Argentinische KrimisKrimi

Abend der Detektive – Anbruch der Wirklichkeit? Der argentinische Kriminalroman hat einen langen Weg durchschritten – im Schatten von Dummheit, Willkür und Diktatur. von Tobias Gohlis

Die ersten Texte der modernen argentinischen Kriminalliteratur haben – so scheint es – mit der Wirklichkeit ihres Landes noch weniger zu tun als Sherlock Holmes’ Großtaten mit der heutigen Polizeiarbeit.

1942 veröffentlichte ein bis dahin völlig unbekannter »H. Bustos Domecq« ein Bändchen mit Sechs Aufgaben für Don Isidro Parodi. Hinter dem Pseudonym Domecq verbargen sich die Autoren Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares. Als »Biorges« sind die Dioskuren bis heute Fixsterne am literarischen Horizont der ihnen nachfolgenden Autoren.

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Ihr intellektuelles Spiel mit der Detektion ist ein Meilenstein des Genres. Don Isidro, dessen Nachname Parodi poetologisches Programm ist, sitzt zu Unrecht wegen Mordes verurteilt im Gefängnis. Er löst seine Fälle allein durch brillante Analyse der ihm vorgetragenen Geschichten, ohne Zelle Nr. 273 jemals zu verlassen. Im praktischen Leben hat ihm die Überlegenheit seines Intellekts nicht genützt. Gegen die real Mächtigen und die Falschaussagen von Gangstern und Angehörigen des Polizeiapparats kam er nicht an. »Das ist« – so kommentiert H. Bustos Domecq – »eine langweilige Geschichte und so wirklich wie das Leben selbst.«

Dem langweiligen, barbarischen Alltag entkam Adolfo Bioy Casares mit Freund Borges im rationalistischen Detektivspiel. Einen anderen Weg in die Fiktion schlug er mit seiner Frau Silvina Ocampo ein. Mit dieser Schreibgefährtin durchwanderte er fantastisches Terrain.

Ähnlich wie die Don-Isidro-Geschichten ist auch ihr 1946 gemeinsam geschriebenes, aber erst jetzt ins Deutsche übertragenes Kleinod von Roman, Der Hass der Liebenden (a. d. Span. von Petra Strien-Bourmer; Manesse, 2010; 196 S., 18,95 €), eine Parodie. Allerdings von so eigener poetischer Kraft, dass die abgeschiedenen Orte mit beschränktem Personal, die wir von Agatha Christie her kennen, in Ocampo/Bioys Szenerie einer Sommerfrische mit Mord kaum mehr durchscheinen. Vom ersten Satz an wirkt alles unwirklich, fantastisch, traumhaft. Das liegt an den Arsenglobuli, die der Homöopath und Ich-Erzähler Humberto Huberman fortwährend konsumiert. Fern jeder Stadt, stößt er in einem Strandhotel auf schattenhafte Menschen, die, kaum ist eine junge Frau Opfer einer Strychninvergiftung geworden, völlig an Kontur verlieren. Je heftiger Dr. Huberman sich als Verkörperung überlegener Intellektualität aufspielt, desto schwerer lassen sich die Verdächtigen fixieren. Es sind Schemen, schwebend im Erzählmodus der kriminalistischen Ermittlung.

1977, als sich H. Bustos Domecq ein letztes Mal, allerdings nicht mehr mit Detektivgeschichten, zu Wort meldete, war Pablo de Santis vierzehn. In der biorgischen Tradition arbeitet er an einem vielfach gefalteten imaginativen Kosmos, bevölkert von Kalligrafen, Übersetzern oder zuletzt: Meisterdetektiven. Zwölf von ihnen versuchen in seinem jüngsten Roman Das Rätsel von Paris (a. d. Span. von Claudia Wuttke; Unionsverlag, 2010; 320 S., 19,90 €), auf der Weltausstellung von 1889 ein Museum der Ermittlungskunst zu errichten. Doch schon bei der Vorbesprechung verheddern sich die Sherlocks aller Länder in der Unmöglichkeit, eine allgemeine Theorie des Detektivischen zu entwickeln. Auch ihre praktischen Ermittlungen enden in der Dekonstruktion des heroischen Bildes vom Detektiv. Der war, könnte man schließen, bereits im 19. Jahrhundert ein inkonsistentes Modell.

