichen gehört. Postman konnte sich bestätigt fühlen: Nur zu Beginn vermag eine Gesellschaft der neuen Technik noch wirksame Grenzen zu setzen.
- Marshall McLuhan
Schon 20 Jahre zuvor erkannte, feierte und fürchtete Marshall McLuhan den großen Wandel von der Buchkultur zur elektronischen Welt. »In den Jahrhunderten der Mechanisierung hatten wir unseren Körper in den Raum hinaus ausgeweitet«, lautet ein berühmtes Zitat des Kanadiers, »heute...haben wir sogar das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet und damit...Raum und Zeit aufgehoben.« Nicht schlecht für 1964.
- Internet
McLuhan kannte das Internet nicht, aber er nahm es vorweg – als neue Narkose des Bewusstseins, wie er sich an einer Stelle ausdrückte. Erst das Netz nämlich macht die Revolution vollständig, die er so früh erfasste.
Der Satz ist schlicht, der Gedanke kraftvoll. Demnach entwickelt jedes neue, jedes schnellere und umfassendere Medium eine enorme Veränderungsenergie. Es ordnet sich der bestehenden Welt nicht unter, sondern ordnet diese Welt neu, sodass es seine Stärken entfalten kann. Bei einem neuen Medium seien es nicht so sehr die einzelnen Inhalte, die uns beeinflussen, erklärte McLuhan – es sei das Medium selbst, das beharrlich und ohne auf großen Widerstand zu stoßen, revolutioniert, wie wir denken und handeln.
Die Druckerpresse, die Johannes Gutenberg vor 560 Jahren anwarf, vervielfältigte zunächst nur die bis dahin handgeschriebenen Schriften. Dann aber veränderte sie die Art und Weise, wie man lernte und forschte, wie man vorankam im Leben, wie die Gesellschaft debattierte und was sie unter »Wissen« verstand. Der Telegraf, das Radio – neue Medien veränderten später ebenfalls die Welt. Dann kam das Fernsehen.
Anfangs war es nur ein neuer Verteilungsweg für Bühnenshows, Filme und Nachrichten. Dann entwickelte es seine innere Kraft. Die Nachrichten wurden kürzer, dramatischer – und bunt gemischt. Die Serien zogen Zuschauer in ihren Bann, und nach einigen Folgen tat das Banale nicht mehr weh. Die Werbung wurde zur Videokunst. Alles, so die Botschaft, steht gleichberechtigt nebeneinander: der Krieg in Nahost, die Daily Soap aus Berlin, das neueste Werbefilmchen für RWE. Das kommerzielle Fernsehen zerreibt die Hierarchie von Ernst und Unernst, Hochkultur und Boulevard.
Wie zum Beweis wurden Zeitschriften schneller und schreiender, in der Politik redete man von der Mediendemokratie. Der öffentliche Diskurs, die Art also, wie wir einen Grundkonsens an Werten und politischen Maßnahmen herstellen, geriet in den Sog des Fernsehens.
- Datum 25.09.2010 - 14:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.09.2010 Nr. 39
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Seit Aristoteles streiten wir, ob denn das Theater für uns reinigend sei (Katharsis) oder tatanstiftend (Paintaball wie die Waffenarren von der CDU wie Bosbach glauben). Wir sind in 2000 Jahren nicht weiter gekommen.
Andreas Gryphius meinte vor 400 Jahren, dass sowieso alles eitel sei.
Und Neil Postman war ein betuchter Aussteiger so wie die Jünger in Poona auch Aussteiger waren und guten Sex hatten statt harter Arbeit.
Aber gut, dass wir mal drüber geredet haben!
Oder wir fragen die kinderlose Alice Schwarzer, wie wir unsere Mädchen in den Schulen erziehen sollen.
Das Internet ist ein prachtvolles Hilfsmittel dabei, sich das Denken abzugewöhnen. Und dabei, sich das Denken anzugewöhnen.
Das Flache wird im Gehirn selbst erzeugt und nicht von außen hineingetragen. Entweder ist bei uns der Drang zur Tiefe da, oder er ist es nicht. Das gilt es herauszufinden, mit oder ohne Internet.
Es gab sie schon immer, jene, welche anhand einer kurzen Zusammenfassung wussten, ob sie einen Artikel oder ein Buch überhaupt näher ansehen wollten. Und irgendwie sind wir wohl alle so. Das hindert zumindest mich keineswegs daran, einen interessanten Artikel oder etwa ein Buch auf, das ich zufällig gestoßen bin, zu Ende zu lesen oder mich damit (wie hier und jetzt) auseinanderzusetzen. Mit den Möglichkeiten des Internets (und damit ist nicht nur Google gemeint), wird uns diese effiziente Art mit Informationen umzugehen wesentlich erleichtert und zudem wird das Wissen wesentlich demokratischer verteilt.
Sonderliche Ängste, dass durch Google und zügiges Klicken mein Gehirn deformiert wird, hege ich allerdings nicht.
So schön der Artikel, so schwach das Buch. Carr hat Erfahrungen, aber keinen Überblick. Solange das Internet als Medium beschrieben und mit dem Buchdruck verglichen wird, kratzt man höchstens an der Oberfläche seiner Gründungsgeschichte. Das Internet ist etwas ganz Anderes.
