Der reiche Mann trainiert für den Aufstand: Roger Waters in Toronto © Marek Lieberberg Konzertagentur

Als Roger Waters, der Chef der aus Ego-Gründen zerfallenen Popgruppe Pink Floyd, jetzt in Toronto die Großtournee startete, welche seine Verschwörungsfantasie The Wall in 114 Stationen durch Nordamerika und Europa schicken wird, da brauchte er, im Zentrum seines Großprojektes, ein wenig Unschuld. Also ließ er die Schüler, welche die zentrale Wall -Hymne singen sollten, in Torontos Schulen übers Internet suchen. Und tatsächlich, er fand sie: 23 Silberstimmen, welche die Zeilen We don’t need no education, we don’t need no thought control auf der Bühne des Air Canada Center so sangen, dass sie klangen wie ein einziger empörter Kinderschrei. Wie sich aber herausstellte, kannte keins der Kinder Roger Waters; keins wusste, was "Pink Floyd" bedeutete.

Für uns, die wir mit Pink Floyd et cetera aufgewachsen sind, ist das ein Akt der Kränkung: Die Jungen brauchen unsere Superstars nicht mehr? Wie wenig werden sie dann erst uns brauchen? Dass unsere alten Helden von einem Tag auf den anderen vergessen sein könnten, ist ein Schock. Die Dämme gegen das Vergessen und gegen das Abfließen der Zeit, die wir mit Gebrüll und Jubel in den Großkonzerten der siebziger und achtziger Jahre errichtet hatten, haben also nicht gehalten.

Waters versucht es jetzt noch einmal: Er holt sich alles wieder. Er erobert die Jugend zurück, seine eigene und die der ganzen Welt. Er versetzt uns mit The Wall in eine endgültige Pubertät. Die Show ist eine Aufstandsübung gegen die Politik, die Konzerne, den Hunger, die Einsamkeit und den Tod. In ihrem Zentrum: ein berühmter Mann, der sich arm, allein, unverstanden fühlt.

Die Legende sagt, dass Waters The Wall schrieb, nachdem er 1977, von Dämonen gejagt am Ende einer USA-Tournee, einem Fan ins Gesicht gespuckt hatte. Waters brauchte dringend eine Therapie, und der reiche, herrische, despotische Mann machte es wie immer, er nahm die Sache selbst in die Hand: Er schrieb die Geschichte des Popstars Pink, der an seinem Ruhm und seinen Traumata verrückt wird. Keinen Menschen, der je in seiner Kindheit stecken geblieben war, konnte das kalt lassen. Das Pink-Floyd-Album The Wall (1979) war ein Welterfolg.

Nun zieht Roger Waters die Mauer allein hoch, und die Show ist das größte Ding nach der Revolution. Ein Wall aus Kartons entsteht, hinter dem die Band verschwindet wie Fortunato in Poes Horrorgeschichte Das Fass Amantillado . Ein Durchguck bleibt, und darin erscheint Waters und singt Good bye cruel world, I am leaving you today. Er schaut zu uns hinab, wie Genscher 1989 vom Balkon der Botschaft in Prag zu den DDR-Flüchtlingen hinabsah. Gleich wird er sprechen: "…bin ich gekommen, euch heute eure Freilassung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit mitzuteilen." (Die letzten Worte gehen im Jubel unter.)

Am Ende fällt donnernd die Mauer, die uns vom Leben trennte. Breitwandiger und malmender geht das alles nicht, wir sehen eine Monsterschau aus dem 20. Jahrhundert: Roger erklärt die Zusammenhänge! Noch einmal werden die Dinosaurier losgelassen, wo doch längst Killerviren die Welt beherrschen.

Zur gleichen Zeit, da Roger Waters seine Weltwalltour begann, fand das Toronto Film Festival statt, das größte auf dem amerikanischen Kontinent. Die Zeitung Globe and Mail beobachtete, dass unter den Buzzern und Bescheidwissern des Festivals die Unfähigkeit grassiert, über Filme noch Relevantes zu sagen. Deshalb flüchten sich alle in die Floskel, dieser oder jener Film "generiere" eine "enorme Energie". Oder, im Ermüdungsfall: Er habe so eine negative Energie.

Auf unartikulierbare Sättigung läuft auch The Wall hinaus. Die Drähte, Pipelines und Netze der großen Verschwörung streifen uns, während wir zusehen. Alles hängt mulmig mit allem zusammen, und die Show führt uns zurück in die flackernd alarmierte Früherwachsenheit, in die Zeit unserer bösen Vorahnungen. Sie generiert Energie! Aber welche? Sehnsucht nach Unschuld.