Moritz von UslarKommt ein Fremder in die Stadt

Ein kleiner Ort in Brandenburg. Westdeutsche schauen nicht eben häufig vorbei. Unser Reporter Moritz von Uslar hat drei Monate dort verbracht und darüber einen Roman geschrieben. »Deutschboden« erscheint diese Woche – ein Auszug von Moritz von Uslar

Der Autor Moritz von Uslar

Der Autor Moritz von Uslar  |  © Andreas Mühe

Gegen zwölf Uhr nachts war der Reporter, der auch in der Kneipe seinen Hut selbstverständlich nicht abnahm, schon gut eine Stunde lang mit zwei ihm vollkommen fremden Männern, Ureinwohnern Oberhavels, wie sie sich nannten, im Gespräch gewesen, unfassbar. Das etwa fünfte Bier des Abends stand vor uns, der Reporter trank die kleinen (0,3 Liter), die Männer die großen Biere (halbe Liter). Ich glaube nicht, dass wir betrunken waren, nur auf dem Weg zu einem einigermaßen gelösten Gespräch – und damit nicht mehr weit entfernt von den Schnäpsen, die hier Kümmerling hießen und von Hansi Schröder, dem Vater des Heiko Schröder, als grüne Fläschchen auf die Theke geknallt wurden.

Wir standen gleich am Eingang in der Ecke, in der es sich geschützt, also abgesetzt vom Rest des Lokals, stehen ließ. Da hingen auch zwei Spielautomaten, und da machte die Bar, die sich über die gesamte linke Seite des Gastraums zog, einen rechten Winkel, weshalb man hier noch gemütlicher stehen und sich über Eck unterhalten konnte.

Der eine der beiden war älter, ganz schön dick, mit kariertem Hemd, Dreiviertelhose, Bart, Brille, er stand neben mir, übern Tresen gebeugt; der andere jünger, groß, kräftig, leichter Bauchansatz, als hätte er in den letzten Jahren konstant über dem Limit getrunken und sich nicht gerade gerne bewegt, mit T-Shirt und Nike-Kappe. Ich sah, dass er hinter dem linken Ohr eine kleine Tätowierung trug, außerdem war sein gesamter linker Arm mit bunten Tätowierungen zugestochen. Er brachte es fertig, sich gleichzeitig mit uns, dem Spielautomaten und seinem großen Bier zu beschäftigen.

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Das Thema der letzten Minuten war das Thema gewesen, das die Leute in dieser Woche wie kein zweites beschäftigt hatte: Am Wochenende sollte in Oberhavel ein Casting für die Filmproduktion Black Death stattfinden. Ein Fantasy-Thriller, ein Horrorfilm. Handlung: Mittelalter. Überall tobt der Schwarze Tod, nur ein Städtchen, im Film das Städtchen Oberhavel, war verschont geblieben. Der Engländer Sean Bean, bekannt aus dem Herr der Ringe , würde im Lauf des Films für das Gute sorgen. Oberhaveler waren aufgefordert, sich als Komparsen zu melden. 50 Euro am Tag, plus Catering. Im Herbst letzten Jahres, so erfuhr der Reporter, waren große Teile der Kleinstadtbevölkerung von Oberhavel zum Komparsen-Casting von Quentin Tarantinos Inglourious Basterds nach Berlin gereist: erfolglos. Kein Oberhaveler hatte schließlich an der grandiosen Nazi-Erschießungs-Orgie im Finale des Films teilgenommen.

Davor war es um das gegangen, was Menschen zueinander sagen, wenn sie sich in der Kneipe zum ersten Mal zunicken, es waren die naheliegenden Gesprächsthemen: die glorreiche industrielle Vergangenheit Oberhavels, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und die natürlich wichtige Frage, ob es den Jammer-Ossi, diese Erfindung aus den frühen Neunzigerjahren, noch gab. Es war außerdem gesagt worden, was für ein verdammt hübsches Städtchen das hier sei und was für ein verdammtes Glück ich hatte, dass ich ausgerechnet in diesem Städtchen, ihrem Oberhavel, gelandet sei.

