Internet Denken, wie das Netz es willSeite 4/4

Jeder Klick ein Treffer – mit der Effizienz einer Maschine treibe Google die Verwandlung der Inhalte voran. Und in der Tat: Sitzt man mit den Google-Gründern zusammen, geben sie sich offen für jede Art neuer Inhalte. »Wir sind hier, um zu helfen!«, rief Larry Page etwa den Verlegern im Jahr 2008 zu – um dann gleich hinterherzuschicken, dass es sich natürlich um netztaugliche Inhalte handeln müsse. Mehr vom Alten helfe nicht. »Angebote im Netz richtig hinzubekommen ist schwierig«, warnte er.

Page und Co. begeistern sich zu Recht für die Möglichkeiten, die dem Netz innewohnen. Das ist ihr Job, ihr Leben. Den Preis dafür müssen andere benennen. Dass unser Denken in mancher Hinsicht verflacht, ist nur ein Teil. Das Netz verändert eben auch, wie der öffentliche Diskurs auf Herausforderungen antwortet und sich Gesellschaften entwickeln. Vor allem die These, dass die Aufregung beliebig werde, drängt sich dabei auf. Die Aufmerksamkeit wendet sich schnell im Netz. Ob sich die Nutzer einer bestimmten Frage zuwenden, ob sie fordernd oder gar zornig werden, ergibt sich mit einer gehörigen Portion Zufall. Und in schneller Folge echauffieren sich ganze Gruppen, um sich bald etwas anderem zuzuwenden. Dann fehlen die Zeit und der kollektive Wille für tiefere soziale Innovationen.

Was hier so glatt klingt, ist in Wirklichkeit eine Entwicklung voller Windungen und Widersprüche. Fast alle sogenannten Experten sind zum Beispiel davon überrascht, dass im Bezahlfernsehen der USA eine Serienkultur entstanden ist, deren Produkte den kritischsten Kritikern besser gefallen als die meisten Kinofilme. Und ganz leicht macht es der Mensch der neuen Technik auch nicht.

Seine innere Widerstandskraft kann enorm sein. Und oft schützt er sich, indem er etwa die sofortige Meldung einer jeden neuen Mail abschaltet, neue Nachrichten nicht mehr jede Minute aufscheinen lässt und Facebook in den Hintergrund rückt. Aber verschließt und verweigert er sich zu sehr, wird er abgehängt. Der Druck des Möglichen ist groß im Netz.

Nicht dass man das Netz deswegen schließen sollte. Man kann es auch gar nicht. Neil Postman mochte kategorische Sätze nicht besonders. Ein – nur halb ironisch so genanntes – »Gesetz« hatte er trotzdem: Das neue Medium gewinnt immer. Doch am Anfang, noch bevor die Menschen seine Botschaft verinnerlicht und wieder vergessen haben, bevor es also ins Unterbewusste driftet, können sie ihm Grenzen setzen und die Verluste klein halten.

Allein durch die Selbstbestimmung des Einzelnen geht das nicht. Die Schulen müssten früh einsteigen in die Aufklärung über das neue Medium – und nicht bloß in seine begeisterte Nutzung. Politiker müssten den Netzfirmen einen Rahmen setzen, der allzu unverschämte Praktiken von vornherein ausschließt.

Seien wir also wahrhaft effizient, und reden wir über die Ökonomie des Netzes im besten Sinne des Wortes. Darüber, wie wir als Gemeinschaft viel von ihm bekommen – und wenig dafür bezahlen. Funktionieren können wir später.

 
Leser-Kommentare
  1. Seit Aristoteles streiten wir, ob denn das Theater für uns reinigend sei (Katharsis) oder tatanstiftend (Paintaball wie die Waffenarren von der CDU wie Bosbach glauben). Wir sind in 2000 Jahren nicht weiter gekommen.

    Andreas Gryphius meinte vor 400 Jahren, dass sowieso alles eitel sei.

