Sozialpolitik Für fünf Euro mehr

Die Debatte um Hartz IV lebt von einigen Vorurteilen – der Staat kann sich mehr Großzügigkeit leisten.

Hartz-IV-Akten in einem Arbeitszimmer im Berliner Sozialgericht

Hartz-IV-Akten in einem Arbeitszimmer im Berliner Sozialgericht

Fünf Euro wühlen das Land auf. Fünf Euro mehr Hartz-Hilfe im Monat. Für die Linken im Land ist das nur noch zynisch, für die Mehrheit der Deutschen laut einer Umfrage schon zu viel. Sie meinen, es reicht auch so.

Eigentlich meint das auch die Regierung. Das Hartz-IV-System sei ohnehin dazu gedacht, dass man schnell wieder herauskomme, erklärt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Jeder Euro mehr, warnen Koalitionspolitiker, lasse die Arbeitslosen eher zurücksinken auf die heimische Couch. Das karge Hartz-Geld soll deshalb genau das sein: karg und unbequem – selbst wenn das manchen trifft, der sich redlich bemüht und dennoch keine Arbeit findet.

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So denken viele. Doch dahinter steckt ein Irrtum. Ein falsches Verständnis von Hartz IV und eine falsche Vorstellung vom Sozialstaat. Die Hartz-Leistungen könnten – und sollten – großzügiger sein, ohne dass sich deshalb mehr Hilfsempfänger in die Hängematte legen.

Vordergründig geht es um Statistik. Um die Frage, was sich Geringverdiener in Deutschland leisten können und was davon existenznotwendig ist. Nach einem Urteil aus Karlsruhe musste die Regierung das neu berechnen. Danach hat ein Alleinstehender aus dem ärmsten Fünftel der Gesellschaft für seinen Lebensunterhalt (ohne Miete und Heizung) durchschnittlich 503 Euro im Monat. Das ist wenig. Aber noch 40 Prozent mehr als den Hartz-IV-Empfängern zustehen soll. Die Berechnungen zeigen auch: Der Single aus dem ärmsten Fünftel verfügt heute über rund 50 Euro mehr als bei der Hartz-Berechnung vor fünf Jahren. Der Hilfsempfänger dagegen nur über 17 Euro mehr. Der Abstand wird also größer. Die Regierung nutzt alle Spielräume, um den Regelsatz niedrig zu halten – als sozialpolitisches Nagelbrett sozusagen.

Regelsätze

Der Regelsatz für erwachsene Hartz-IV-Empfänger soll nach der nun erfolgten Einigung rückwirkend zum 1. Januar 2011 um fünf Euro auf 364 Euro steigen. Zum Jahresanfang 2012 gibt es weitere drei Euro mehr - und zwar zusätzlich zu der dann ohnehin anstehenden, regulären jährlichen Anpassung aufgrund der Preis- und Lohnentwicklung.

Die Sätze für Kinder und Jugendliche von Hartz-IV-Empfängern sollen nicht steigen. Stattdessen will der Bund mehr in die Bildung investieren. Sie veranschlagen für Kinder bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres 211,69 Euro (tatsächlich ausgezahlt: 215 Euro), für Kinder von sieben bis 14 Jahren 240,32 Euro (tatsächlich ausgezahlt: 251 Euro) und für Jugendliche von 15 bis 18 Jahren 273,62 Euro (tatsächlich ausgezahlt: 287 Euro).

Bildungspaket

Anstelle höherer Regelsätze für etwa 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche aus Geringverdienerfamilien will der Bund ein Bildungs- und Teilhabepaket als Sachleistung schnüren. Hierunter fallen Zuschüsse für ein warmes Mittagessen in Schule oder Kita, für Nachhilfe sowie eintägige Schul- und Kita-Ausflüge. Zudem gibt es monatlich zehn Euro für die Teilnahme am Vereinsleben.

Zur Finanzierung stockt der Bund seinen Anteil an den Miet- und Heizkosten der Hartz-IV-Bezieher auf Dauer um 1,2 Milliarden Euro auf. Damit sollen die Leistungen des Bildungspakets, die Verwaltungskosten und die Warmwasserkosten von Hartz-IV-Beziehern abgegolten sein. Den Rest müssen die Kommunen tragen.