Der jüngere, geschätzte 28 Jahre alt, hatte gesagt: »Die Konzentration von Wald und Wasser, die ist es. Die hast du nur hier. Die hast du nirgendwo anders.«

Und der ältere, geschätzte 45 Jahre alt, hatte hinzugefügt: »Wir haben hier ein riesiges geschlossenes Waldgebiet; das größte geschlossene Waldgebiet Nordeuropas.«

Ich hatte meinen zwei Bekanntschaften, wie ich mir das in Berlin vorgenommen hatte, erzählt, dass ich in ihrer Kleinstadt an einem Buch über eine Kleinstadt arbeite. Da könnte ich die Straßen, Kneipen und Menschen in den Kneipen als Inspiration gebrauchen. Das hatten sie nickend und mit wenigen höflichen Gegenfragen zur Kenntnis genommen – das fanden sie spannend und dann schnell eine nicht weiter aufregende Sache. Ich war angespannt, weil andauernd großartige Sätze fielen, ich aber wollte, in dieser Phase des Rantastens und Anwärmens, mein Notizbuch noch nicht aus der Tasche ziehen, geschweige denn meinen Aufnahme-Stift der Firma Olympus. Wir bestellten noch drei.

Das wunderbare pilsgelbe Licht in der Gaststätte Schröder.

Es saßen, obwohl Mitternacht vorbei war, an die dreißig Männer vor ihren Gläsern, und – verrückt genug, das einmal in echt zu erleben – diese Männer debattierten, stritten, schimpften, erzählten ganz in echt. Zwischen den Tischen schoss Heiko, der Sohn der Schröders, mit dem Kellnertablett umher und brachte neue Biere, Schnäpse und die schönen Brötchenhälften mit Käse und Hackepeter. Vater Hansi Schröder stand hinterm Tresen am Zapfhahn und hatte das Ganze im Blick.

Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, als ich an diesem Freitag im Mai gegen halb acht abends die Tür der Gaststätte Schröder aufgeschwenkt hatte und durch den Windfang in den Gastraum eingetreten war.

Ein bumsvolles Lokal. So etwas hatte ich selten, ganz gleich ob Großstadt, Kleinstadt, mittelgroße Stadt, gesehen. Es waren ausschließlich Männer in dem Gastraum, was einen als Stimmung, Temperatur, als Abmachung über die hier zu verbringende Zeit schon im Türrahmen angenehm anfasste und gleich merkwürdig beruhigte.

Es gab nicht einen Mittelpunkt, es waren vielleicht fünf Mittelpunkte in diesem Gastraum. Links an der Theke, die sich über zehn Meter Länge zur Küchenausgabe streckte, saßen und standen sie in zwei Reihen. Im Hauptraum saßen die Männer an einer Tafel und an viereckigen Tischen, alle Tische mit karierten Decken gedeckt. Im Hinterraum, hinter einer ausziehbaren Wand, waren die Skatspieler in Dreiergruppen an vielleicht zwanzig Tische verteilt. In einer Nische, auf halber Strecke vor dem Tresen gelegen, stand ein gelber Kachelofen, davor der Stammtisch, jetzt von zehn, zwölf Männern besetzt. Der Aschenbecher auf dem Stammtisch war ein tellergroßer kupferner Aschenbecher, an dem ein Glöckchen hing.

Die Männer trugen Jeansjacken, T-Shirts, karierte Hemden, Handwerkeruniformen und Trainingsanzüge mit der Aufschrift »SV Oberhavel 1920 e. V.«. Man sah viele Muskeln und eng sitzende T-Shirts, die die Muskeln zur Geltung brachten. Männer mit enorm kräftigen Hälsen. Männer mit enorm kräftigen Händen. Beliebt waren bedruckte Sweatshirts. Einige Männer trugen noch die Schuhe, die sie tagsüber auf dem Bau getragen hatten. Kopfbedeckungen trug man hier eher nicht. Die jüngeren hatten kurze bis sehr kurz rasierte Haare, die älteren trugen Metallbrillen, die noch älteren große Hornbrillengestelle im Gesicht. Ein paar Langhaar-Männer, alt gewordene Heavy-Metal-Fans, waren auch dabei. Es wurde auch gegessen an den Tischen, zwischen den Gläsern standen Teller mit Schnitzel, Currywurst und Brötchenhälften. Die Männer, die im Hinterraum Preisskat spielten, waren fast alle über sechzig, darunter ein paar grandios altertümliche Gestalten, mit kurzärmeligen Karohemden, Hosenträgern, Sandalen, vielleicht dreißig Jahre alten, also noch Original-DDR-Hornbrillengestellen. Die jüngeren, das sah ich gerade, trugen fast alle Ohrringe und jene »Tunnel« genannten Ohrsticker, die im Ohrläppchen ein Loch von bis zu zwei Zentimetern Durchmesser bildeten. Fast alle Männer waren tätowiert.

