Die Kanzlerin strahlte. Angela Merkel verkündete nicht weniger als die "Revolution". Ein ganzes Jahr lang hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung für diese Entscheidung gebraucht. In der Nacht zum 6. September war sie endlich niedergekommen. Union und FDP hatten sich auf eine Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Kernkraftwerke verständigt. Zwölf Jahre Nachspielzeit wollen sie der Energiewirtschaft spendieren. Im Jahr 2040 soll im letzten Atommeiler das Licht ausgehen, dann ist Merkel, wenn Gott will, 86 Jahre alt.

Die Stromkonzerne blickten zufrieden auf das Ergebnis, das ihnen viele Jahre sprudelnder Milliardengewinne verspricht. Draußen vor dem Kanzleramt kündigten die Demonstranten derweil den obligaten "heißen Herbst" an.

Flammt also der Fundamentalkonflikt wieder auf, kehrt der verkrampfte Kleinkrieg zurück, der die Republik jahrzehntelang gelähmt hat? Oder wird die Laufzeitverlängerung nach kurzer Halbwertszeit der Empörung ähnlich geräuschlos umgesetzt wie der Bau der ersten Kernkraftwerke in den sechziger Jahren?

Die ersten AKWs standen noch ganz im Zeichen der Atombegeisterung, die seit Mitte der fünfziger Jahre nicht nur Physiker und Ingenieure berauschte. Die Menschheit träumte von nuklear betriebenen Autos, Flugzeugen, Raumschiffen und Kühlschränken. Der unversiegbare Kraftstrom des Urans sollte Sahara und Arktis erblühen lassen. Auch in Deutschland war der Utopien kein Ende. Da die misstrauischen Alliierten dem alten Kriegsgegner allerdings jede Kernforschung verboten hatten, musste die Bundesrepublik eine lange Technikpause inklusive "Rückstandsschock" verkraften. Erst 1955, als Westdeutschland nach Unterzeichnung der Pariser Verträge über eine begrenzte Souveränität verfügte, war der Weg ins Atomwunderland endlich frei.

Die Regierung Adenauer gründet noch im selben Jahr ein Atomministerium und besetzt es mit dem dynamischen CSU-Mann Franz Josef Strauß. Der erklärt die Kerntechnik zur Existenzfrage. Strauß’ Parteifreund, der Chemiemanager Siegfried Balke, der ihm schon 1956 im Amt nachfolgt, wird noch deutlicher: Wer keine Atomkraft im Angebot hat, "der wird auch keine Staubsauger mehr verkaufen".

Doch ausgerechnet die Energiewirtschaft, welche die Reaktoren betreiben und natürlich auch bezahlen soll – sie mauert. Sie sieht keinen Grund, ihren Kraftwerkspark dem atomaren Experiment zu opfern. Denn die Geschäfte gehen gut, Kohle und Öl stehen überreichlich und billig zur Verfügung, die Kraftwerkskapazitäten sind ausreichend dimensioniert. Warum soll sie sich einer unbekannten Technik ausliefern?

Der damalige Energieberater des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes (RWE) in Essen, Otto Löbl, beschreibt 1960 die Skepsis der Branche: "Alles war hoffnungsfroh gestimmt, das Atomzeitalter war angebrochen, die Zukunft hatte begonnen. Nur eine Gruppe machte Vorbehalte. Es waren dies die großen Stromversorgungsunternehmen, darunter das größte von ihnen, das RWE. Sie wollten an das goldene Zeitalter nicht recht glauben." RWE-Vorstandsmitglied Heinrich Schöller nimmt sich sogar die Freiheit, bei einer Besprechung im Wirtschaftsministerium die Beseitigung des Atommülls zu problematisieren. Seine Mahnung aus dem Jahr 1957 erweist sich heute als visionär. Schöller glaubt, die Entsorgung der radioaktiven Abfälle könnte am Ende so kostspielig sein wie die gesamte atomare Stromerzeugung.