Die deutsche Vereinigung war ein Anschluss. Das sei deutlich gesagt – später. Jetzt redet ein anderer. Der Festprediger spricht: Hans-Dietrich Genscher.

Wir sind in Halle, am 11. September 2010. Die Franckeschen Stiftungen haben geladen. Gefeiert wird der 20. Jahrestag einer sehr konkreten deutschen Einheit. 1990 begann die Rettung der weltberühmten Schulstadt des Theologen und pietistischen Volksaufklärers August Hermann Francke (1663 bis 1727). Die DDR-Behörden ließen sie verrotten und droschen, wie mit einem Schwert, eine Auto-Hochbahn durch Alt-Halle. Franckes Werk schien todgeweiht. Wie Hohn las sich im maroden Eingangsgiebel die Verheißung des Propheten Jesaja: »Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.«

Der Adler von Halle hieß Paul Raabe. Der universalgelehrte Direktor der Herzog-August-Bibliothek Wolffenbüttel kam, sah und entwickelte übermenschliches Engagement. Die VW-Stiftung gab Geld, Hans-Dietrich Genscher übernahm die Schirmherrschaft, und so fort. Heute blühen die Franckeschen Stiftungen als Bildungsrepublik und kandidieren zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Fassaden strahlen. Die historischen Säle, die Sammlungen und Bibliotheken sind bewahrt. Froh tafelt die Feiergemeinschaft im Lindenhof.

Hier gelingt’s. Ähnlich empfindet, wer durch Freiberg oder Greifswald läuft, durch Erfurt, Wittenberg, Schwerin und weiß, was nach vierzig Jahren DDR schon fast verloren war. Und doch bekommt der Festredner Genscher dankbaren Applaus für seine Erwähnung westlicher Glücksritter, die im Osten nur den Reibach suchten.

Die deutsche Vereinigung war ein Beitritt. Via Artikel 23 des Grundgesetzes trat die DDR am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik Deutschland bei. Dies geschah namens einer demokratisch legitimierten Regierung, durch Volkskammerbeschluss vom 23. August 1990. 62 von 432 Abgeordneten votierten mit Nein. Zumeist waren das Stimmen der PDS und vom Bündnis 90, das die Vereinigung über Artikel 146 wünschte, unter Gleichen, mit einer neuen gesamtdeutschen Verfassung. Mit Nein stimmten etwa die Bündnis-Abgeordneten Marianne Birthler und Matthias Platzeck, die dann, so darf man sagen, ihren Platz im geeinten Deutschland gefunden haben.

Platzeck, Ministerpräsident von Brandenburg, äußerte sich jüngst im Spiegel wägend zum Stand der deutschen Einheit. Er lobte Rechtsstaat und Aufbauhilfe, er forderte den vollständigen Regierungsumzug nach Berlin und beklagte »die gnadenlose Deindustrialisierung Ostdeutschlands. Arbeitslosigkeit zog in nahezu jede Familie ein. Mit diesem Tag des Beitritts verbinden deshalb viele bei uns nicht nur dankbare Gefühle.« Die westliche »Anschlusshaltung« sei »verantwortlich für viele gesellschaftliche Verwerfungen bei uns seit 1990«.

Beitritt oder Anschluss? Hierzu gibt es zwei Schlüsselbücher, eines von 1991 und eines von 2010. Das neue Buch hat Lothar de Maizière geschrieben, der letzte Ministerpräsident der DDR. Es heißt Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen. Meine Geschichte der deutschen Einheit. Das Buch erzählt das Finale der DDR als Rechtsakt. De Maizière rang um die Würde des Ostens, nicht so sein Emissär, der technokratische Staatssekretär Günther Krause, mit dem der bundesdeutsche Innenminister Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag abmachte. Von Schäuble stammt das andere Buch: Der Vertrag. Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte. Den gesamten Text durchzieht ein Siegerlächeln. »Im Gegensatz zu dem Ministerpräsidenten ließ Krause nie den Drang verspüren, irgend etwas aus der alten DDR in das neue Deutschland retten zu wollen. (...) Meine stehende Rede war: Liebe Leute, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung.«