Heiko Schröder, mit seinem Vater Hansi hinterm Tresen beschäftigt, hatte den Reporter noch im Windfang erblickt:

Ein Nicken.

Blick ins Lokal, als wollte Heiko sich vergewissern, wie das Lokal das Eintreten des Fremdlings aufnahm.

Alles ruhig.

Erneutes Nicken.

Guten Abend.

Dann hatte Heiko Schröder wieder mit den Gläsern, die vor ihm auf dem Tresen standen, zu tun.

Heiko: Mitte, Ende dreißig. Kurze, braune Haare, goldene Ohrringe, Bleistift hinterm rechten Ohr, flinke, schlaue, freundliche Äuglein. Kurzärmeliges weißes Kellnerhemd, Tätowierungen auf dem Arm. Er hatte die Balu-der-Bär-Freundlichkeit. Es ging – das sah man, nachdem man drei, vier Bewegungen von ihm gesehen hatte – eine prima Gesundheit, Lebensfreude, zupackende Bejahung der Umstände seines Alltags und Lebens von ihm aus. Seine Erscheinung wirkte schnell und wendig und – Unterarme, Rücken, Nacken – kräftig genug, sich, wenn es sein musste, drei Betrunkene gleichzeitig auf die Schultern zu laden und aus dem Lokal zu tragen. Wenn starke Menschen freundlich waren: gut.

Leserkommentare
  1. Ehemalige Tempo-Autoren: Immer dekadent, schon auch modisch, auch ein bisschen barock und verwundert über das Landleben, Urwälder, Krieg und den Osten. Große Romantik. Ich weiß nicht. Journalistenliteratur. Nett verfasst, keine Frage, aber - für mein Empfinden - zu bemüht.

    • Rastlos
    • 23. September 2010 20:18 Uhr

    Die Idee des Buches klingt ganz nett. Aber schon nach den ersten Paragraphen habe ich keine Lust mehr, weiter zu lesen. Der Erzählstil ist vermessen und für den Rahmen des Buches viel zu hochgestochen. Außer einigen Vertretern der alten Bundesländer, die sich über den "Jammer-Ossi" belustigen wollen, wird dieses Buch niemand lesen.

  2. Sicherlich Journalistenliteratur, aber gerade deswegen auch gut beobachtet - jenau so is et nämlich. Schicker, dabei sehr maskuliner Stil, gefällt mir gut.

  3. Das "Problem" des Text(auszugs) ist, dass man zu sehr merkt, dass der Autor gewohnt ist als Journalist zu schreiben. Was an sich nichts negatives ist. Allerdings fürchte ich, dass der Reportagestil, der beim Textauszug gegenüber dem Romanstil überwiegt, nicht zum Format eines Romans passt. Was die Leser einer Reportage über mehrere Seiten fesseln kann, kann die Leser eines Romans nicht zwangsläufig über mehr ungleich mehr Seiten fesseln. Natürlich lag es nahe, dass der Romanautor von Uslar sich beim Reporter von Uslar bedient, aber genau das ist der Knackpunkt. Ebenso wie Filme über die Filmbranche leiden Romane mit Journalisten als Hauptakteure unter der Ähnlichkeit des beschriebenen und beschreibenden Genres.
    Nicht jede gute Geschichte ist automatisch ein guter Roman. Allerdings bin ich jetzt neugierig auf den Rest des Romans.

  4. Herr von Uslar...da haben Sie aber was erlebt !

    Wären Sie ein Alien vom anderen Stern, ich könnte glatt verstehen weshalb das Erdengeschehen, dem Sie begegnet sind, so mitteilungsnötig ist.

    So aber, bleibt es banaler und ohne Raffinesse erzählter
    Alltagskitsch vom coolen Undercoverschreiber aus der großen Stadt.

    • Mari o
    • 27. September 2010 23:44 Uhr

    aber ich glaube,nach allem was man z.Zt. so hört,haben Hartz IV Empfänger nicht das Geld sich in Kneipen zu betrinken.
    Der Autor sollte vielleicht doch einfach mal sein Diktiergerät
    abschreiben,
    oder einfacher:man geht mal selbst in die Kneipe

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