Ein Arbeiter steht in einem der Kühltürme des Atomkraftwerks Grundremmingen in Süddeutschland © Christof Stache/AFP/Getty Images

Die Kanzlerin strahlte. Angela Merkel verkündete nicht weniger als die "Revolution". Ein ganzes Jahr lang hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung für diese Entscheidung gebraucht. In der Nacht zum 6. September war sie endlich niedergekommen. Union und FDP hatten sich auf eine Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Kernkraftwerke verständigt. Zwölf Jahre Nachspielzeit wollen sie der Energiewirtschaft spendieren. Im Jahr 2040 soll im letzten Atommeiler das Licht ausgehen, dann ist Merkel, wenn Gott will, 86 Jahre alt.

Die Stromkonzerne blickten zufrieden auf das Ergebnis, das ihnen viele Jahre sprudelnder Milliardengewinne verspricht. Draußen vor dem Kanzleramt kündigten die Demonstranten derweil den obligaten "heißen Herbst" an.

Flammt also der Fundamentalkonflikt wieder auf, kehrt der verkrampfte Kleinkrieg zurück, der die Republik jahrzehntelang gelähmt hat? Oder wird die Laufzeitverlängerung nach kurzer Halbwertszeit der Empörung ähnlich geräuschlos umgesetzt wie der Bau der ersten Kernkraftwerke in den sechziger Jahren?

Die ersten AKWs standen noch ganz im Zeichen der Atombegeisterung, die seit Mitte der fünfziger Jahre nicht nur Physiker und Ingenieure berauschte. Die Menschheit träumte von nuklear betriebenen Autos, Flugzeugen, Raumschiffen und Kühlschränken. Der unversiegbare Kraftstrom des Urans sollte Sahara und Arktis erblühen lassen. Auch in Deutschland war der Utopien kein Ende. Da die misstrauischen Alliierten dem alten Kriegsgegner allerdings jede Kernforschung verboten hatten, musste die Bundesrepublik eine lange Technikpause inklusive "Rückstandsschock" verkraften. Erst 1955, als Westdeutschland nach Unterzeichnung der Pariser Verträge über eine begrenzte Souveränität verfügte, war der Weg ins Atomwunderland endlich frei.

Die Regierung Adenauer gründet noch im selben Jahr ein Atomministerium und besetzt es mit dem dynamischen CSU-Mann Franz Josef Strauß. Der erklärt die Kerntechnik zur Existenzfrage. Strauß’ Parteifreund, der Chemiemanager Siegfried Balke, der ihm schon 1956 im Amt nachfolgt, wird noch deutlicher: Wer keine Atomkraft im Angebot hat, "der wird auch keine Staubsauger mehr verkaufen".

Doch ausgerechnet die Energiewirtschaft, welche die Reaktoren betreiben und natürlich auch bezahlen soll – sie mauert. Sie sieht keinen Grund, ihren Kraftwerkspark dem atomaren Experiment zu opfern. Denn die Geschäfte gehen gut, Kohle und Öl stehen überreichlich und billig zur Verfügung, die Kraftwerkskapazitäten sind ausreichend dimensioniert. Warum soll sie sich einer unbekannten Technik ausliefern?

Der damalige Energieberater des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes (RWE) in Essen, Otto Löbl, beschreibt 1960 die Skepsis der Branche: "Alles war hoffnungsfroh gestimmt, das Atomzeitalter war angebrochen, die Zukunft hatte begonnen. Nur eine Gruppe machte Vorbehalte. Es waren dies die großen Stromversorgungsunternehmen, darunter das größte von ihnen, das RWE. Sie wollten an das goldene Zeitalter nicht recht glauben." RWE-Vorstandsmitglied Heinrich Schöller nimmt sich sogar die Freiheit, bei einer Besprechung im Wirtschaftsministerium die Beseitigung des Atommülls zu problematisieren. Seine Mahnung aus dem Jahr 1957 erweist sich heute als visionär. Schöller glaubt, die Entsorgung der radioaktiven Abfälle könnte am Ende so kostspielig sein wie die gesamte atomare Stromerzeugung.