Der notwendige Wandel zu einer Literatur der Aufklärung wurde Rodolfo Walsh von Temperament und Verhältnissen aufgezwungen. Bereits in seinen Kriminalgeschichten aus den fünfziger Jahren (Die Augen des Verräters; a. d. Span. von Transports; Rotpunktverlag, 2010; 172 S., 18,– €) wird das intellektuelle Rätselspiel bedrängt von unerhörten Begebenheiten, die öffentliche Wahrnehmung verlangen. Walshs irdischer und oft irrender Kommissar weiß: Niemand ist in einer besseren Position als der Polizist, um »das Ausmaß von Armut und Wahnsinn zu sehen«.

Erstmals voll mit dem Wahnsinn der entfesselten Repression wurde Rodolfo Walsh 1956 konfrontiert. Nach der Niederschlagung eines Putschversuchs peronistischer Offiziere gegen die damals herrschende Junta wurde ihm zugetragen, ein Mann sei einer illegalen Hinrichtung entkommen. Der Autor wurde selbst zum Detektiv. Walsh fand weitere Überlebende, recherchierte ein Jahr lang die erschütternden Einzelheiten über Folter, Brutalität und Vertuschung. Das Massaker von San Martín (a. d. Span. von Erich Hackl; Rotpunktverlag, 2010; 260 S., 19,50 €) erschien erstmals 1957, acht Jahre vor Truman Capotes Kaltblütig, und ist damit der erste auf Investigation beruhende Tatsachenroman der Literaturgeschichte. Auch dieses durch Klarheit und Mut begeisternde Stück dokumentarischer Literatur ist erst jetzt erstmals übersetzt. In Argentinien wird Walshs Werk als große Literatur des Widerstands verehrt. Walsh wurde 1977, nachdem er die Verbrechen der Militärjunta in einem offenen Brief angeprangert hatte, auf der Straße erschossen.

»Gewalt ist unser kulturelles Erbe«, rekapituliert der Boxer im gleichnamigen Roman von Enrique Medina (Der Boxer; a. d. Span. von Florian Müller; Drava, 2010; 192 S., 19,80 €). Davon hat der 1937 geborene Autor mehr als genug erfahren. Er wuchs als Sozialwaise auf und trampte später als Gelegenheitsarbeiter durchs Land. Medina ist die Unterwelt der Armen vertraut, in der sich sein Protagonist El Duke durchschlägt. Der steigt vom Tagelöhner zum lokalen Box-Matador auf. Nach dem Ende seiner Karriere wird er Handlanger einer Truppe aus Folterern, die mal für den eigenen Profit, mal für den Staat verstümmeln und morden. Jetzt hockt El Duke, von Gewalt und Alkohol zerstört, in einer Bretterhütte und versichert sich in gebrochenen, assoziativen Sätzen seiner Existenz. Auch dieses Buch wurde 1976 sofort nach Erscheinen verboten.

Aus einer ähnlichen Perspektive – der des auf seinen Ausgangspunkt zurückgeworfenen Aufsteigers – entwickelt Raúl Argemí (geboren 1946) seinen Roman Noir Und der Engel spielt dein Lied . El Negro – »Negro« ist redensartlich unterste soziale Stufe – sinnt nach Jahren im Knast auf Rache an dem, der ihn vermeintlich verraten hat. In komplizierten Rückblenden rekonstruiert Argemí El Negros verwüstetes Leben als eine Welt, in der Verbrechen, Staatsgewalt und Elend ineinander übergehen und Menschenwürde nicht einmal eine Phrase am Horizont ist.

Mehr als sechzig Jahre argentinische Kriminalliteratur: Das sind vor allem fast sechzig Jahre Unterdrückung. Sogar die selbstgenügsam artistischen Geschichten des H. Bustos Domecq kamen auf den Index und durften unter Perón nicht erscheinen. Walsh wurde ermordet, Argemí hat zehn Jahre im Gefängnis gesessen, Medina entkam dem Zugriff der Junta knapp. Selbst wenn der Detektiv als Kunstfigur nur schwer überzeugen kann – die Zeiten für Ermittlungen der wirklichen Geschehnisse, der Taten und Täter sind nicht vorbei. Auch literarisch nicht.

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    • Schlagworte Jorge Luis Borges | Detektiv | Paris
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