Würden sich alle Unternehmer so verhalten wie dieser Mann, Deutschland wäre pleite, am Ende, alles wäre aus und vorbei. Die Arbeitslosen fänden keine neuen Jobs. Die Unternehmen bekämen keine zusätzlichen Aufträge mehr. Der Staat bliebe auf seinen Schulden sitzen. Rente, Gesundheit, Pflege: Nichts würde sich noch finanzieren lassen. So jedenfalls würden es die meisten Ökonomen sehen.

Ist dieser Mann also ein Spinner?

Harald Rossol, 48 Jahre, sitzt in seinem Büro in einem sanierten Kaffee- und Kakaospeicher im Europahafen von Bremen. Von hier aus leitet er die IT-Beratungsfirma b.r.m., er kümmert sich um die Computersysteme von Anwaltskanzleien und Gebäudereinigungsfirmen. Ein durchaus erfolgreicher Unternehmer ist dieser Harald Rossol. Nur dass er eben nicht wie ein typischer Unternehmer agiert.

Seine Firma soll nicht wachsen.

Fünf Mitarbeiter hat Rossol. Mehr sollen es nicht werden. Sein Auftragsbuch ist so voll, dass er manchen Auftrag an befreundete Unternehmen umleiten muss. Den Gewinn steigert er nicht durch Umsatzwachstum, er senkt stattdessen die Kosten. Den Raum für die Computerserver etwa lässt Rossol ungekühlt: Die Geräte arbeiten dennoch zuverlässig, und im Winter heizt ihre Abwärme noch die Geschäftsräume. Harald Rossol ist als Kostensenker so erfolgreich, dass die Gehälter bei b.r.m. seit 15 Jahren steigen.

»Wachstum ist doch nicht mehr zeitgemäß«, sagt er.

So irritierend dieser Mann handelt, so sehr trifft er einen Nerv: die neue deutsche Wachstumsskepsis . Mehr als zwei Drittel der Deutschen zweifeln inzwischen daran, dass ihre Lebensqualität automatisch steigt, wenn die Wirtschaft wächst. Ganze Gruppen der Gesellschaft erleben schon länger, wie es ist, vom Wohlstand abgeschnitten zu sein. Anderen hat die Finanzkrise gezeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn Banker, Unternehmer, aber auch Politiker zuallererst auf Wachstum setzen. Und sind nicht die vielen Naturkatastrophen die eindringlichste Warnung davor, wohin die wachstumsgetriebene Ausbeutung der Erde am Ende alle führen könnte – direkt in die Klimakatastrophe?

Das Bauchgefühl der Bürger: Lange Zeit wurde es nur von Außenseitern artikuliert. Wachstumskritik war in der etablierten Wissenschaft quasi ein Tabu, weiß Thomas Korbun vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Doch neuerdings schwappt die Debatte um das herkömmliche Wohlstandsmodell auch in die etablierten Kreise, in Verbände, Parteien und sogar in die traditionell sehr konservative Ökonomie. Auch dort wird den Vorausdenkern immer klarer: Perspektivisch muss man sich von der traditionellen Wachstumsgläubigkeit lösen, weil sie die Welt in die Sackgasse führt.

Da reist der Ex-Umweltminister Klaus Töpfer ebenso wie der konservative Vordenker Meinhard Miegel mit Vorträgen über die Krise des Kapitalismus durchs Land. Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf präsentiert ein Buch der Umweltaktivistin Angelika Zahrnt über die »Postwachstumsgesellschaft«. Den obersten Industriepräsidenten Hans-Peter Keitel treibt öffentlich um, wie sich Nachhaltigkeit und Wachstum verbinden lassen. Und die Pharmaindustrie lädt mit Katholiken und Protestanten zum Seminar »Weniger ist (manchmal) mehr«.

Sogar die Sozialdemokratie ist aufgewacht. Am kommenden Wochenende will SPD-Chef Sigmar Gabriel das Thema besetzen – und auf dem SPD-Parteitag über »neues« Wachstum reden. Gabriel interessiert das nicht nur, weil er einst Umweltminister war. Er findet es attraktiv, weil es nicht nur die grün angehauchte Mittelklasse anspricht, sondern auch Arbeiter. Schließlich verbindet beide die Skepsis am herrschenden Modell: Für die einen zerstört es die Umwelt. Den anderen bringt es, nach eigener Einschätzung, nicht mehr genug Wohlstand und Lebensqualität. »Unser Blick auf die Wertschöpfung muss sich ändern«, fordert daher ein Leitantrag für den Parteitag. Der Wirtschaftspolitiker Hubertus Heil prognostiziert derweil, das Wachstumsthema werde eines der zukünftigen Topthemen sein – nicht nur der Sozialdemokratie.

Immerhin soll noch im Oktober eine Kommission des Bundestages mit dem Titel »Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität« ihre Arbeit aufnehmen. Der Anstoß ging nicht bloß von den Grünen aus, sondern auch von der SPD.

Genossen und Grüne wissen sich in guter Gesellschaft: In Frankreich wächst die Bewegung der decroissance, der Wachstumsverweigerung. In Österreich sucht das Außenministerium nach Wegen zur »menschlichen Marktwirtschaft«. Auf der britischen Insel sorgte der Ökonom und Regierungsberater Tim Jackson im vergangenen Jahr für Furore, indem er von der Politik »Wohlstand ohne Wachstum« forderte. Prompt zog dann mit David Cameron ein Premierminister in die Downing Street ein, der das Wohlergehen einer Nation nicht mehr bloß am Wachstum, sondern auch an der Zufriedenheit der Menschen messen will – mit einem eigens entwickelten Glücksindex.