Alexis De Tocqueville (1805-1859) gilt als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft © Hulton Archive/Getty Images

Was bleibt nach Sarrazin ? Wie breit ist der Korridor zwischen dem Verdrucksten und dem Korrekten – zwischen "das wird man wohl sagen dürfen" und "absolut inakzeptabel"? Die Antwort klingt wie: "Schmal is beautiful." Leitplanken sind nicht grundsätzlich zu verachten, weil jede Gesellschaft Selbstvergewisserung und Verbindlichkeit braucht, zumal die deutsche, die zu Recht allergisch auf ihre Vergangenheit reagiert.

Aber es geht mehr um das "Wie" als um das "Was". Dass Diskriminierung und Rassismus tabu sind, kann und wird niemand bestreiten. Problematisch wird’s bei Floskeln wie "nicht hilfreich". Axel Hacke hat sich darüber bei Beckmann lustig gemacht: So rede doch niemand im normalen Leben. Das ist Polit-Sprech, so ängstlich wie "das wird man wohl…". Wiewohl höflich, ist es ein Sprachverbot.

Alexis de Tocqueville hat schon vor 180 Jahren in seinem Meisterwerk über die erste, die amerikanische Demokratie erkannt, was dem Westen blüht. Die Gleichförmigkeit des Denkens und die Tyrannei der "erträglichen" Meinungen sind sehr wohl vereinbar mit einem freien Staatswesen. Der Konformismus formiert sich von selber – ohne Gleichschaltung und Geheimpolizei. Dieser Despotismus ist süß und gewollt, und das macht ihn so gefährlich. Man spürt ihn kaum, wenn nicht ab und zu ein "Provokateur" dazwischenfährt.

Doch Provokation ist "absolut inakzeptabel"; ergo wird sie nicht mit Argumenten, sondern mit Austreibung bekämpft. Erstens funktioniert es nicht; zweitens schreibt Henryk Broder: "Wären nur ›richtige‹ Meinungen diskussionsfähig, würde sich jede Diskussion erübrigen." So hat es schon Ludwig Börne, der Provokateur im Biedermeier, ausgedrückt: Das "Vergnügen" des deutschen Bürgertums ist das "Exkommunizieren". Er fährt fort: "Mit geselligen Stoffen ist es wie mit den chemischen; vereinigt bilden sie einen dritten, neuen Stoff. Aber eben dieses unbekannte Dritte fürchtet man in Deutschland wie den Bösen." Börnes Feind waren die "steinerne Ruhe", der "Hass" auf das "Strebende und das Widerstrebende".

Gibt es also nichts Neues unter der deutschen Sonne? Doch. Dies ist nicht Börne-Land, sondern das freiheitlichste Deutschland, das es je gab. Auch das vernünftigste, wenn man von der bleibenden Ächtungslust absieht. Deren Preis ist wiederum er- und einträglich – siehe die Verkaufszahlen von Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab .

Anders als zu Börnes Zeiten bringt Streitlust nicht Metternichs Geheimpolizei ins Haus. Deshalb dürfen wir den Korridor ruhig verbreitern. Zum Beispiel beim Thema Einwanderung & Eingliederung, wo die Selbstvergewisserung auch das neue "Eingemachte" der Deutschen zelebrieren darf: die Menschenwürde, die Freiheit und Unversehrtheit der Person, die Gleichheit der Geschlechter, den Rechtsstaat mit einem Gesetz für alle. Dieser Kodex grenzt nicht aus, sondern lädt ein, weil er das Allgemeine über das Partikuläre stellt. Nicht schlecht für eine "Leitkultur", die einst Abwehr und Abwertung produzierte.

Wer breit streitet, verlässt nicht den "Konsens der Demokratie"; er stärkt sie. Und: Klare Worte, auch falsche, sind gut fürs klare Denken.