Für drei Jahre befristet bis 2013 gibt der Bund nochmals 400 Millionen Euro: Diese Summe können die Kommunen für den Ausbau der Jugendsozialarbeit nutzen oder für Essen in Kinderhorten.

Mindestlohn

Die Einigung zwischen Koalition und Opposition sieht zudem einen Mindestlohn für etwa 1,2 Millionen weitere Arbeitnehmer vor. Das betrifft vor allem die etwa eine Million Beschäftigten in der Zeitarbeit. Für sie wird im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz auf der Grundlage der tariflich vereinbarten Mindestlöhne eine Lohnuntergrenze festgelegt, die ab 1. Mai greifen soll. Weitere Mindestlöhne für das Bewachungsgewerbe, für den Bereich Geldtransporte sowie für die Weiterbildung werden im Entsendegesetz verankert.

Die vor allem mit der FDP umstrittene Frage der gleichen Bezahlung von Stamm- und Leiharbeitern wurde aus dem Kompromiss ausgelagert. Die Gewerkschaften sollen nun darüber entscheiden.

Finanzierung

Zur Entlastung der Kommunen, die einen Großteil der Hartz-IV-Kosten schultern müssen, hat die Koalition ein Milliardenpaket geschnürt: Der Bund nimmt ihnen ab 2012 in drei Schritten die Kosten der Grundsicherung im Alter ab, bis sie ab 2014 vollständig beim Bund liegt. Derzeit wenden die Kommunen dafür rund 3,5 Milliarden Euro auf. Ihre Entlastung bis zum Jahr 2015 beziffert der Bund auf 12,24 Milliarden Euro netto.

Im Bundeshaushalt wird damit ein Milliardenloch aufgerissen. Dies will der Bund stopfen, indem er rund vier Milliarden Euro bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) kürzt. Bisher überweist der Bund jährlich die Einnahmen aus einem Mehrwertsteuerpunkt an die Behörde. Das sind rund acht Milliarden Euro – schrittweise ansteigend soll es künftig nur noch die Hälfte sein. Damit dürften neue Milliardendefizite auf die BA zukommen, für die dann unter Umständen die Beitragszahler – also Arbeitnehmer und Arbeitgeber – aufkommen müssten: Nach BA-interner Rechnung würde sich bis 2014 ein Schuldenberg von 9,6 Milliarden Euro auftürmen. Denkbar ist auch, dass deshalb Leistungen für Arbeitslose eingestampft werden.

Die Sorge, sonst drohe Missbrauch, wird durch die große Zahl der Hartz-Empfänger genährt: 6,7 Millionen. In Talkshows heißt es gern: Es werden immer mehr. Musterrechnungen scheinen zu belegen, dass Familien mit Hartz IV besser dastehen als solche mit einem Niedriglohn-Papa. Dabei ist das falsch. Geringverdienern bietet der Staat Zuschüsse an (Kinderzuschlag, Wohngeld), damit sie immer mehr haben als ohne Job. Ebenso falsch: Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger steigt nicht, sie sinkt. Seit 2007 um fast eine Million. Und viele, die von staatlicher Hilfe leben, brauchen keineswegs Druck. Sie sind mit voller Billigung der Behörden gar nicht auf Arbeitssuche: fast zwei Millionen Minderjährige, bis zu eine Million Mütter oder Väter, die wegen eines kleinen Kindes zu Hause bleiben, eine halbe Million in Umschulungen, fast eine halbe Million »Aufstocker«, die voll arbeiten und einen Zuschuss erhalten, sowie 400.000 im Vorruhestand. Man kann fragen, ob das alles richtig ist – aber diese Menschen per Gesetz vom Bewerbungsdruck auszunehmen und ihnen gleichzeitig mit knappen Regelsätzen Dampf machen zu wollen, ist widersinnig.

Von den verbleibenden 2,2 Millionen Hartz-IV-Arbeitslosen haben viele wiederum kaum eine Chance. Mehr als 100.000 sind Schwerbehinderte, weitere 330.000 gelten aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen als kaum vermittelbar. Auch die werden von denen vergessen, die glauben, jeder Euro weniger für Hartz IV sei ein guter Euro. 

