Viele Ossis sitzen missmutig im Schmollwinkel der Weltgeschichte und knabbern die letzte Spreewaldgurke aus original ostdeutscher Züchtung. So zumindest lassen sich aktuelle Umfragen interpretieren. Aus Sicht dieser Gruppe sind selbst Ost-Marken wie Rotkäppchen-Sekt und Brockensplitter in die Hände der westlichen Profitgeier gefallen. Brockensplitter, dem ignoranten Wessi sei dies erklärt, hießen die von feiner Zartbitterschokolade umhüllten dreieckigen Haselnusskrokantstücke aus dem VEB Süßwarenkombinat Argenta Wernigerode. Solche Köstlichkeiten machten in der alten DDR vergessen, dass der Brocken durch Stacheldrahtverhaue weiträumig abgesperrt war, um jeden Fluchtversuch schon im Vorfeld zu verhindern.

Zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution initiierte der Beauftragte der Bundesregierung für den Aufbau der neuen Bundesländer nun eine Meinungsumfrage, deren Konzept und Auswertung beim DDR Museum Berlin lag. Auf die Frage – »Wie beurteilen Sie rückblickend das Leben in der DDR?« – lautete die Antwort zusammengefasst: Insgesamt 57 Prozent der Ostdeutschen sehen das Leben in der DDR als absolut oder überwiegend positiv an. Komplementär zu der positiven Bewertung der untergegangenen DDR steht das negative Urteil über die Marktwirtschaft, aber auch über die Demokratie.

Was ist mit diesen Ostdeutschen los? Haben sie alles vergessen? Das Schlangestehen vor den Gemüseläden und Fleischereien, die Rumrennerei nach allem und jedem, das bis zu sechzehnjährige Warten auf ein Pappauto Marke Trabant, die Aussichtslosigkeit, auch nach zwanzigjähriger Meldefrist auf normalem Weg ein Telefon zu bekommen, die Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, ganz zu schweigen von dem Eingesperrtsein auf Lebenszeit, die ständige Bevormundung durch die Obrigkeit, den grausigen Verfall der Städte, den Raubbau an der Umwelt?

Für viele Menschen hat sich innerhalb von 20 Jahren das Land hinter dem Stacheldraht in ein Eldorado der Erinnerung verwandelt. Das einzige Paradies, aus dem es keine Vertreibung gibt, wie schon der Idylliker Jean Paul bemerkte. Will man für diese kollektive Verdrängung nicht ein spezielles Ost-Gen verantwortlich machen, muss sie reale und nachvollziehbare Gründe haben.

Aufgrund des niedrigen technologischen Niveaus der Wirtschaft sowie der Massenabwanderung bis zum 13. August 1961 herrschte in der DDR ein akuter Arbeitskräftemangel. Er wurde durch die gewaltig aufgeblähten bewaffneten Organe, also Stasi, Volkspolizei, Nationale Volksarmee, und die überdimensionierten Apparate der Parteien und Massenorganisationen weiter verstärkt. In den Zentralen der Macht lungerten vor allem Männer herum. Nur im Sicherheitsbereich herrschte kein Mangel, sonst waren die Arbeitskräfte überall knapp. So kam es, dass in der DDR der Spruch »keine Leute, keine Leute« nahezu notorisch wurde.

Ungelernte wurden von Vorgesetzten mit Samthandschuhen angefasst

Je niedriger die Qualifikation war, desto mehr wurden die Leute gebraucht. Ungelernte Hilfskräfte, Transportarbeiter oder Reinigungskräfte wurden von jedem Vorgesetzten mit Samthandschuhen angefasst. Kein Meister oder Abteilungsleiter durfte es wagen, den Kollegen zu nahe zu treten, wenn sie es mit dem Schichtbeginn nicht so genau genommen oder sich während der Nachtschicht ein Schnäpschen genehmigt hatten. Auch die »Fuhre nebenbei«, ein paar Sack Zement oder Bretter für den Datschenbau, musste stillschweigend akzeptiert werden. »Erich Honecker hat doch gesagt, wir können noch viel mehr aus unseren Betrieben herausholen«, wurde dann gewitzelt. Die Leitung drückte ein Auge zu und hoffte, dass die Kollegen es nicht übertreiben würden.

Auch der viel gerühmte menschliche Zusammenhalt hatte sehr konkrete – im DDR-Deutsch hätte man gesagt sozial-ökonomische – Gründe. Aus Furcht vor einer politischen Destabilisierung hatte Erich Honecker der Wirtschaft feste Endverbraucherpreise verordnet. Das erwies sich als sicheres Mittel, die Wirtschaft zu ruinieren. Es entstand ein permanenter Geldüberhang oder, umgekehrt ausgedrückt, ein Mangel an angebotenen Leistungen und Waren. Daraus resultierte eine Art Parallelgesellschaft, die von der herrschenden Partei notgedrungen geduldet wurde. Neben den Ware-Geld-Beziehungen entstand ein System von Leistungen und Gegenleistungen.