KärntenVeruntreute Heimat

Am 10. Oktober begeht Kärnten den 90. Jahrestag der Volksabstimmung. Für die slowenische Volksgruppe im Land ist dieses Datum kein Feier-, sondern ein Schicksalstag. Die Geschichte einer Minderheit, erzählt aus der Sicht dreier Generationen einer Familie von Wolfgang Zwander

Denkmal zur Volksabstimmung 1920: Damals votierte die Mehrheit der Bevölkerung in Südkärnten für einen Verbleib bei Deutsch-Österreich

Denkmal zur Volksabstimmung 1920: Damals votierte die Mehrheit der Bevölkerung in Südkärnten für einen Verbleib bei Deutsch-Österreich  |  © public domain

Immer wieder deutet Ludwig Urbajs mit seinem knorrigen Zeigefinger auf eine an der Küchentür befestigte Landkarte, während er erzählt. Die Schraffierungen auf dem Papier beschreiben die Bevölkerungsverteilung in Kärnten im Jahr 1900. An die 100.000 Slowenen lebten damals in Unterkärnten. Stolz sitzt der 87-jährige Kärntner Slowene mit den schlohweißen, streng zurückgekämmten Haaren am Wohnzimmertisch im Haus seines Sohnes. Um den pensionierten Journalisten herum hat sich ein Großteil der Familie versammelt: Herrn Urbajs 82-jährige Frau, die Tochter Bernadette, der 26-jährige Enkel Mirko. In dem Einfamilienhaus in Selpritsch bei Velden haben sich an diesem verregneten Nachmittag auch die Schwiegertochter und eine weitere Enkelin eingefunden – ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung sehen, zu heikel scheint ihnen das Thema: Was es heißt, Kärntner Slowene und damit Teil einer Minderheit zu sein, die jahrzehntelang angefeindet, unterdrückt und systematisch entrechtet wurde. Es sind Erzählungen, die von Hoffnung, aber auch von Wut geprägt sind und sich über drei Generationen zu einer Familiensaga verdichten, die stellvertretend für das Schicksal vieler Kärntner Slowenen steht.

Ein Schicksal, das vor allem um ein historisches Datum kreist: den 10. Oktober 1920, den Tag der Kärntner Volksabstimmung. Damals votierte die Mehrheit der Bevölkerung in Südkärnten für einen Verbleib bei Deutsch-Österreich. Wenn in wenigen Tagen die Feierlichkeiten zum 90. Jubiläum in einem pompösen Festumzug durch Klagenfurt gipfeln und die Brauchtumsvereine und Militärmusikkapellen durch die Innenstadt defilieren, ist das vor allem ein Jubeltag für die Heimatbeseelten. Schließlich war das Blut jener Helden nicht umsonst geflossen, die das Land im sogenannten Kärntner Abwehrkampf gegen die einfallenden Truppen des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen verteidigt hatten. Seitdem ist der 10. Oktober die Geburtsstunde eines verqueren Blut-und-Boden-Mythos, der das Land über Jahrzehnte hinweg prägen sollte.

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Dass jene Mehrheit, die für einen Verbleib bei Kärnten votierte, nur dank der vielen slowenischen Bauern zustande kam, die treu zu Österreich hielten, wurde der Volksgruppe nur wenig gedankt. Schon bald überzogen deutschtümelnde Parteien und Verbände die Grenzregion mit ihrem Germanisierungswahn. Nein, für die Slowenen war der 10. Oktober nie ein Feiertag. Man ließ die Kärntner ihre Helden feiern – und blieb zu Hause. »An den Abenden vor dem 10. Oktober durfte ich meine deutschsprachigen Freundinnen nie besuchen, weil die Eltern nicht wollten, dass ich an den Feiern teilnehme«, erinnert sich Ludwig Urbajs Tochter Bernadette Malle an ihre Jugend in den Siebzigern. »Das waren slowenischfeindliche Veranstaltungen«, entgegnet der Vater und blickt die 55-jährige Lehrerin etwas streng an. »Das wäre damals für uns einfach zu viel gewesen.«