    Und Neil Postman war ein betuchter Aussteiger so wie die Jünger in Poona auch Aussteiger waren und guten Sex hatten statt harter Arbeit.

    Aber gut, dass wir mal drüber geredet haben!

    Oder wir fragen die kinderlose Alice Schwarzer, wie wir unsere Mädchen in den Schulen erziehen sollen.

  2. Das Internet ist ein prachtvolles Hilfsmittel dabei, sich das Denken abzugewöhnen. Und dabei, sich das Denken anzugewöhnen.
    Das Flache wird im Gehirn selbst erzeugt und nicht von außen hineingetragen. Entweder ist bei uns der Drang zur Tiefe da, oder er ist es nicht. Das gilt es herauszufinden, mit oder ohne Internet.

    • Meykos
    • 25.09.2010 um 10:26 Uhr

    Es gab sie schon immer, jene, welche anhand einer kurzen Zusammenfassung wussten, ob sie einen Artikel oder ein Buch überhaupt näher ansehen wollten. Und irgendwie sind wir wohl alle so. Das hindert zumindest mich keineswegs daran, einen interessanten Artikel oder etwa ein Buch auf, das ich zufällig gestoßen bin, zu Ende zu lesen oder mich damit (wie hier und jetzt) auseinanderzusetzen. Mit den Möglichkeiten des Internets (und damit ist nicht nur Google gemeint), wird uns diese effiziente Art mit Informationen umzugehen wesentlich erleichtert und zudem wird das Wissen wesentlich demokratischer verteilt.
    Sonderliche Ängste, dass durch Google und zügiges Klicken mein Gehirn deformiert wird, hege ich allerdings nicht.

  3. 4. Tiefen

    So schön der Artikel, so schwach das Buch. Carr hat Erfahrungen, aber keinen Überblick. Solange das Internet als Medium beschrieben und mit dem Buchdruck verglichen wird, kratzt man höchstens an der Oberfläche seiner Gründungsgeschichte. Das Internet ist etwas ganz Anderes.

    Ein Wesentliches sagt dafür der Artikel: Wir müssen jetzt schauen, was der Preis ist. Nur dafür sind die Meisten und die Politik im Besonderen viel zu weit weg vom Thema. Aber auch das war schon immer so - und et is noch imma jut jejange ;-)

    via ZEIT ONLINE plus App

  4. Folgt man dem Tenor des Artikels, dass das Web zu einem oberflächlichen Wahrnehmen verleitet, dann ist der Umfang dieses Beitrags als mutig zu bezeichnen. Spaß beiseite: Was mir in dem ansonsten gut gemachten Artikel fehlt, ist die Auswirkung des Internets auf die Wirtschaft und die Berufswelt. Hier nur ein Beispiel: Weil Content im Web massenhaft umsonst oder für ein paar Cents zu haben ist, werden Texter und Journalisten zunehmend prekarisiert. Ein Text, der vor 20 Jahren immerhin 100 DM einbrachte, ist heute bei Textbroker oder Clickworker für 2,50 Euro zu haben. Beispiel Nummer zwei: Für die Erstellung einer Website brauchte man vor fünf Jahren noch einen Webdesigner oder Webmaster. Heute kann das jeder selbst machen, entweder mit einem der kostenlosen Web-Site-Baukästen oder mit einer rund 30 Euro teuren Software. Beispiel drei: Fotografen und Videofilmer, die dank Pixelio und Co. sowie jedem mit einer Videofunktion ausgerüsteten Handy enorme Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Dennoch bin ich der Meinung, dass alles Klagen nicht hilft und dass es im Kern auch falsch ist: Denn das Internet bietet letztlich mehr Vor- als Nachteile und ist aus der modernen Welt nicht wegzudenken.

