Der Yasuní-Nationalpark in Ecuador: Unter der Erde des Regenwalds lagern rund 100 Milliarden Liter Erdöl – bisher unberührt © Rodrigo Buendia/AFP/Getty Images

Juan Pablo Muñoz starrt ungläubig auf das Ameisennest. Es wimmelt von Tieren – und steckt im Innern einer automatischen Kamera. "Obwohl das Gehäuse hermetisch abgedichtet ist", staunt der Manager der Forschungsstation Tiputini im Yasuní-Regenwald. Unter dessen dichtem Blätterdach im Osten Ecuadors pulsiert das Leben. Der Forscher Muñoz sagt: "Hier liegt das wohl artenreichste Waldgebiet der Welt."

Beweise dafür liefern die 40 Kameras, die im Dschungel jedes vorbeieilende Tier blitzen. Jaguar, Ozelot und Ameisenbär sind auf den Bildern, Woll- und Klammeraffen, der rare Kurzohrfuchs mit seinen Schwimmhäuten und, und, und … Sie bewohnen ein Dickicht aus Baumriesen, Lianen und einer Vielzahl anderer Gewächse. Ein Paradies – doch es ist in Gefahr, und den zukunftsweisenden Versuch, es zu retten, will der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel gerade vereiteln.

Die Bedrohung: Unter der Erde des Naturschutzgebiets und Unesco-Biosphärenreservats Yasuní lagern rund 850 Millionen Barrel Erdöl. Auf die Einnahmen, die eine Förderung verspricht, wäre das Entwicklungsland Ecuador dringend angewiesen. Trotzdem bietet die Regierung in Quito einen spektakulären Pakt an: Wenn ihr uns die Hälfte des Ölwerts auszahlt, so appellierte Präsident Rafael Correa an die Regierungen und Stifter der Welt, dann lassen wir das schwarze Gold unangetastet. Jedenfalls im Herzstück des Yasuní, dem sogenannten ITT-Block. 3,6 Milliarden US-Dollar müssten über 13 Jahre hinweg überwiesen werden, vorzugsweise aus Industrienationen, die für den Treibhauseffekt die größte Verantwortung tragen. Denn mit Ecuadors Öl-Askese würden nicht nur Naturschutz und Entwicklung in Einklang gebracht. Zumindest theoretisch bliebe die Erdatmosphäre auch von 407 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verschont.

Erst Anfang August ist es so besiegelt worden, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat einen Treuhandfonds eingerichtet. Doch nun kam heraus: Dirk Niebel (FDP) will nichts einzahlen. Ausgerechnet der Vertreter jenes Landes, das sich für die Initiative besonders stark gemacht hat.

Niebels Rückzieher ist ein diplomatisches Desaster
Bundestagsabgeordnete Ute Koczy von Bündnis 90/Die Grünen

Schon im Juni 2008 regten die Bundestagsfraktionen aller Parteien gemeinsam an, die ITT-Initiative zu fördern. Das Entwicklungsministerium trieb die Sache weiter, einschließlich provisorischer Geldzusagen. Niebels Rückzieher sei daher ein "diplomatisches Desaster", kritisiert die Bundestagsabgeordnete Ute Koczy von Bündnis 90/Die Grünen. Die Regierung Ecuadors hält sich zwar bisher bedeckt, doch Alberto Acosta, der frühere Energieminister und Vordenker des Unterfangens, spricht von einem "Dolchstoß". Vor allem internationale Ölkonzerne, meint er, dürften sich nun die Hände reiben. Sie hätten das Ansinnen, das ihnen ein Fünftel der Ölvorräte Ecuadors vorenthalten will, von Anfang an bekämpft. 

Wie viel auf dem Spiel steht, kann man in der Yasuní-Region schon heute besichtigen. Die Erdölvorräte im Norden und Westen des Regenwaldgebiets werden bereits seit den siebziger Jahren ausgebeutet. Dort seien Abfallprodukte der Ölförderung in Böden und Gewässern gelandet, beklagt Acosta. Die Verschmutzung habe Fische getötet, das Trinkwasser vergiftet, die Krebsrate liege deutlich höher als sonst im Land. Nach einer Sammelklage der Waldbewohner droht der Ölfirma Texaco, die heute zum Chevron-Konzern gehört, ein Bußgeld von über 27 Milliarden Dollar. 

Die Straßen, die für die Ölförderung angelegt wurden, lockten überdies immer mehr Siedler an. Wo früher Klammeraffen durchs Blätterdach hangelten und Papageien krächzend durch die Wipfel flogen, liegen heute Viehweiden, Maniok-Äcker und Bananenplantagen.