Neulich rief mich Herr Sönmez an. Er war mir bis dahin unbekannt. Er hatte im Netz gesucht und meine Telefonnummer gefunden. Das war nicht schwer, denn nachdem ich als Expertin in den Talkshows von Reinhold Beckmann und Maybritt Illner aufgetreten und Thilo Sarrazins Thesen öffentlich widersprochen hatte, wurde meine Privatadresse samt Telefonnummer offensiv auf rechtspopulistische und islamfeindliche Internetseiten gestellt, unter anderem garniert mit dem Aufruf: »Diese Frau soll getötet werden.«

Herr Sönmez gratulierte mir zu den Fernsehauftritten und ging dann dazu über, mir sein Herz auszuschütten. »Ich bin empört«, wiederholte er mehrmals. »Wie kann er das über uns sagen? Was soll ich meinen Kindern sagen? Seit Jahren erzähle ich ihnen: Geht zur Schule, seid fleißig, arbeitet – jetzt stehen sie vor mir und fragen mich: Wie ist das mit den Deutschen? Wenn du keine Arbeit hast, sagt man dir, du liegst dem Staat auf der Tasche. Und wenn du eine Arbeit hast, heißt es, du nimmst ihnen die Arbeitsplätze weg. Wir sind hier sowieso nicht gewollt – egal was wir tun und wie lange wir schon hier sind.«

Einen kurzen Moment fühlte ich mich versucht, seiner Empörung nachzugeben. Ich wollte ihm recht geben und ihm sagen, dass dies auch mit der Bildung passiert – wenn eine Minderheit nicht gebildet ist, dann stehen wir alle als Versager da, und wenn wir Bildungsaufstiege nachweisen, dann heißt es gönnerhaft, dass dies ja nur auf das kostenlose Bildungssystem zurückzuführen sei. Gleich intelligent seien wir immer noch nicht, und wenn wir in zahlreichen Fällen »beweisen«, dass wir es auf hohe und höchste Ränge schaffen können – dann findet der Verteilungskampf nicht mehr nur mit den Leuten auf der Straße statt, sondern zieht sich hoch bis zu den »alteingesessenen« Intellektuellen.

Diese stellen dann auf öffentlichen Podien – so geschehen gegenüber Ali Samadi Ahadi bei einer Podiumsdiskussion mit Thilo Sarrazin letzte Woche in der Berliner »Urania« – als Einleitung die Frage: »Sind Sie nicht froh, dass Sie jetzt hier in diesem freien Land sitzen und reden dürfen und nicht im Iran, wo jede Meinungsfreiheit eingeschränkt wird?« Ja, Herr Matussek, möchte man antworten, ich bin auch froh, dass ich heute morgen Müsli gegessen habe und nicht Döner.

»Muslimischsein ist derzeit vor allem das Gegenteil von Deutschsein«

Doch Herrn Sönmez antwortete ich staatstragend: »Wir dürfen jetzt nicht den Fehler begehen, uns spalten zu lassen. Wir dürfen nicht ›die Deutschen‹ sagen, genauso wie wir nicht wollen, dass man ›die Muslime‹ sagt. Wir dürfen uns auch nicht wieder emotional in eine Rückkehroption begeben, denn wir sind seit bald einem halben Jahrhundert hier, ein immer größerer Anteil von uns ist hier geboren, wir sprechen Deutsch, die meisten von uns arbeiten hier, unsere Kinder gehen hier zur Schule und werden hier groß. Und so schrecklich es für den ein oder anderen sein mag: Wir gehen auch nicht mehr zurück – denn wo ist wohl zurück, wenn Deutschland unsere Heimat ist?«

Als ich auflegte, musste ich mich zurücklehnen und tief einatmen – wen habe ich da eigentlich gemeint, als ich immer wieder »wir« sagte? Noch vor drei Wochen war mein »Wir« ein deutsches »Wir«. Eines, in dem ganz selbstverständlich mehrere Referenzsysteme mitschwangen, auch das iranische Herkunfts-Wir meines Vaters. Jetzt war mein »Wir« plötzlich ein migrantisches, ein muslimisches, in dem mein Deutschsein vollkommen ausgeblendet schien.