Gab es einen Augenblick, in dem mir meine Wandlung bewusst wurde? Natürlich vollziehen sich die wichtigen Veränderungen allmählich, fast unmerklich, aber ein Moment ist mir in Erinnerung geblieben. Es war bei einer Hochzeitsfeier, und ich erinnere mich an meine Fassungslosigkeit angesichts der ihrerseits fassungslosen Schwester der Braut, die kaum glauben konnte, mit wem sie sich da unterhielt: "Wie, du bist wirklich aus dem Westen? Aber du bist doch ganz nett."

Damals habe ich begriffen, wie ich in meiner neuen Heimat zurechtkommen würde. Der Wessi als solcher war ein Feindbild. Der real existierende Einwanderer aber, mit dem man, etwa bei einer Hochzeit, singen und trinken konnte, würde unter Umständen akzeptiert und sogar geschätzt werden. Begegnung, Offenheit, darauf kam es an. Hilfreich allerdings war es schon, jedenfalls auf den ersten Blick nicht ins Raster zu passen. Kein Wessi, kein Ossi – dieses Erlebnis war die Basis meiner Wossifizierung.

Vergangene Woche wurde wieder eine dieser Studien vorgestellt: "Es wächst nicht zusammen, was zusammengehört", auch nach 20 Jahren Wiedervereinigung gibt es nicht das Gefühl von einem gemeinsamen Volk. Wer fast die Hälfte seines Lebens im Osten verbracht hat, braucht keine Untersuchung, um das zu wissen. Als Wossi gehört man einer Minderheit an, vielleicht können nur wir wirklich nachvollziehen, was in beiden Sorten Deutscher vorgeht. Nicht ganz hier und nicht ganz dort – diese Rolle gibt es in jeder Immigrations- und Integrationsgeschichte. Wir sind Kulturdolmetscher, fast so wie in Deutschland geborene Deutschtürken es in westlichen Großstädten für Deutsche und Türken sind. Und wie diese haben wir viel zu tun.

Was fremd ist, gilt als westdeutsch – egal, woher es kommt

Natürlich sind die Sprachprobleme vergleichsweise harmlos. Aber wehe dem Wessi, der sie unterschätzt! Die Präpositionen sind in Sachsen die schlimmsten Fettnäpfchen. "Was machst du denn an Weihnachten?", fragt der Neuling. "Zu heißt das!", wird er dann angeraunzt und zweifelsfrei als Wessi enttarnt. Dass die Sprachgrenze in dieser Frage nicht zwischen Osten und Westen, sondern eher zwischen Nord und Süd verläuft, das schert in Sachsen niemanden. Was fremd ist, ist westdeutsch!

Jeder vernünftige Reiseführer empfiehlt, sich einen Grundwortschatz und ein paar örtliche Gepflogenheiten anzueignen, um mit Eingeborenen in Kontakt zu kommen. So hielt ich es vor 19 Jahren auch. Es begann schon mit dem Händeschütteln. Im Westen ist diese Begrüßung konservativen Kreisen und ländlichen Gegenden vorbehalten; hier dagegen geben selbst die coolsten Jugendlichen einander auf dem Schulhof artig die Hand. Ich lernte das Ritual schnell als freundliche Geste schätzen und praktizierte es auch bei Heimatbesuchen. Das irritierte manchen Altländler.

Wir brachten auch Ostpakete mit, über die sich die drüben gönnerhaft freuten wie Eltern über die Basteleien kleiner Kinder. Nicht dass wir Kathi, Halloren, Bautzner Senf oder Schlagersüßtafeln für unverzichtbar hielten, es ging eher um regionale Wirtschaftsförderung. Einmal fuhr ich mit einem Wartburg im Westen vor. Ein Bekannter hatte ihn mir geliehen, weil mein West-Golf schlapp gemacht hatte. Als ich dann noch zur Begrüßung die Hand ausstreckte, sagte jemand: "Du bist ja schon ein richtiger Ossi." Ich fürchte, es sollte kein Kompliment sein. Man geht womöglich schneller weg, als man ankommen kann.

Wir waren die Verwegenen, die in die fremde Zone gezogen waren, wo Ampelmännchen mit grünen Pfeilen lauerten. Ein Abenteuerland mit Braunkohleofen und Trabi-Luft. Und all diese unbekannten Namen: Siegmund Jähn, Frida Hockauf, Timur und sein Trupp. Und diese lustigen DDR-Slogans: "Nimm ein Ei mehr" oder "Der Mais ist die Wurst am Stengel". Ich habe sie gesammelt wie in einem Poesiealbum.