Natürlich gibt es Arbeitslose, die träge oder unwillig sind. Aber ein idealer Sozialstaat würde unterscheiden: Wer will nicht – wer kann nicht? Wer braucht Druck, und wer verdient Hilfe? Von diesem Ideal ist unser bestehendes System weit entfernt. Aber schuld daran ist nicht Hartz IV. Im Gegenteil.

Leser-Kommentare
  1. Hartz IV Empfaenger werden so nicht bezeichnet oder? Also rutsch ein Mensch in die Arbeitslosigkeit wird er nach 1 Jahr Hartz IV also raus aus der Statistik. Damit aendert sich nur die Statistik sonst nichts. Ist es nicht so, dass endlich etwas gegen die Diskriminierung Aelterer getan werden muss und damit meine ich inzwischen die gut ausgebildeten ueber 40 die schon keinen Job mehr in Deutschland bekommen. Ohne gesetzliche Aenderungen wird sich wenig aendern. Das Signal ist doch klar seitens der Politik und der Egoisten, die vergessen haben auf welchen Werte unser Staat aufgebaut wurde: Bist du arbeitslos wirst du zerrieben in den Staatshilfen und es gibt viele die sich das Leben nehmen wegen der menschenverachtenden Behandlung der Staatsangestellten. Eine Zukunft gibt es schon lange nicht mehr fuer viele Menschen, alt, jung oder krank. Da gibt es nur einen Weg und der heisst auswandern weil ueberall woanders ist es bald besser.

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    • -Ziet-
    • 30.09.2010 um 11:29 Uhr

    Auswandern ist das eine - und die kann sehr Spaßbetont sein, für diejenigen die es richtig machen und zu denen diese Alternative paßt (Sprache, Ausbildung, Gesundheit, Selbständigkeit, Freunde, etc). Für andere aber kann diese Methode auch im Desaster enden - will also gut vorbereitet sein.

    ABER es gibt auch andere Alternativen als Selbsttötung und Auswandern. Wenn die Konservativen und Gestrigen an der Regierung und Lobbyverbänden weiterhin Hartz4-Leute wie Menschen 3.Klasse behandeln werden noch ganz andere Möglichkeiten Realität:

    1.) [...]

    2.) Die Mafia hat auch Arbeitsplätze zu bieten - und nicht knapp. Wer Kontakt zum Milieu bekommt (über Bekannte oder Türsteher oder Dealer ansprechen) oder schon hat, dem bieten sich da durchaus Möglichkeiten sein Hartz4 aufzubessern : als Drogenkurier (Kurzurlaub incl), als Dealer, als Geldwäscher, als Deckadresse, als Vermieter im Rotlichtbereich, etc.

    3.) Schwarzarbeit ist die absolut logische und konsequente Antwort auf die Unverschämtheit, Menschen mit 350 Euro jahrelang dahinvegetieren zu lassen.

    4.) Der Kontrast Arm-Reich gibt auch viel Motivation her für Kreativität abseits des Legalen. Kann man auch Widerstand nennen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklosen Sarkasmus und beteiligen Sie sich bitte mit sachlich argumentierten Kommentaren an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/cs

    Reisende soll man nicht aufhalten. Alles Gute!

    • -Ziet-
    • 30.09.2010 um 11:29 Uhr

    Auswandern ist das eine - und die kann sehr Spaßbetont sein, für diejenigen die es richtig machen und zu denen diese Alternative paßt (Sprache, Ausbildung, Gesundheit, Selbständigkeit, Freunde, etc). Für andere aber kann diese Methode auch im Desaster enden - will also gut vorbereitet sein.

    ABER es gibt auch andere Alternativen als Selbsttötung und Auswandern. Wenn die Konservativen und Gestrigen an der Regierung und Lobbyverbänden weiterhin Hartz4-Leute wie Menschen 3.Klasse behandeln werden noch ganz andere Möglichkeiten Realität:

    1.) [...]

