Gerüchte über seinen Rücktritt gab es in den vergangenen Jahren schon viele, aber Moskaus Bürgermeister Jurij Lushkow hielt sich zäh im Amt. Diesmal könnte es ernst werden . Denn Lushkow ist nicht nur für die Macht, sondern auch für das liberale und zukunftsgewandte Selbstbild von Präsident Dmitrij Medwedjew bedrohlich geworden. Nach monatelangen Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und der Polizei um die Rodung im Waldgebiet von Chimki nördlich von Moskau hatte Medwedjew einen Baustopp und öffentliche Anhörungen über Alternativrouten der geplanten Autotrasse nach Sankt Petersburg angeordnet. Es war ein Etappensieg für Russlands Zivilgesellschaft von der Art, die dem Bienenzüchter und Loyalitätsfanatiker Lushkow gar nicht gefiel. Tage später kritisierte er in einem Zeitungsartikel die Entscheidung des Präsidenten und nannte die geplanten Anhörungen "Geschwätz".

Wer ist dieser Mann, der seit fast 20 Jahren Moskau als mittlerweile dienstältester Regionalherrscher in Russland führt und das Staatsoberhaupt herausfordert? Lushkow verkörpert für viele, vor allem Ältere, das Ideal sowjetischer Führung: ein zupackender und dabei oftmals grober, aber effektiver Hausherr von proletarischer Art. Städtische Baustellen inspiziert er an Samstagen, wenn sich andere Funktionäre lieber auf der Datscha aalen, und erteilt in barschem Ton Anweisungen, mit welcher Farbe das Betonfundament zu streichen sei. Widerspruch kommt in seinen Augen einer Revolte gleich. Die engsten Mitarbeiter pflegen eine ehrfurchtsvolle Unterwürfigkeit. Kaum ertönen seine Schritte in den Gängen des Bürgermeisteramtes, verstummen sie und erwarten ihren Dienstherren. Auch beim wöchentlichen Fußballspiel wusste Lushkow immer vor allem jene Mitspieler zu schätzen, die trotz aussichtsreicher Schussposition lieber ihm den Ball auflegten. Hier, bei seinen Toren auf dem Rasen des Olympiastadions, war die Öffentlichkeit gern gesehen. Die Stadt Moskau baute er eher heimlich zu seiner Residenz aus. Manchmal schien es, als gehörte sie ihm.

Das System Lushkow basiert auf strenger Hierarchie: Unter ihm arbeitet ein Apparat mit starken Vizebürgermeistern, die alle Alltagsarbeit koordinieren. Das bewusst klein gehaltene Stadtparlament, in dem 35 Abgeordnete gut zehn Millionen Moskauer vertreten, dient als gesetzgeberischer Erfüllungsgehilfe. Gegen Kritiker geht der Bürgermeister vorwiegend gerichtlich vor. Mehr als 50 gewonnene Verfahren zur Verteidigung der "Ehre und Würde" scheinen seinen Einfluss auf die Moskauer Gerichtsbarkeit widerzuspiegeln. Die Zufriedenheit vieler Moskauer erkauft er sich durch städtische Rentenzuzahlungen und Lohnzuschüsse von teils mehr als 100 Prozent an Lehrer, Ärzte oder Polizisten.

Lushkow kann sich das leisten, denn die Hauptstadt zieht mehr als 80 Prozent des Kapitals in Russland an sich. Aber der Reichtum weckt Sehnsüchte und will aufgeteilt werden. Den Einfluss verschiedener Wirtschaftsgruppen, die den Bau-, Grundstücks- oder Telefonmarkt dominieren, hat Lushkow wohl ausbalanciert. Mancher Gewinn bleibt dabei in der Familie: Ehefrau Jelena, die mit der Produktion von Einweggeschirr oder Plastiksitzen für das Moskauer Olympiastadion erste Erfolge hatte und dann in die lukrative Baubranche wechselte, wurde an seiner Seite zur reichsten Frau Russlands. Moskau erwarb unter Lushkow den Ruf einer Hauptstadt der Korruption.

All das ist nicht im Sinne des Präsidenten. Medwedjew präsentiert sich als Erneuerer des Landes, Lushkow dagegen steht für ein selbstherrliches Weiter-so. Mit seiner Entscheidung, den Straßenbau durch den Wald von Chimki vorläufig zu stoppen, folgte Medwedjew vielleicht nicht nur der Vorsicht und dem Populismus, die schon den früheren Präsidenten und heutigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin zu Kompromissen brachten. Der verlegte vor vier Jahren eine geplante Ölpipeline weg vom Ufer des Baikalsees, nachdem der Protest der Umweltschützer zu massiv wurde. Vielleicht ist der demokratische Impuls bei Medwedjew tatsächlich stärker als bei Putin. Lushkow würde das Chimki-Problem jedenfalls mit dem Bulldozer lösen. Das mag bei manchen Problemen kurzfristig Erfolg haben, aber es würde jene Vertreter der kulturellen und wissenschaftlichen Elite vor den Kopf stoßen, die Medwedjew zur Modernisierung des Landes braucht.