Zwanzig Jahre danach, mit einigem Abstand also betrachtet, kann man sagen: Etwas Besseres als die deutsche Einheit hätte uns gar nicht passieren können. Und: Etwas Besseres als die 16 Millionen Ossis hätte den 60 Millionen Wessis gar nicht passieren können.

Die Bürger der ehemaligen DDR haben in den Jahren nach dem Fall der Mauer den Westen befreit. Wir BRDler dachten in den späten achtziger Jahren ja schon, unser Land sei quasi fertig, komplett, fast perfekt. Und dann wanderten 16 Millionen Fragezeichen ein in diese selbstgefällige Zusammenballung von Ausrufezeichen.

Die Westdeutschen sagten es vielleicht nicht, aber sie gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass ihr berstender Wohlstand der verdiente Lohn ihrer Lebensleistung sei. Doch musste, wer nicht völlig borniert war, bald feststellen, dass es natürlich im Osten gute Leute in einem maroden System gab, denen es schlechter ging, einfach weil sie geografisches Pech hatten. Ergo mussten wir hier im Westen für uns zugeben: Es war auch viel Glück dabei.

Aus der deutschen Teilung ist eine deutsche Heilung geworden

Der neue Osten konfrontierte die Bürger der BRD auch mit einem anderen Typus Mitmensch. Nicht nur mit jenen Heldenmutigen, die sich gegen die Diktatur gestellt hatten, das waren nur wenige. Aber auch nicht nur mit jenen, die in ihrem kargen Sozialismus bequem und quengelig geworden waren. Nein, die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger hat den Westdeutschen bis heute eine Erfahrung voraus: die des Zusammenbruchs. Entsprechend gering ist ihre Ehrfurcht vor allem Bestehenden.

Ohne diese Erfahrung der Ostdeutschen hätte sich Deutschland nie so schnell auf die Globalisierung eingestellt, die in den vergangenen zwanzig Jahren ihrerseits sehr vieles mit einem Fragezeichen versehen hat, was lange als unverrückbar galt.

Die ostdeutsche Erfahrung des Verlusts bezog sich aber nicht nur auf den Staat, der binnen wenigen Wochen abhandenkam und binnen elf Monaten durch einen anderen ersetzt wurde. Auch im beruflichen Leben geriet im Osten alles schon früher durcheinander. Darum sieht man das Leben dort auch in anderen Proportionen. Wo der Westdeutsche schon Angst um seine Existenz hat, wenn ihm bloß eine Versetzung droht oder ein kleiner Einkommensverlust, da denkt sich der Ossi, dass er viel mehr, als er bereits verloren hat, kaum noch verlieren kann. Der Mut derer, die schon mal alles verloren haben, trifft im neuen gesamtdeutschen Arbeitsalltag mitunter ganz heilsam auf die Feigheit derer, die sich ständig davor fürchten, etwas zu verlieren.

Und dann die Arroganz. Wie oft haben die Ossis sie den Wessis vorgeworfen? Wie oft haben wir Wessis diesen Vorwurf zurückgewiesen? Dennoch ist etwas eingesickert in das allgemeine westdeutsche Volksbewusstsein. Man kann das nicht messen, aber man kann es spüren: Der Westen ist nicht mehr so arrogant wie früher – auch das eine Befreiung, schließlich hat auch der Arrogante unter seiner Arroganz zu leiden.