Bis zum Ende der fünfziger Jahre gibt es noch keinen Atommüll

Andere sehen das lockerer: Mal soll der Atommüll im arktischen Eis entsorgt, mal ins Meer gekippt werden. Der einflussreiche Ökonom und Atomfreund Edgar Salin räumt allerdings in seinem Buch zur Ökonomik der Atomkraft 1955 ein, dass die Atommüllfässer auch am tiefsten Meeresgrund "ihre unheilvollen Strahlen senden". Robert Gerwin, später Pressereferent der Max-Planck-Gesellschaft und ebenfalls strammer Verfechter der Atomkraft, unterstützt den Vorschlag sowjetischer Wissenschaftler, die strahlenden Hinterlassenschaften per Rakete ins All zu schießen. Dies sei der "zweifellos zuverlässigste Weg", schreibt er im Februar 1963. Und noch 1969 glaubt der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker nach einem Besuch im Kernforschungszentrum Karlsruhe, dass der gesamte Atommüll des Jahres 2000 "in einen Kasten" passe. Wenn man den "gut versiegelt, verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, daß man das Problem gelöst hat".

Bis zum Ende der fünfziger Jahre gibt es noch keinen Atommüll. Noch pokert die Branche mit der Politik um die Finanzierung von Prototypen und Demonstrationskraftwerken. "Wehe aber der Nation, die jetzt den wissenschaftlich-technischen Anschluß verpasst", dröhnt Atomexperte Leo Brandt 1956 auf dem Parteitag der fortschrittsversessenen SPD. Immer wieder wird der "Kampf um die Atomherrschaft" beschworen, um riesige Exportmärkte, um Sein oder Nichtsein. 1957 strickt man in Bonn schließlich mit heißer Nadel das erste deutsche Atomprogramm. "In einer Zeit allgemeiner atomarer Projektmacherei", analysiert der Bielefelder Historiker Joachim Radkau 1983 in seinem Buch Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft, will man "nicht gänzlich mit leeren Händen dastehen" und sich nicht im internationalen Wettlauf als atomar impotent erweisen. So beschließt der Arbeitskreis Kernreaktoren der Deutschen Atomkommission im Januar 1957 in Eltville den Bau von fünf Kernkraftwerken mit fünf verschiedenen Reaktorkonzepten und einer Leistung von 100 Megawatt. Bis 1960, so rechnet die neu gegründete Zeitschrift Atomwirtschaft vor, könnte die Kernenergie schon 80 Prozent des Strombedarfs decken.

Die Prognose ist reines Wunschdenken. Von den fünf geplanten Kraftwerken werden trotz verdoppelter staatlicher Verlustbürgschaften und Investitionshilfen von zusammen 200 Millionen Mark nur zwei realisiert. Gleich das erste Atomprogramm ereilt dasselbe Schicksal wie nach ihm unzählige Atomprojekte: Es floppt gewaltig, die Stromkonzerne bleiben mit ihren Investitionen in Deckung. Gebaut werden nur ein kleiner Forschungsreaktor in Jülich, 1966 fertiggestellt, und ein 100-Megawatt-Kernkraftwerk, das Siemens in Niederaichbach bei Landshut errichtet. Der Reaktor basiert auf dem exotischen Schwerwasser-Konzept, das schon während der Bauphase als irrig erkannt wird. Lustlos zu Ende gebaut, geht das Kraftwerk Ende 1972 sieben Jahre verspätet ans Netz, wird aber 1974 nach nur 18 Tagen Volllastbetrieb wegen technischer Dauerprobleme abgeschaltet und später für 280 Millionen Mark abgewrackt.

Das Scheitern des ersten Atomprogramms bremst die Begeisterung. Dennoch werden weitere Projekte nachgeschoben. AEG und General Electric bauen gemeinsam als Prototyp das Versuchsatomkraftwerk Kahl am Main. Der kleine 16-Megawatt-Siedewasserreaktor geht im November 1960 in Betrieb: Das erste bundesdeutsche Kernkraftwerk lässt die Neutronen flitzen. 1962 beginnen AEG und General Electric mit dem Bau eines 237-Megawatt-Demonstrationsreaktors im schwäbischen Gundremmingen. Die Konzerne lassen sich das Projekt vergolden. Von 300 Millionen Mark Baukosten muss der Staat nach langem Tauziehen zwei Drittel bezahlen. RWE und Bayernwerk als Betreiber denken nicht daran, sich für die nationale Aufgabe der Atomkraft einspannen zu lassen. So wird Gundremmingen zum ersten großen Sündenfall einer bis heute staatlich gemästeten Technik, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Abermilliarden an Zuwendungen verschlingt. Greenpeace ließ vom Forum für ökologische und soziale Marktwirtschaft alle Subventionen für die Kernenergie von den fünfziger Jahren bis 2008 ermitteln. Danach flossen nach heutiger Währung 165 Milliarden Euro.

