Museum WeserburgTausche Kunst gegen gute Luft

Das Bremer Museum Weserburg will seine Sammlung verkaufen. Ein Skandal? von Tobias Timm

Am 9. November wird in der New Yorker Zentrale von Sotheby’s Unerhörtes geschehen. Das Gemälde Matrosen von Gerhard Richter soll dort für geschätzte sechs bis acht Millionen Dollar versteigert werden. Unerhört an diesem Plan ist, dass das Bild von der Weserburg eingeliefert wurde, Bremens Museum für Moderne Kunst . Mit der Versteigerung des Gemäldes wird Carsten Ahrens, Direktor der Weserburg, gegen das größte Tabu unter deutschen Museumsdirektoren verstoßen: Ein Museum darf seine Sammlung nie, nie, niemals verkaufen. Auch wenn es unter noch so großer Geldnot leidet. Neben dem Sammeln, Vermitteln und Forschen gehört schließlich auch das Bewahren zu den sakrosankten Kernaufgaben der Museen.

Carsten Ahrens aber will nicht nur den Richter, er wird auch noch 52 andere wichtige Kunstwerke aus der Sammlung des Museums verkaufen. Und er hat gute Gründe dafür.

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Das Geld aus den Kunstverkäufen soll in einen sogenannten Zukunftsfonds des Museums fließen, aus dem dann zum Beispiel der Einbau einer Klimaanlage finanziert werden soll. Besonders empfindliche Kunstwerke darf das Museum bisher aus konservatorischen Gründen nicht zeigen, es fehlt die richtige Luft in den Ausstellungsräumen. Auch die Besucherführung und die Architektur will man in der Weserburg schon lange verbessern.

Bisher leidet das Haus an chronischem Geldmangel; man habe, so Ahrens, ein strukturelles Defizit von 400.000 bis 600.000 Euro pro Jahr. Gemeinsam mit dem Mäzen Bernd Hockemeyer und in Absprache mit dem Bremer Kulturressort hat man in den vergangenen Monaten an einem ökonomischen Konzept für die Zukunft der Weserburg gearbeitet. Im Laufe dieser Überlegungen fand sich zwar ein Mäzen, der dem Museum in den nächsten drei Jahren jeweils 500.000 Euro für die Ausstellungsarbeit zur Verfügung stellt, doch davon kann man die Umbauten nicht bezahlen. Die Bremische Bürgerschaft finanziert zwar weiterhin den Großteil des jährlichen Weserburg-Budgets, aber darüber hinaus ist von der Stadt nichts zu erwarten. Und so sieht das Museum im Sammlungsverkauf die Lösung. Doch darf ein Museum seine Sammlung gegen eine Klimaanlage tauschen?

"Wenn ich Direktor eines klassischen Museums mit großer Sammlungstradition wäre, dann würde ich das niemals tun", sagt der um Verständnis werbende Ahrens. Die Weserburg ist kein klassisches Museum. Sie wurde 1991 als erstes Sammlermuseum Europas gegründet, also als ein Haus, das seine Ausstellung nicht aus eigenem Bestand, sondern aus dem von mehreren mit dem Haus verbundenen Privatsammlungen bestreitet. Zu den kooperierenden Privatsammlern gehören heute etwa Ingvild Goetz, Thomas Olbricht und Georg Böckmann. Anfangs hatte man noch den Plan verfolgt, parallel eine eigene Sammlung aufzubauen. Doch schon 1994 gab es von der Stadt keine Ankaufszuschüsse mehr, die bescheidene eigene Sammlung wuchs von da an nur durch Geschenke. Das wertvollste Geschenk kam 2004 von der Roselius-Stiftung, es sind jene 53 Werke, die jetzt verkauft werden.

Der Großteil dieser Werke geht in die Sammlung der Bremer Kunsthalle über, eine Stiftung zahlt der Weserburg dafür einen ungenannten Betrag. Die beiden wohl wertvollsten Gemälde aus dem Konvolut (neben dem Richter auch ein fotorealistisches Gemälde von Franz Gertsch) sollen jedoch mit der Zustimmung des ehemaligen Stifters einzeln auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft werden.

Als das Sammlermuseum Weserburg 1991 eröffnete, warnten die Kritiker vor dem wachsenden Einfluss der Privatsammler auf die Museen. Nicht ganz zu Unrecht, wie man heute weiß. Ist das kleine Museum Weserburg jetzt wieder Avantgarde? Folgt bald der massenhafte Ausverkauf musealer Sammlungen? Nein, hofft der Weserburg-Direktor, sein Fall sei so speziell, er dürfe von den Haushaltspolitikern in anderen Kommunen nicht als Signal missverstanden werden. Verkauften alle in Finanznot geratenen Museen Deutschlands ihre Meisterwerke, so hätte das nicht nur fundamentale Folgen für das Verständnis der Museen und ihre Anziehungskraft. Es wären auch sehr schnell die hohen Preise für die Kunst verdorben.

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Leserkommentare
  1. Es ist zwar traurig, wenn sich ein Museum von einem exzellenten Gerhard-Richter-Gemälde trennen muss, aber was nutzt die Sammlung, wenn das Museum sonst nicht überleben kann.

    Grundsätzlich bin ich natürlich gegen einen "Ausverkauf" von Museumssammlungen, aber kann der Argumentation Ahrens gut folgen: Wenn man über keine über Jahrzehnte aufgebaute in sich geschlossene Sammlung verfügt, was nutzen dann Spitzenstücke, die vielleicht auch großteils nur im Depot lagern?

    Eine Sorge von Herrn Ahrens kann ich aber nicht nachvollziehen: dass seine Aktion Nachahmer findet und so "sehr schnell die hohen Preise für die Kunst verdorben werden".

    Was wäre schlecht daran, wenn die Preisblase platzen würde? Dann könnten die Museen endlich wieder gezielte Neuerwerbungen zu akzeptablen Preisen tätigen. Mein Mitleid mit den Kunst-Spekulanten hält sich in Grenzen. Aber da das Museum Weserburg ja fast ausschließlich auf Sponsoren/Sammler angewiesen ist, musste Ahrens das wohl sagen.

    Ansonsten denke ich, dass sich die Museen/Sammlungen grundsätzlich besser miteinander vernetzen sollten. Denn Stücke die in der einen Sammlung hauptsächlich im Depot ruhen, da sie nicht so recht zum Schwerpunkt des Museums zählen, könnten in einem anderen Museum die Sammlung ideal ergänzen - und umgekehrt. Da sollten sich doch Möglichkeiten für ganz primitive Tauschgeschäfte finden lassen.

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  • Schlagworte Gerhard Richter | Kunstmarkt | Museum | Sammlung | Avantgarde
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