Deutsche EinheitDanke!

3. Oktober: Warum der Westen vom Osten profitiert hat. von 

3. Oktober 1990: am Brandenburger Tor: Berliner jugendliche feiern die Wiedervereinigung Deutschlands

3. Oktober 1990: am Brandenburger Tor: Berliner jugendliche feiern die Wiedervereinigung Deutschlands  |  © Gilles Leimdorfer/AFP/Getty Images

Zwanzig Jahre danach, mit einigem Abstand also betrachtet, kann man sagen: Etwas Besseres als die deutsche Einheit hätte uns gar nicht passieren können. Und: Etwas Besseres als die 16 Millionen Ossis hätte den 60 Millionen Wessis gar nicht passieren können.

Die Bürger der ehemaligen DDR haben in den Jahren nach dem Fall der Mauer den Westen befreit. Wir BRDler dachten in den späten achtziger Jahren ja schon, unser Land sei quasi fertig, komplett, fast perfekt. Und dann wanderten 16 Millionen Fragezeichen ein in diese selbstgefällige Zusammenballung von Ausrufezeichen.

Anzeige

Die Westdeutschen sagten es vielleicht nicht, aber sie gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass ihr berstender Wohlstand der verdiente Lohn ihrer Lebensleistung sei. Doch musste, wer nicht völlig borniert war, bald feststellen, dass es natürlich im Osten gute Leute in einem maroden System gab, denen es schlechter ging, einfach weil sie geografisches Pech hatten. Ergo mussten wir hier im Westen für uns zugeben: Es war auch viel Glück dabei.

Aus der deutschen Teilung ist eine deutsche Heilung geworden

Der neue Osten konfrontierte die Bürger der BRD auch mit einem anderen Typus Mitmensch. Nicht nur mit jenen Heldenmutigen, die sich gegen die Diktatur gestellt hatten, das waren nur wenige. Aber auch nicht nur mit jenen, die in ihrem kargen Sozialismus bequem und quengelig geworden waren. Nein, die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger hat den Westdeutschen bis heute eine Erfahrung voraus: die des Zusammenbruchs. Entsprechend gering ist ihre Ehrfurcht vor allem Bestehenden.

Ohne diese Erfahrung der Ostdeutschen hätte sich Deutschland nie so schnell auf die Globalisierung eingestellt, die in den vergangenen zwanzig Jahren ihrerseits sehr vieles mit einem Fragezeichen versehen hat, was lange als unverrückbar galt.

Die ostdeutsche Erfahrung des Verlusts bezog sich aber nicht nur auf den Staat, der binnen wenigen Wochen abhandenkam und binnen elf Monaten durch einen anderen ersetzt wurde. Auch im beruflichen Leben geriet im Osten alles schon früher durcheinander. Darum sieht man das Leben dort auch in anderen Proportionen. Wo der Westdeutsche schon Angst um seine Existenz hat, wenn ihm bloß eine Versetzung droht oder ein kleiner Einkommensverlust, da denkt sich der Ossi, dass er viel mehr, als er bereits verloren hat, kaum noch verlieren kann. Der Mut derer, die schon mal alles verloren haben, trifft im neuen gesamtdeutschen Arbeitsalltag mitunter ganz heilsam auf die Feigheit derer, die sich ständig davor fürchten, etwas zu verlieren.

Und dann die Arroganz. Wie oft haben die Ossis sie den Wessis vorgeworfen? Wie oft haben wir Wessis diesen Vorwurf zurückgewiesen? Dennoch ist etwas eingesickert in das allgemeine westdeutsche Volksbewusstsein. Man kann das nicht messen, aber man kann es spüren: Der Westen ist nicht mehr so arrogant wie früher – auch das eine Befreiung, schließlich hat auch der Arrogante unter seiner Arroganz zu leiden.

Leserkommentare
  1. Wenn Sie geglaubt haben, ein Land sei jemals fertig und Sie
    durch den Mauerfall geheilt wurden, dann ist das ja schon einmal etwas.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der hingegen und seine Gesinnungsgenossen scheinen doch etwas an BRD-Nostalgie zu leiden. Sein Artikel hat so einen nörglerischen Grundton.

  2. Der hingegen und seine Gesinnungsgenossen scheinen doch etwas an BRD-Nostalgie zu leiden. Sein Artikel hat so einen nörglerischen Grundton.

    Antwort auf "Na gut, Herr Ulrich"
  3. Ja, gut beobachtet und gut aufgeschrieben !