Gundremmingen geht 1966 in Betrieb. 1977 passiert in Block A ein schwerer Unfall: Kurzschluss, Totalschaden. Zu dieser Zeit aber sind dort bereits weitere Blocks im Bau, das Werk bleibt am Netz.

In den Sechzigern gelten AKWs noch als unkaputtbar. Alles setzt auf die neue Technik, in den USA gibt es eine regelrechte "Bestellexplosion" für Kernkraftwerke. Energieversorger und auch die Atomkommission stellen zwar immer wieder fest, dass ausreichende Kraftwerkskapazitäten vorhanden sind. Aber die Kernenergie hat längst eine Eigendynamik entwickelt.

Das zweite Atomprogramm wird 1963 verabschiedet. 3,8 Milliarden Mark steckt der Staat in Forschung, Entwicklung, Bau und Betrieb von Versuchsanlagen und Prototypen. 1967 wird das dritte Programm für die Jahre 1968 bis 1972 konzipiert; diesmal sind es 6,1 Milliarden Mark. Im emsländischen Lingen und im badischen Obrigheim gehen 1968 die nächsten Reaktoren in Betrieb, die Branche gönnt sich keine Atempause. Vor allem drängt man auf die Entwicklung "fortgeschrittener" Reaktortypen, wie des Schnellen Brüters und des Hochtemperaturreaktors. Eine der größten Pleiten der deutschen Industriegeschichte nimmt ihren Lauf.

Die ersten Protestler sind alte Leute, sie werden nur belächelt

Schon 1957 war der Bau eines 100-Megawatt-Brutreaktors geplant. Er bleibt auf der Wunschliste der Atomkommission, auch der legendäre Atomforscher Werner Heisenberg macht sich für den Brüter stark, der quasi naturgesetzlich als der "richtige" Reaktor betrachtet wird. Denn er verbraucht nicht nur Kernbrennstoff, er kann auch neuen produzieren. Zumindest theoretisch. Durch den ungebremsten, "schnellen" Neutronenbeschuss werden große Mengen spaltbares Plutonium "ausgebrütet". Damit wird der Reaktor zum optimalen Futterverwerter, der das Uran als Brennstoff bis zu 60-mal besser ausnutzt.

Elf Milliarden Mark für ein Kraftwerk, das nie ans Netz geht

Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wird Atomforscher Wolf Häfele zum lautstarken Propagandisten des Schnellen Brüters. Im April 1960 startet im Herzen der deutschen Atomforschung die Brüter-Entwicklung. Einige Monate später arbeiten bereits bis zu 300 Mitarbeiter an dem Wunderding, das ein neues internationales Wettrennen um die Vorherrschaft in der Atomtechnik ausgelöst hat. Und Häfele, der Pastorensohn, hebt ab: Er imaginiert gigantische Atomstädte und stellt sie in eine Reihe mit den Pyramiden des alten Ägyptens, vergleicht den Brüter sogar mit der Erfindung des Feuers.