  5. ...ist sicherlich keine Folge des Internets. Wenn man im Feuilleton lebt, mag das so scheinen. Aber Banalität ist eine gesellschaftliche Konstante. Was glaubt Herr Heuser denn: dass wirklich vor 40 Jahren alle immer nur Goethe, Schiller, Lessing und Fontane gelesen haben? So ein Schmarrn, wirklich. Weder das Fernsehen noch das Internet haben zu irgendeiner Banalisierung geführt. Die Erfindung der Massenmedien hat zu einer Demokratisierung der Inhalte geführt. Mehr als seine technische Verfassung determiniert die spezifische Reichweite eines Mediums seinen Inhalt. Im 19. Jahrhundert haben ein paar Zehntausende die Bücher gelesen, die ihnen ihrer Meinung nach schickten. Heute gucken Millionen das Fernsehprogramm, das ihnen schickt. Das eine zeichnet sich durch Elitarismus aus, das andere durch Banalität. Aber wie der Elitarimus kein Phänomen der Gesamtgesellschaft war, sondern eines des partikularen Bürgertums, so ist die Banalität nicht durch die Massenmedien entstanden, sondern nur ans Licht gekommen. Eine umfassende gesellschaftliche Bildung hat es nie gegeben. Was Sie, Herr Heuser, antreibt, ist Nostalgie. Nostalgie ist aber die Sehnsucht nicht nach wirklicher sondern imaginierter Vergangenheit.

    • 2b
    • 25.09.2010 um 12:57 Uhr

    wenn man deren Inhalte auch aufnehmen will und kann, befähigen dazu, ein vollständigeres Bild unserer Lebenswelt für sich zu entwickeln und

    nach Einschätzung der Seriosität und Abwägen der Vor- und Nachteile (für einen selbst und die "Umwelt"),
    entstehen passende Wahlmöglichkeiten,

    dabei entscheiden Wir für unseren weiteren Lebensverlauf und
    übernehmen Verantwortung in demokratischer Freiheit.

    Fraglich bleibt, wie diese Informationsmöglichkeiten die politischen OrdnungsStrukturen verändern werden (konservieren und&oder entwickeln) im Sinne einer dynamischen Demokratie?
    http://de.wikipedia.org/w...

    Das InternetNetzwerk - als KommunikationsStruktur - beschleunigt den Informationsaustausch und bietet vielfältigere Formen "Inhalte" darzustellen.

    Dumm oder blöd (althochdtsch. blodi für schwach, kraftlos, http://de.wikipedia.org/wiki/Blödheit) werden Wir vielleicht dann, wenn wir diese Vielfalt ungefiltert und unkritisch konsumieren?
    (Wer "nur" die Einbände verinnerlicht, ist eben der "Google" der Bibliothek)

    Emanzipiert genutzt, befreit die heutige Vielfalt an WeltEinsichten eher vom Zwang, sich in der regionalen Kultur finden zu müssen (wie in früheren Zeiten für die weniger "Weitgereisten"), wählt man die "Zugehörigkeit" jedoch freiwillig, dann wird auch das Interesse daran und die Beteiligung oft eine förderliche Tiefe erhalten. Vergleichbar dem Engagement bei "Open Source"-Entwicklungen.

  6. dass unser denken "verflacht" ist doch nur logisch. bei der vielzahl und frequenz an information kann das gehirn ja nicht jede einzelne "idee" vollständig durchdenken. dass somit der anteil der nicht durchdachten "ideen" relativ steigt, mach ja sinn. das geht ja nur schon zeitlich nicht auf. dadurch lässt sich auch ableiten, dass das kurzzeitgedächtnis relativ mehr gebraucht wird, aber soll nicht heissen die fähigkeit des langfristigen speicherns zu verlieren.
    dass wir aber das denken verlernen, bezweifle ich. wir werden viel mehr filtern müssen und uns wahrscheinlich auch mehr spezialisieren. was im handwerklichen schon lange der fall ist, wird sich im geistlichen noch viel deutlicher ausprägen. zum glück sind wir dann so gut vernetzt. http://www.ted.com/talks/... hier ein ted-talk in dem erklärt wird, wie fortschritt mit spezialisierung zu tun hat. faszinierend.

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