    2.) Die Mafia hat auch Arbeitsplätze zu bieten - und nicht knapp. Wer Kontakt zum Milieu bekommt (über Bekannte oder Türsteher oder Dealer ansprechen) oder schon hat, dem bieten sich da durchaus Möglichkeiten sein Hartz4 aufzubessern : als Drogenkurier (Kurzurlaub incl), als Dealer, als Geldwäscher, als Deckadresse, als Vermieter im Rotlichtbereich, etc.

    3.) Schwarzarbeit ist die absolut logische und konsequente Antwort auf die Unverschämtheit, Menschen mit 350 Euro jahrelang dahinvegetieren zu lassen.

    4.) Der Kontrast Arm-Reich gibt auch viel Motivation her für Kreativität abseits des Legalen. Kann man auch Widerstand nennen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf geschmacklosen Sarkasmus und beteiligen Sie sich bitte mit sachlich argumentierten Kommentaren an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/cs

    Reisende soll man nicht aufhalten. Alles Gute!

  2. http://www.gegenblende.de... co 6f6f8f10-cbbb-11df-60c5-001ec9b03e44

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    Hartz IV – ein Bürgerkrieg der politischen Klasse gegen die arm Gemachten

    und:

    Der Schuldner ist schuld – oder?

    Hartz IV – ein Bürgerkrieg der politischen Klasse gegen die arm Gemachten

    und:

    Der Schuldner ist schuld – oder?

  3. Ich kann diese Sprüche nicht mehr hören:

    "Signale setzen", "Verteilungsgerechtigkeit", "Arbeit muss sich lohnen" usw. Ich zahle jedes Jahr soviel Steuern wie der deutsche Durchschnittsverdiener Bruttoeinkommen hat, ich darf mir also zumindest erlauben, zur Verwendung meiner Steuern eine Meinung zu haben.

    Und mich kotzt es auf Deutsch gesagt an, dass "Signale" immer nur mit Gutsherren-Habitus von oben nach unten gesendet werden. Von Lobby-hörigen Taugenichtsen an Menschen, die zu einem großen Teil in unserer Leistungsgesellschaft einfach auf der Strecke bleiben, weil ihre Kapazitäten einfach nicht ausreichen, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

    Welche Signale haben (und tun wir noch!) an die Banker gesendet, welche senden wir an Interessengruppen der Pharmaindustrie, der Energielobby etc. pp? Richtig: bitte, hier, bedient euch. Es ist für euch alle da! Aber bitte: denkt später daran, wer euch begünstigt hat!

    Und dann gehen sie als Aufsichtsräte zu Gaskonzernen, Baukonzernen und so weiter und machen sich die Taschen voll.

    DAS ist der eigentliche Skandal.

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    Dem ist nicht hinzuzufügen!

    Meine Bemerkung gerade ist Antwort auf Palamedes (#3)

    Dem ist nicht hinzuzufügen!

    Meine Bemerkung gerade ist Antwort auf Palamedes (#3)

  4. 4. Danke

    für diese "etwas andere" Darstellung - fernab der ewigen H4-Hetzerei und Neiddebatten, die bewußt geschürt werden.

  5. Hartz IV – ein Bürgerkrieg der politischen Klasse gegen die arm Gemachten

    und:

    Der Schuldner ist schuld – oder?

  6. ... könnte sogar die Leute selber einstellen, wenn er eine andere Geld- und Steuerpolitik fahren würde. Dann hätter er von dem Geld sogar was und müsste die Menschen nicht auf menschenverachtendem Grundbedarf halten, wie Tiere.

  7. ...ist für mich die bewußte Spaltung der Bevölkerung, vorgenommen von Politikern die sich, faul und findig, lieber zum Sklaven der Privatwirtschaft machen, statt für ihr vom Steuerzahler bezahltes Gehalt für die Gemeinschaft zu arbeiten.

    Mich ärgert das ungemein, denn letzten Endes durchschaut der Durchschnittsarbeitnehmer das alles nicht. Er arbeitet trotz psychischer Belastung und ihm fehlt die Zeit seine Kinder zu erziehen und das Ganze zu reflektieren und am Ende ist er selbst faul und findig und zwar in seiner Argumentation: 5 Euro mehr sind zuviel. Warum? Die Antwort liegt ganz woanders als bei Hartz IV.

    Hier holt man sich nur die Sündenböcke.

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