Lebenswerk eines NaturforschersZeitkapsel voller Schmetterlinge

Das Lebenswerk eines Naturforschers versank 1939 im Atlantik. Ein einziger Koffer bleibt übrig von 

Ende August 1939 verließ das Handelsschiff Inn den brasilianischen Hafen Pará mit Kurs auf Deutschland. Wäre es in Hamburg angekommen, gälte Arnold Schultze heute als einer der großen deutschen Naturforscher des 20. Jahrhunderts. Doch Schultze hatte Pech: Die Weltgeschichte bescherte ihm den GAU eines Forscherlebens.

Vier dürftige Zeilen finden sich in der Wikipedia über das wissenschaftliche Wirken dieses Mannes: Er habe 1910/11 »als Geograph an der Zentralafrika-Expedition von Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg« teilgenommen. Kein Wort über die vier Jahrzehnte danach, die Reisen nach Kolumbien, Zentralafrika, Ecuador. Sein Schicksal ist in Vergessenheit geraten – weil Schultze und seine Frau Hertha zum falschen Zeitpunkt das falsche Schiff für die Rückfahrt genommen hatten.

Anzeige

Denn die Inn liegt auf dem Meeresgrund. Mit ihr Zehntausende Käfer und Pflanzenblätter, Wurzeln und Tagebuchseiten, Samen und Skizzen: die Dokumente einer viereinhalbjährigen Sammeltour durch Ecuador. Am 3. September 1939 – die Schultzes waren bereits auf See – erklärten nämlich die Alliierten dem Deutschen Reich den Krieg. Die Atlantikblockade trat in Kraft. Am 5. September versenkten die Briten südwestlich der Kanaren das Schiff samt Sammlung. Das Paar wurde gefangen genommen. Internierung in Dakar, Unterschlupf auf Madeira, 1948 der Tod: Die Öffentlichkeit bekam keine Gelegenheit, Arnold Schultzes Schaffen zur Kenntnis zu nehmen. Selbst die Herbarien und Aufzeichnungen, die er vor Ausbruch des Kriegs an das Botanische Museum in Berlin-Dahlem versandt hatte, raffte ein Bombenangriff dahin. Aus dem Gedächtnis heraus brachte Schultze zwar auf Madeira noch »Pflanzengeographische Beobachtungen« zu Papier. Mit den Originalen aber war die Forscherleistung im Ozean versenkt.

Doch der Zufall schlug nicht nur am 5. September zu. Wochen vor der Abreise hatte Schultze in Kolumbien einen Koffer per Post aufgegeben. Er erreichte Berlin, wurde im Naturkundemuseum registriert als »Koffer 41/Trockenmaterial«. Nur ausgewertet hat den Inhalt niemand. Bis 2006.

Da stoßen der Publizist Hanns Zischler und die Illustratorin Hanna Zeckau bei Recherchen zu einem ganz anderen Thema auf den verwaisten Koffer. Sie heben den Deckel, finden Zigarrenkisten, darin 18.000 Schmetterlinge, säuberlich gelagert in geschickt gefalteten Zetteln – Hotelrechnungen, Buchseiten, Zeitungsfetzen –, manche bekritzelt mit kaum mehr lesbaren Kalauern: »Der Tango macht den Gaucho heiß, wie jedes Rind der Pampa weiß.«

Auf ein »Strandgut der Wissenschaft« seien sie gestoßen, schreibt Zischler, einen »Zeitcontainer«, in dem die Falter in Sterbehaltung überdauert hätten. Zeckau hat viele der bunten Prachtexemplare gezeichnet, Zischler weitere Quellen gesucht und getextet. Entstanden ist ein rundum schönes Buch, dessen Texte heutigen Entomologen das Schicksal eines noch leidenschaftlicheren Kollegen näherbringen, dessen »Forscherleben eine einzige permanente Selbstüberforderung war, ein beharrlicher Trieb, in dem Jagd- und Reise-, Schau- und Schreibfieber sich gegenseitig übergipfelten«.

»Ich hab noch einen Koffer in Berlin«, sang die Dietrich 1951. Arnold Schultze hätte früher ein Lied davon singen können – hätte er bloß je erfahren, dass wenigstens dieser eine Schmetterlingskoffer seinen Weg gefunden hat.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Kipala
    • 26. September 2010 13:34 Uhr

    Danke für den Artikel, in der wikipedia ist Arnold Schultze ab sofort deutlich stärker -wenn auch immer noch knapp- gewürdigt.
    http://de.wikipedia.org/w...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Wikipedia | Tango | Kolumbien | Berlin | Dakar | Ecuador
Service