Doch der Reaktor ist extrem teuer, extrem störanfällig und mit seinem Explosionsrisiko extrem gefährlich. Der im niederrheinischen Kalkar von 1973 bis 1985 errichtete Schnelle Brüter wird zur größten Investitionsruine der Bundesrepublik. Mit einem Festpreis von 500 Millionen Mark ist er 1969 konzipiert worden. 1973 beginnen die Bauarbeiten, die am Ende sieben Milliarden Mark verschlingen. 1985 steht der Reaktor betriebsbereit, aber noch nicht zu Ende genehmigt auf der grünen Wiese. 1991 stoppt die nordrhein-westfälische Landesregierung das "Höllenfeuer von Kalkar", wie SPD-Arbeitsminister Friedhelm Farthmann die Anlage nennt, wegen Sicherheitsproblemen. Inklusive Forschungs- und Entwicklungskosten verbrennt dieses Höllenfeuer elf Milliarden Mark. Mit dem schon zwei Jahre zuvor abgeschalteten Hochtemperaturreaktor im westfälischen Hamm-Uentrop, der statt Strom nur Brennelemente-Schrott fabrizierte, und der ebenfalls 1989 aufgegebenen Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf zerplatzen die Großprojekte der Branche in Serie. Die über Jahrzehnte gezimmerte Ideologie eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs inklusive Plutoniumwirtschaft liegt in Trümmern. Auf dem Brüter-Gelände direkt am Rheinufer errichtet später ein findiger Holländer einen Vergnügungspark mit Wasserspielen: Kernies Wunderland.

Erste "Akzeptanzprobleme" gibt es allerdings schon Ende der sechziger Jahre. In den Siebzigern dann werden die meisten AKW-Standorte – ob Stade, Biblis, Brunsbüttel, Krümmel, Ohu, Grohnde, Brokdorf, Neckarwestheim oder Wyhl – zu Schauplätzen eines erbitterten Widerstandes.

Die ersten Protestler sind alte Leute, sie werden nur belächelt

Beim Bau des Kernkraftwerks Würgassen an der Weser 1968, so erinnert sich der damalige AEG-Chefkonstrukteur Klaus Traube, "erlebte ich die ersten Proteste: Es waren vor allem alte Leute, sehr konservativ". Ein Weltbund zum Schutz des Lebens und der unermüdliche Atomphysiker Karl Bechert kritisieren die Strahlengefahren. Doch die Proteste verpuffen. Traube: "Wir haben sie nur belächelt."

Reaktorsicherheit ist noch kein Thema, bis Mitte der sechziger Jahre hat die Bundesregierung für diesen Etatposten weniger als eine Million Mark veranschlagt. Nur Atombomben und -raketen erscheinen gefährlich. Doch mit den Erkenntnisfortschritten der Wissenschaft werden die Risiken langsam greifbar. Der GAU als "größter anzunehmender Unfall" schleicht sich in die Risikobetrachtungen ein. Die Neue Zürcher Zeitung schockiert 1967 ihre Leser mit der Nachricht, dass Plutonium 109-mal giftiger sei als Blausäure. Noch bleibt es ruhig auf den Bauplätzen.

Ausgerechnet aus Frankreich schwappt dann der Protest über den Rhein. Am 25. April 1971 mobilisiert das Elsässer Komitee zum Schutz der Rheinebene die Bürger gegen das geplante Kernkraftwerk Fessenheim. 15000 Menschen, auch aus dem Badischen, pilgern zum Atomstandort am Canal d’Alsace und halten ihre Transparente in die Frühlingsluft. Noch heftiger sind die Reaktionen auf den Bau einer Bleisulfatfabrik im elsässischen Marckolsheim durch die Chemischen Werke München. Die Anwohner fürchten den Bleistaub und steigen auf die Barrikaden: "Atom und Blei – und das Leben ischt vorbei!" Als am 20. September 1974 die Bagger anrücken, besetzen 21 Bürgerinitiativen aus dem Elsass und aus Baden den Bauplatz. Zelte werden aufgeschlagen, eine Küche wird installiert, man richtet sich ein. Nach fünf Monaten Blockade kapituliert die französische Regierung und stoppt im Februar 1975 den Bau, die Bürgerinitiativen jubeln. Die Platzbesetzung findet noch im selben Monat ihre Fortsetzung im rechtsrheinischen Wyhl.

Weltweit schlittert die Atombranche in die Krise

Dort, mitten im Kaiserstühler Weingebiet, will das Badenwerk eine angebliche Energielücke mit einem gigantischen Atomkomplex von zunächst vier, später zwei 1300-Megawatt-Blöcken schließen. Die Anwohner befürchten, dass mit den gewaltigen Nasskühltürmen "eine radioaktive und abgasgeschwängerte Nebel- und Dampfglocke unser Kleinklima beeinträchtigt". Und wer kauft schon "Atomwein" vom Kaiserstuhl? Wyhl wird zum Modellfall der Bürgerinitiativen, die sich Mitte der siebziger Jahre "wie eine Landplage" (FAZ) ausbreiten.

