Ich halte es nicht für einen allzu gesicherten, fest umrissenen Zustand, der zu sein, der ich bin. Ich denke, Identität besteht aus allen möglichen ungeklärten Teilen. Und was ist eigentlich dieses "Ich"? Ich versuche, das fließend zu halten, weil ich Angst vor festen Grenzen habe. Andererseits merke ich schon, dass es so etwas wie "mich" gibt. Oder Dinge, die sich einfach immer wieder ereignen, wenn ich dabei bin.

Als kleiner Junge habe ich in der Schule dauernd aus dem Fenster geschaut und geträumt. Es war im vierten Stock des Schulhauses. Ich sah die Baumwipfel und die Vögel, das verleitete zum Träumen. Ein Lehrer sagte meinen Eltern: "Der schaut immer aus dem Fenster, der ist noch zu klein, scheinbar retardiert in seiner Entwicklung. Wir stellen ihn ein Jahr zurück."

Damals war ich krankhaft schüchtern. Meinen ersten Bühnenauftritt hatte ich durch den Konfirmandenunterricht. Das Stück hieß Der verlorene Sohn. Wir haben das im Saal eines Gasthofs in einem Vorort von Zürich gespielt. Es war so berauschend, ich wusste gar nicht mehr, was sonst noch geschah.

Meine Entscheidung für das Schauspiel kam dann durch häufige Besuche im Zürcher Schauspielhaus und durch die Bekanntschaft mit einem Beleuchter. Ich setzte mich immer hinter ihm in die Loge. Da habe ich bald bemerkt, wie sehr ich mir wünschte, da unten auf der Bühne zu stehen, aber ich konnte mir wegen meiner Herkunft nicht vorstellen, Schauspieler zu werden. Ich weiß nicht, ob meine Eltern jemals in einem Theater waren, bevor ich zum ersten Mal auftrat. Sie stammten aus ländlichen Verhältnissen, meine Mutter kam aus einer extrem armen Familie in Oberitalien, mein Vater war der Erste seiner Familie, der in die Stadt zog. Es hat eine Weile gedauert, bis der Traum so manifest wurde, dass ich sagte: Es ist vollkommen egal. Ich werde das machen.

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Ein guter Teil dessen, was ich heute tue, ist der Welt der Träume entliehen, auch wenn es handwerklichen Kontrollen unterliegt. Wenn man sich einer Gestalt nähert, die man spielen will, gibt es immer eine Phase, die wie Tagträumen ist. Wenn ich eine Rolle einschätze und mir vorstelle, was dieser Mensch in dieser Situation empfindet, was er tut, wie er redet, denke ich nicht an den Effekt. Ich würde mich niemals vor einen Spiegel stellen und gucken, was mein Spiel für eine Wirkung haben könnte.

Ich weiß nicht, wie viele Tode ich schon gespielt habe. In Sterberollen lernt man, dass es einem nicht hilft, sich auf den eigenen Tod vorzubereiten. Es sei denn, man wüsste es eine Minute vorher und erinnerte sich dann an einen gespielten Tod. Aber diese Übung nützt überhaupt nichts, sie hat mit schauspielerischem Ehrgeiz mehr zu tun als mit irgendeiner Wahrheit. Obwohl: Manchmal, wenn man dann da liegt und die anderen spielen weiter, ist man schon dankbar dafür, am Leben zu sein. Man bekommt eine Ahnung davon, was man – weit entfernt, aber immerhin doch –: berührt hat.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

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