Ein Wesentliches sagt dafür der Artikel: Wir müssen jetzt schauen, was der Preis ist. Nur dafür sind die Meisten und die Politik im Besonderen viel zu weit weg vom Thema. Aber auch das war schon immer so - und et is noch imma jut jejange ;-)
via ZEIT ONLINE plus App
Folgt man dem Tenor des Artikels, dass das Web zu einem oberflächlichen Wahrnehmen verleitet, dann ist der Umfang dieses Beitrags als mutig zu bezeichnen. Spaß beiseite: Was mir in dem ansonsten gut gemachten Artikel fehlt, ist die Auswirkung des Internets auf die Wirtschaft und die Berufswelt. Hier nur ein Beispiel: Weil Content im Web massenhaft umsonst oder für ein paar Cents zu haben ist, werden Texter und Journalisten zunehmend prekarisiert. Ein Text, der vor 20 Jahren immerhin 100 DM einbrachte, ist heute bei Textbroker oder Clickworker für 2,50 Euro zu haben. Beispiel Nummer zwei: Für die Erstellung einer Website brauchte man vor fünf Jahren noch einen Webdesigner oder Webmaster. Heute kann das jeder selbst machen, entweder mit einem der kostenlosen Web-Site-Baukästen oder mit einer rund 30 Euro teuren Software. Beispiel drei: Fotografen und Videofilmer, die dank Pixelio und Co. sowie jedem mit einer Videofunktion ausgerüsteten Handy enorme Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Dennoch bin ich der Meinung, dass alles Klagen nicht hilft und dass es im Kern auch falsch ist: Denn das Internet bietet letztlich mehr Vor- als Nachteile und ist aus der modernen Welt nicht wegzudenken.
...ist sicherlich keine Folge des Internets. Wenn man im Feuilleton lebt, mag das so scheinen. Aber Banalität ist eine gesellschaftliche Konstante. Was glaubt Herr Heuser denn: dass wirklich vor 40 Jahren alle immer nur Goethe, Schiller, Lessing und Fontane gelesen haben? So ein Schmarrn, wirklich. Weder das Fernsehen noch das Internet haben zu irgendeiner Banalisierung geführt. Die Erfindung der Massenmedien hat zu einer Demokratisierung der Inhalte geführt. Mehr als seine technische Verfassung determiniert die spezifische Reichweite eines Mediums seinen Inhalt. Im 19. Jahrhundert haben ein paar Zehntausende die Bücher gelesen, die ihnen ihrer Meinung nach schickten. Heute gucken Millionen das Fernsehprogramm, das ihnen schickt. Das eine zeichnet sich durch Elitarismus aus, das andere durch Banalität. Aber wie der Elitarimus kein Phänomen der Gesamtgesellschaft war, sondern eines des partikularen Bürgertums, so ist die Banalität nicht durch die Massenmedien entstanden, sondern nur ans Licht gekommen. Eine umfassende gesellschaftliche Bildung hat es nie gegeben. Was Sie, Herr Heuser, antreibt, ist Nostalgie. Nostalgie ist aber die Sehnsucht nicht nach wirklicher sondern imaginierter Vergangenheit.
wenn man deren Inhalte auch aufnehmen will und kann, befähigen dazu, ein vollständigeres Bild unserer Lebenswelt für sich zu entwickeln und
nach Einschätzung der Seriosität und Abwägen der Vor- und Nachteile (für einen selbst und die "Umwelt"),
entstehen passende Wahlmöglichkeiten,
dabei entscheiden Wir für unseren weiteren Lebensverlauf und
übernehmen Verantwortung in demokratischer Freiheit.
Fraglich bleibt, wie diese Informationsmöglichkeiten die politischen OrdnungsStrukturen verändern werden (konservieren und&oder entwickeln) im Sinne einer dynamischen Demokratie?
http://de.wikipedia.org/w...
Das InternetNetzwerk - als KommunikationsStruktur - beschleunigt den Informationsaustausch und bietet vielfältigere Formen "Inhalte" darzustellen.
Dumm oder blöd (althochdtsch. blodi für schwach, kraftlos, http://de.wikipedia.org/wiki/Blödheit) werden Wir vielleicht dann, wenn wir diese Vielfalt ungefiltert und unkritisch konsumieren?
(Wer "nur" die Einbände verinnerlicht, ist eben der "Google" der Bibliothek)
Emanzipiert genutzt, befreit die heutige Vielfalt an WeltEinsichten eher vom Zwang, sich in der regionalen Kultur finden zu müssen (wie in früheren Zeiten für die weniger "Weitgereisten"), wählt man die "Zugehörigkeit" jedoch freiwillig, dann wird auch das Interesse daran und die Beteiligung oft eine förderliche Tiefe erhalten. Vergleichbar dem Engagement bei "Open Source"-Entwicklungen.
dass unser denken "verflacht" ist doch nur logisch. bei der vielzahl und frequenz an information kann das gehirn ja nicht jede einzelne "idee" vollständig durchdenken. dass somit der anteil der nicht durchdachten "ideen" relativ steigt, mach ja sinn. das geht ja nur schon zeitlich nicht auf. dadurch lässt sich auch ableiten, dass das kurzzeitgedächtnis relativ mehr gebraucht wird, aber soll nicht heissen die fähigkeit des langfristigen speicherns zu verlieren.
dass wir aber das denken verlernen, bezweifle ich. wir werden viel mehr filtern müssen und uns wahrscheinlich auch mehr spezialisieren. was im handwerklichen schon lange der fall ist, wird sich im geistlichen noch viel deutlicher ausprägen. zum glück sind wir dann so gut vernetzt. http://www.ted.com/talks/... hier ein ted-talk in dem erklärt wird, wie fortschritt mit spezialisierung zu tun hat. faszinierend.
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