Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Einen Schiffsuntergang hatte es vorher nicht gegeben. Und doch müssen sich jene, die diesen Ort, dieses Inselidyll, vor fast zwanzig Jahren zum ersten Mal erblickten, fast wie Gerettete gefühlt haben. Wie Schiffbrüchige, die von den Wellen zu irgendeinem namenlosen Gestade getragen werden, nur um sich dort verwundert die Augen zu reiben, erst fassungslos, dann belebt, berauscht, begeistert. So ungefähr beginnt die Geschichte dieses ebenso seltsamen wie einmaligen Museums, die zugleich die Geschichte der Entdeckung und Wiederbeatmung einer vergessenen Welt ist.

Anfang der 1980er Jahre war der Düsseldorfer Immobilienhändler und Kunstsammler Karl-Heinrich Müller – eine durch und durch barocke Kraftnatur – erstmals hergekommen: zur wild überwachsenen Flussinsel Hombroich, die gleich vor den Toren der Stadt Neuss liegt. Dass sich hier seit dem frühen 19. Jahrhundert eine elegante, schon lange leer stehende Villa versteckte, umgeben von einem weitläufigen Landschaftspark, den einst der Gartengestalter Maximilian Weyhe angelegt hatte, war weitgehend in Vergessenheit geraten.

Weil Müller nicht nur sehr viel Geld und Tatendrang besaß, sondern auch eine große Sammlung, für die er dringend eine Heimstatt suchte, kaufte er das Areal. Als Experimentierfeld, um hier eine ganz neuartige Präsentation seiner Kunstsammlung umzusetzen, zu der altchinesische Tonfiguren ebenso gehören wie Collagen von Kurt Schwitters, präkolumbianische Federkleider wie Aquarelle von Paul Cézanne, afrikanische Fetische wie Gemälde von Lovis Corinth, monumentale Khmer-Skulpturen wie filigrane Mobiles von Alexander Calder. Nicht in der Stadt wollte er die von ihm nach Lust und Laune zusammengetragenen Schätze zeigen. Sondern inmitten der Natur, in einer Suite von einzelnen Pavillons, die selber Kunstwerke sein sollen und alles andere als reine Nutzbauten, ohne Kunstlicht, ohne Klimaanlage und ohne Hinweistafeln.

Weil er zudem schon seit vielen Jahren mit Protagonisten der Düsseldorfer Kunstszene rund um die Akademie verbunden war, mit Gotthard Graubner, Erwin Heerich und Anatol Herzfeld vor allem, war schnell die Idee geboren, die Robinsonade des Kunstsammlers zu einer ganzen Künstlerkolonie auszuweiten, mit Wohn- und Arbeitsplätzen für die Artisten im peu à peu wiederhergestellten Inselparadies. Der Raumschöpfer Heerich entwarf rund zehn steinerne, über das ganze Gelände verteilte Pavillons als begehbare Skulpturen für die Aufnahme der Sammlung, die im ebenso großen wie bedeutenden Konvolut von Werken Jean Fautriers kulminiert. Der Maler Graubner entwickelte ein auf Assoziationen, auf Korrespondenzen zielendes Präsentationskonzept für diese Pavillons. Und der Aktionskünstler Anatol aus der Jüngerschaft von Joseph Beuys arbeitet hier noch heute unter freiem Himmel, an monumentalen Plastiken insbesondere, die sich mittlerweile über das ganze Terrain verteilen.

1987 wurde schließlich, auf dem durch Zukäufe stetig weiter wachsenden, von dem Landschaftsarchitekten Bernhard Korte renaturierten Gelände der ehemaligen Auenlandschaft, das Museum Insel Hombroich eröffnet. Als "Atlantis eines Sammlers", wie staunend eine große amerikanische Zeitung schrieb. Und vor allem als ein "offener Versuch", so der 2007 verstorbene Robinson aus Düsseldorf, der in diesem Arkadien an der Erft einen "kleinen universalen Kulturkreis" etablieren wollte, einen gleichsam utopischen Ort, wo die Gestaltungskraft der Natur und die des Menschen sich entspannt und gleichberechtigt begegnen können. Wo Landschaftsraum, Architektur und Kunstwerk zu einem einzigen großen Sinneserlebnis für den umherstreifenden Besucher verschmelzen. Jeder soll sich hier wie ein Geretteter – und wie ein Entdecker fühlen. Wie jemand, der unversehens, aber mit weit geöffneten Augen, an einem arkadischen Gestade gestrandet ist.