  4. 4. [...]

    [...]

    Der Westen sollte dem Osten danken, wofür???

    Wohl für den bisherigen Spendentransfer von 1,6 Billionen Euro, im Grundgesetz festgeschrieben bis 2019 !!!!

    Und hier im Westen wird alles marode, lieber Herr Ulrich,
    sind Sie Autofahrer und benutzen täglich die Schlagloch strassen hier im Westen??

    Mehr sage ich dazu nicht, sonst geht mir die Hutschnur hoch!

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie mit Ihrer Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

  5. Ich finde das ja einen selten albernen Spruch, aber in der Hinsicht stimmt er für mich. DDR war deutsche Kontinuität, die BRD ein radikaler Bruch - auf sanften Druck der Angelsachsen - mit allen deutschen Traditionen. Und mangels heimischem Individualismus hat man gleich Jeans und Rock n Roll der Angelsachsen übernommen. Das ging so in die Westdeutschen über dass auch junge Rebellen der 68er, die sich darin gefielen antiamerikanisches Geschwurbel zu verbreiten, die Popkultur der pösen Amis genoßen und ihre deutsche Identität, die in ihren Augen nur aus Biederkeit bestand, ablehnten.

    Mit der Wende kam das genuin Deutsche wieder zurück in den Mittelpunkt. Man sagt jetzt nicht mehr "die Bundesbürger" sondern "die Deutschen". Man ist jetzt wieder deutsch. Gut, der demonstrative Masochismus a lá 1968 ist auch absurd gewesen, aber die aufgeklärte altbundesrepublikanische Haltung wurde ja nicht durch neues Selbstvertrauen der Deutschen abgelöst sondern durch exzessives Gejammer ("buhu, wir armen Deutschen, wir bekommen nichts hin und müssen alle auswandern"). Der Osten hat Gesamtdeutschland mindestens so geprägt wie umgekehrt, was erstaunlich ist wenn man bedenkt dass die ehemalige DDR nur ein Fitzelchen Deutschland ist in Größe irgendwo zwischen Bayern und NRW angesiedelt. Und nun vergleiche man mal wie Bayern das Leben zwischen Nordsee und Breisgau prägt. Und welchen Einfluss die Neuen Länder haben. Die Ostdeutschen scheinen an "ADS" zu leiden, ein echtes Defizit sehe ich nicht.

  6. > Nein, die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger hat den Westdeutschen bis heute eine Erfahrung voraus: die des Zusammenbruchs. Entsprechend gering ist ihre Ehrfurcht vor allem Bestehenden. <

    Jetzt frage ich mich, welche Erfahrungen haben die "Wessis" aus dem Zusammenbruch des 3. Reiches mitgenommen. Nach Aussage von Bernd Ulrich vermutlich nichts.

    Und offensichtlich hat Herr Ulrich nicht sehr viele "Ossis" kennen gelernt und gesprochen (ich meine jetzt nicht die obere Ebene und Medien-Angehörige). Von den "vielen" die ich in meinem Berufsleben (letzte 20 Jahre) getroffen habe hatten viele immer noch "Angst vor Widerspruch" (heißt möglichst nicht offiziell oder beruflich auffallen). In diesem Zusammenhang sehe ich Herrn Ulrichs Interpretation "geringe Ehrfurcht" eher als "Resignation" oder "Anpassungswille".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leider war ! Für eine Typisierung des Ossis an sich wäre das ein ganz wichtiges Element.

    • keox
    • 03. Oktober 2010 14:06 Uhr

    'der 'Ossi' jammert nicht, er hat ja schon schlimmeres erlebt.'

    Ein bemerkenswerter Kulturtransfer, Gold wert in Zeiten einer wirtschaftshörigen Politik.

    Das war nur ein Beispiel für die unzähligen Zynismen dieses Artikels.

    • icke28
    • 03. Oktober 2010 13:03 Uhr

    Für den guten Artikel. Für einen Wessi sehr gut beobachtet ;-)

    Natürlich gibts an den Ossis auch einiges zu kritisieren, aber das wird wohl kaum Teil einer Dankesrede sein. Die positiven Aspekte die Ullrich aufführt finde ich jedenfalls gerechtfertigt - und man liest so etwas selten bis nie, daher freue ich mich doppelt.

  7. Leider war ! Für eine Typisierung des Ossis an sich wäre das ein ganz wichtiges Element.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Christian Wulff | Joachim Gauck | Die Linke | DDR | Diktatur | Globalisierung
Service