Von den Nazis deportiert, nach 1945 offen angefeindet

Zu viel für einen Mann, der in seiner Jugend von den »Deutsch-Kärntnern« vor allem eines lernte: dass er ein Mensch zweiter Klasse sei. Ludwig Urbajs, 1923 in Rosegg in Unterkärnten geboren, war 18 Jahre alt, als er ansehen musste, wie Nazischergen die Slowenen von ihren Höfen vertrieben und viele von ihnen zum Arbeitseinsatz ins Altreich deportierten. Dem jungen Slowenen wäre in jenen Tagen »ein blöder Scherz«, wie er es heute nennt, bald zum Verhängnis geworden: Weil er einem Führer der Hitlerjugend nicht den deutschen Gruß entbot, sondern einfach nur salutierte, wurde er zum Zwangsdienst in Norddeutschland verpflichtet. Kurz darauf pferchte man ihn in Laibach mit Hunderten anderer junger Slowenen in einen Eisenbahnwaggon. Doch Ludwig sollte das Ziel des Transports nie erreichen.

Während des Zwischenstopps in Klagenfurt setzte sich der Slowene ab und schlug sich nach Rosegg, seinem Geburtsort, durch, wo er am Bauernhof seines Onkels Unterschlupf fand. Als Ludwig 1944 in die Wehrmacht eingezogen werden sollte, schleusten ihn Tito-Partisanen über die Karawanken nach Jugoslawien, wo er schließlich in einer Fabrik Arbeit fand. Nach dem Untergang des NS-Reichs im Mai 1945 hofften viele Kärntner Slowenen, dass der deutschnationale Spuk nun endgültig zu Ende sei. Doch bald schon mussten sie erkennen, dass sich die britische Hoheitsverwaltung mit den ehemaligen Gegnern arrangierte. »Die alten Nazis, die SS- und die Gestapo-Leute hatten auf einmal gute Verbindungen zu den Briten«, erzählt Ludwig Urbajs. »Das Spiel der Macht fand wieder ohne uns statt.«

Dass die Regierung in Wien in den Kärntner Slowenen eher renitente Aufwiegler als eine gleichberechtigte Volksgruppe sah, musste der Heimkehrer 1946 am eigenen Leib erfahren. Ohne Anklage wurde Urbajs drei Monate lang inhaftiert, nachdem er an einer Demonstration gegen den Staatssekretär für Inneres, Oskar Helmer, teilgenommen hatte. Der SPÖ-Politiker (und notorische Antisemit) hatte den Kärntner Slowenen zuvor geraten, nach Jugoslawien auszuwandern, falls ihnen das Leben in Österreich nicht passe.

Für die Volksgruppe schien es in der neuen Republik wieder keinen Platz zu geben. Deutschnationale Schlägertrupps störten slowenische Versammlungen, die Osvobodilna Fronta, die slowenische Widerstandsbewegung aus dem Zweiten Weltkrieg, wurde verboten. Über Jahre hinweg musste Ludwig Urbajs miterleben, wie jene Bestimmungen des Österreichischen Staatsvertrags, die im Jahr 1955 die Rechte seiner Volksgruppe festschrieben, umgedeutet oder einfach ignoriert wurden. Immer wieder musste das Recht auf zweisprachige Schulen oder die Zulassung des Slowenischen als zweite Amtssprache erkämpft werden, doch kein Konflikt trieb den Keil tiefer zwischen die »Deutsch-Kärntner« und die Slowenen als der Streit um zweisprachige Ortstafeln.

Der fanatisierte Mob, der im Herbst 1972 Ortstafeln niederriss, die rechten Heimatverbände, die einen neuen Kärntner Abwehrkampf gegen die Minderheit ausriefen – für Bernadette Malle, damals 17 Jahre jung, sind die körnigen Schwarz-Weiß-Bilder vom Ortstafelsturm mehr als das Zeugnis einer historischen Episode. Mit ernster Miene erzählt sie von den Beschimpfungen, den Demütigungen, die sie auf dem Weg zur Schule ertragen musste: »Worte wie ›Scheiß Tschusch‹ gehörten noch zu den eleganteren Formulierungen.«

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