Aber wer hat sich da eigentlich zusammengeschlossen? Walter Mossmann, Liedermacher und Journalist im Kaiserstuhl, sieht "wohlhabende Ärzte, dorfstämmige Studenten, die Ortselite" in ihren Reihen. Einige Pfarrer spielen eine wichtige Rolle. Hinter der Führungsgruppe steht fast die gesamte Region. "Gegen Atomindustrie und Landesregierung", berichtet Mossmann, "kam eine Art Einheitsfront zustande wie gegen ausländische Eroberer. Die Kommunikation in den Dörfern ist direkt, persönlich. Die Mobilisierung läuft mündlich: auf der Straße, im Gasthaus, auf dem Feld, im Laden, am Telefon."

Zur Legende wird die Schulung und Agitation der Kaiserstühler Atomkämpfer, die ihre Aufklärung selbst organisieren. Wichtige Informationen werden von Hand zu Hand durch die Dörfer gereicht. Hausfrauen, Bauern, Winzer, die jahrelang kein Buch gelesen haben, bilden sich zu Energieexperten aus. Allabendlich besuchen sie Vorträge. Bald ist die heimische Bevölkerung besser informiert als die zugereisten Sympathisanten. Für die Konkursmasse der Studentenbewegung, die verkniffenen K-Grüppler, für neue Spontis und alte Naturschützer wird die Anti-AKW-Bewegung zum magnetischen Anziehungspunkt.

Entscheidend aber bleibt der Widerstand der Badener selbst. Hier empfangen Hausfrauen aus dem Weinort Kiechlingsbergen die CDU-Fraktion mit Teppichklopfern, dort begrüßt ein Imker die Atomlobby mit einem Wespennest. Und der Elektriker und spätere Solarkonstrukteur Werner Mildebrath bringt als Antwort auf die Wasserwerfer seine Jauchespritze in Stellung. Eine Armada von Traktoren rollt "gegen den Atomstaat", und ein junges Schwein wird johlend und jauchzend über den Bauplatz getrieben: das "Eberle", benannt nach Baden-Württembergs CDU-Wirtschaftsminister Rudolf Eberle.

Die Wyhler Platzbesetzung im Februar 1975 macht den Ort bekannt. Das Rütteln am Bauzaun wird zur neuen Aktionsform der Bürgerinitiativen, die das Gefühl der Ohnmacht gegenüber einem als "Atommafia" apostrophierten Bollwerk aus Regierenden, Konzernen und Polizeiapparat verlieren.

Und der Widerstand wächst. Er verankert das Gefährdungspotenzial der Atomkraft in den Köpfen – lange vor der Kernschmelze im US-Meiler Harrisburg und dem GAU im sowjetischen Tschernobyl. Er stoppt das AKW Wyhl und viele andere Atomprojekte. Die Sicherheitsvorschriften werden schärfer, Atomstrom wird immer unwirtschaftlicher. Weltweit schlittert die Branche in die Krise.

Ende der siebziger Jahre entwickelt sich in der Bundesrepublik aus dem Widerstand eine neue Partei: die Grünen. 1980 in Karlsruhe gegründet, schaffen sie es drei Jahre später in den Bundestag. Aber es dauert noch mal fast zwei Jahrzehnte, bis die Energiekonzerne einlenken und den Atomausstieg gemeinsam mit der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder besiegeln. "Politische Kompromisse sind auch eine Frage des Vertrauens", kommentiert E.on-Chef Ulrich Hartmann die Vereinbarung vom 14. Juni 2000. Entscheidend sei nun, dass "beide Seiten sich auch in Zukunft an ihren Inhalt und Geist gebunden fühlen".

Im Herbst des Jahres 2010 ist der Geist hinter den Kühltürmen verschwunden. Jetzt ersetzt ein neuer Atompakt den alten: der Ausstieg aus dem Ausstieg. Es gilt das gebrochene Wort. Und das heißt wohl auch: Der Kampf, der Krampf geht weiter.

Der Autor ist Journalist in Berlin und einer der beiden Chefredakteure des Umweltmagazins " zeozwei "