Der Sommer ist hin, nun herbstet auch die Kanzlerin. Vorbei die schönen Tage von Südtirol. Die Schlutzkrapfen, die Kaminwurzen, die Pressknödelsuppe sämtlich vervespert. Jetzt heißt es wieder: neue Laufzeiten, alte Zeitläufe. Die AKWs sollen es länger machen, die Wehrpflicht und die Regierung in Schleswig-Holstein kürzer. Bouffier in Hessen und Ahlhaus in Hamburg muss man erst ans Laufen kriegen, und der Westerwelle sagt beim Hahne, was der zu Guttenberg an der Front sagt: Wir müssen unsere Erfolge besser verkaufen. Man war schon ganz müde von all den Erfolgen, da endlich sprang Dirk Niebel dem Außenminister bei und verbuchte noch einen rhetorischen Erfolg, indem er das Drama Westerwelle unfreiwillig zu dem Satz kondensierte: "Wir haben keinen Besseren." Anders gesagt: Wir haben keinen. Und Angela Merkel muss sich gefragt haben: Wie seibert man sich durch eine solche Koalition?

Doch da der chinesische Weise Laotse sprach: "Der Mensch kann nur unter einer nicht aktiven Politik glücklich sein", hatten wir einen glücklichen Sommer, und was braucht es dazu mehr als einen blauen Nationalpullover, ein schwedisches Hochzeitspaar und das Schweigen der Vuvuzelas? Gebt uns Ballacks Binde, eine junge Mannschaft und die Zernichtung der Briten, wir verlangen nicht mehr. Schön war’s mit diesem Spiel, das plötzlich wirklich wieder Spiel war. Schön waren die WM-Paare: Löw und Flick, Merkel und Zwanziger, Maradona und jedermann. Schön waren die außerhalb der WM: David Cameron und Nick Clegg, Bill und Chelsea Clinton, Günther Jauch und die ARD, Lady Gaga, die Figur, und Lady Gaga, die Person, doch ein einziges Lächeln von Angelina Jolie entzündete mehr Feuer, als Putin löschen konnte.

Schön war auch die Frische des neuen deutschen Präsidentenpaars, erkennbar am Tribal-Tattoo von Frau Wulff, das Journalisten bald sicher von den Tätowierungen des legendären Ötzi zu unterscheiden wussten. Wo dieser einen Barcode trug, waren es bei jener eher Flammen. "Frau Wulffs Tätowierung" verriet eine Expertin der FAZ , "hat etwas Aufstrebendes". War mir auch aufgefallen, kann aber auch daran liegen, dass Flammen so selten etwas Abstrebendes zu eigen ist.

Schön war das Foto, das uns die Verlobung von Prinz Albert von Monaco und Charlene Wittstock ankündigte, hatten sie sich doch im Stil der Alten Meister fotografieren lassen. Seine Rechte hält ihr Ex-Schwimmerinnen-Kreuz, seine Linke ihren Unterarm auf halber Höhe. Da liegt dieser Arm nun ganz wie auf der Armlehne eines Schaukelstuhls. Ihr Lächeln ist dünn, seines angedickt, und wir wussten: Das ist das Glück.

Wir brauchen diese Bilder des Glücks, wissen wir doch nur zu gut, die Sünde schläft nicht. Fabian Hambüchen war Passiv-Kiffer, Franck Ribéry wurde wegen Unterschleifs mit einer Minderjährigen verhaftet, Michael Ballack soll Frau Lell … eingelullt oder Schlimmeres haben. Es hätte alles diskret behandelt oder weggerunzelt werden können.

Wenn bloß das Leck nicht gewesen wäre, dieses fürchterliche, nie zu stopfende, unermüdlich ausfließende Leck namens Lothar Matthäus! "Viermal verheiratet" sei er gewesen und "viermal topverliebt", sprach er, aber das sei bei einem Rekordnationalspieler nichts Ungewöhnliches: "Ich bin nun einmal romantisch veranschlagt." Doch dann bestieg seine Frau Liliana die Jacht nach Nirgendwo, rekelte sich vor den erigierten Teleobjektiven der Paparazzi in den Armen eines italienischen Finanz-Papagallos "und gab sich ihm hin wie eine gekitzelte Sau", wie der Dichter Pietro Aretino gesagt hätte, auch ein Italiener. Weidwund rettete sich Lothar vor die Kameras und gab seiner Menschenwürde ihr letztes Geleit auf die Schlammschlachtbank. Dort begegnete er Liliana wieder, Liliana dolorosa, die in panischer Angst vor dem Aufmerksamkeitstod noch einmal den sterbenden Schwan gab. Anschließend breiteten die beiden über Wochen ihren Wunsch aus zu schweigen, und wenn sie nicht wieder verheiratet sind, dann breiten sie noch immer.

A propos Leck: Es hat jetzt auch eine Homepage, geführt von einem Mann, der 90.000 Geheimdokumenten zu Afghanistan ein elektronisches Zuhause gab und anschließend des sexuellen Missbrauchs angeklagt, exkulpiert und dann doch wieder angeklagt wurde. Ungestraft entblößt man wohl nicht die Schamzonen der amerikanischen Kriegsführung. Doch könnten sie noch so enthüllt sein, könnte zu Guttenberg noch so viele Fehler und Täuschungen einräumen, deshalb werden doch die heimischen Kriegsbefürworter nicht von der Fahne laufen. Sie sind so tapfer, als wollten sie für jede im Schützengraben überlebte Talkshow mit eisernem Lorbeer dekoriert werden.