Ich habe die Pflicht, allen Tierfreunden, Katzenhassern und Vegetariern sowie Brekkie-Herstellern und Vogelschützern mitzuteilen, dass Frau Hoffmann nicht mehr lebt. Im reifen Alter von 16 Jahren ist sie nach längerer Krankheit mithilfe routinierter Sterbehelfer nach Ägypten abgedüst, weil es dort, im Land der Pharaonen, "keine der hiesigen Plagen" gebe, "kein Hundegebell, kein Glockengeläut und auch keine Silvesterknallerei!"

Diese letzten Worte meiner klugen Katze erinnerten mich an den vergangenen Jahreswechsel. Damals dauerte es eine knappe Stunde, bevor sie mit gesträubtem Fell unter dem Sofa hervorkam. Ich benutzte die Gelegenheit, um ihr nachträglich zu gratulieren, dass sie nicht als Maskottchen mit der Bundeswehr in Afghanistan um ihr Leben bangen musste. Hierzulande sind ja nicht einmal Migranten mit hohem IQ vor Auslandseinsätzen gefeit.

"Was ist IQ?" – "Etwas, das jede Katze und jeder Hund hat." – "Flöhe?" – "Eigentlich nicht. Eher wie der Blutdruck. Der Intelligenz anzeigende Blutdruck."

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Bei dieser unwissenschaftlichen Erklärung mischte sich die Hausfrau ein: "Erzähl ihr doch nicht so ’nen Quark..." – "Ich mag keinen Quark, das wisst ihr doch genau", unterbrach Frau Hoffmann die Schulstunde und nahm unser vorheriges Thema wieder auf: "Nach Afghanistan geht man doch nur freiwillig, oder?" – "Am besten gar nicht", brummte ich, und fast gleichzeitig sagte Madame: "Das hängt vom IQ ab."

Frau Hoffmann nickte und bürstete ihren Schwanz: "Ist doch klar. Bei hohem Blutdruck darf man nicht dorthin, wo es knallt." Sie leckte sich zufrieden die Pfote. Draußen vor dem Fenster pfiff eine verspätete Rakete. So war sie immer. Noch aus unseren konfusen Andeutungen zog sie die richtigen Schlüsse. Sehr oft kreiste unsere Unterhaltung um die Wunder der Welt.

"Warst du schon mal in Ägypten?", war eine von ihr bevorzugte Eröffnung. Ich schüttelte verneinend den Kopf. "Ich schon. War toll." Was redete sie da? Sie war von Anfang an mit uns zusammen gewesen und sonst nirgends. Sie spürte meinen Widerspruch und sagte: "In meinem früheren Leben. Alle Katzen waren schon mal da." Ich legte die Wasserpfeife aus der Hand: "In deinem früheren Leben?" – "Wann denn sonst? Während ich mit euch in der Drôme war oder auf der Burg?" Sie hatte recht. In diesem Leben konnte es nicht gewesen sein. Also die gute alte Wiedergeburt.

"Und als was warst du in Ägypten? Als Kamel? Als Mistkäfer?" Sie sah mich verwundert an: "Als Katze natürlich. Ägypten ist das Reich der Katzen. Wir saßen auf dem Thron! Hast du noch nie gehört, dass Katzen den Ägyptern heilig waren?" – "Doch, doch. Auch dass ihr die Pyramiden gebaut habt, weiß ich wohl." – "Wenn es diese blöde Reinkarnation nicht gäbe, wäre ich noch heute in Ägypten." – "Und was würdest du dort tun?" – "Herrschen. Ich säße auf dem goldenen Thron, umgeben von tausend Mäusen, und erließe Gesetze." – "Was für Gesetze?" – "Einen Einwanderungsstopp für Hunde." – "Noch was?" – "Ja, Hunde müssten lernen zu miauen."

Man sieht, schon in vorantiken Zeiten wurde es Migranten schwer gemacht.