Pop von ErdmöbelSchaffen wir den Rhein ab!

Die Band Erdmöbel pflegt in ihren Songs einen staunenden Blick auf den Alltag. Ein Spaziergang durch ihre hassgeliebte Heimatstadt Köln. von 

Ekki Maas, Wolfgang Proppe, Christian Wübben und der Sänger Markus Berges (von links) wollen immer da sein, wo der Zeitgeist gerade nicht ist

Ekki Maas, Wolfgang Proppe, Christian Wübben und der Sänger Markus Berges (von links) wollen immer da sein, wo der Zeitgeist gerade nicht ist  |  © Matthias Sandmann

Wo Markus Berges nur immer diese Wörter herhat. Sorpe, Banfe, Schobse, Milz – im Duden findet man mit Glück eins davon. Auch das Grimmsche Wörterbuch, Heimstatt so manchen Sprachungetüms, gibt keine Auskunft. Sorpe, Banfe, Schobse, Milz: Wer nicht an ansteckende mittelalterliche Krankheiten denken mag, könnte auf die Idee kommen, Berges habe sich das alles einfach so ausgedacht, aus einer Schnapslaune heraus oder am Ende einer schlaflosen Nacht. Aber nein, es gibt sie wirklich, diese seltsamen Wörter, und sie bedeuten sogar was. Die Frage ist: Will man es wirklich wissen?

Viel schöner ist es doch, die Dinge in der Schwebe zu lassen. Nach dem Klang zu gehen. Rhythmus muss drin sein, Sound und Flow. »Assoziationsräume öffnen« nennt Berges das: Man soll umherspazieren können in den Liedern, die er für die Kölner Band mit dem nicht minder seltsamen Namen Erdmöbel schreibt. »Oft haben wir selbst keine Ahnung, was genau gemeint ist«, sagt der Keyboarder Wolfgang Proppe. »Wenn ich’s verrate, sind dann alle enttäuscht«, lacht Berges. Schlagzeuger Christian »De Wueb« Wübben nickt nur zustimmend. Der Satz des Tages kommt von Bassist und Hausproduzent Ekki Maas. »Wir wissen auch nicht, worum es auf unserer neuen Platte geht. Wir haben sie ja nur gemacht.«

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Am Rätselraten führt kein Weg vorbei, wenn es um Produktionen aus dem Hause Erdmöbel geht. Andere Bands bringen das bisschen, das sie zu sagen haben, gern ungefragt auf den Punkt, damit die Message auch wirklich rüberkommt. Ein Interview mit Erdmöbel hingegen gleicht einem freundlichen, indes mäandernden Gespräch über Dichtung, Pop und Wahrheit. Nicht dass diese vier der Hitze der Jugend schon seit Längerem entwachsenen, irgendwie miteinander verheiratet wirkenden Männer auf den Mund gefallen wären, im Gegenteil: Wenn Berges seinen Sätzen hinterherhorcht, ist ihm der frühere Germanistik-Student deutlich anzumerken. Wie nun aber Wort und Musik genau zueinanderfinden und was uns das alles sagen will, darüber sind die Autoren bekanntlich am wenigsten auskunftsbefugt. »Da ist ja sehr viel nonverbal bei uns«, sagt Maas.

Dabei haben die Songs beim ersten Hören gar nichts Kompliziertes. Mal balladesk, mal munter voranpreschend, immer melodisch und geschmackvoll arrangiert, könnte man sie sich gut im Autoradio vorstellen. Einige Titel auf dem neuen Album Krokus sind in ihrem lebensumarmenden Gestus geradezu hymnisch geraten. Erst wenn man sie im Ohr hat, entfalten sie ihre Widerhaken, dann merkt man, wie kompliziert sie unter ihrer poppigen Oberfläche gebaut sind, und beginnt sich zu fragen, was das für eine Variante von Pop sein soll, die scheinbar Unvereinbares so mühelos zusammenbringt: das Süffige und Expressive, das märchenhaft Verträumte, aber auch die strenge Hermetik moderner Lyrik. Eine Synthese, die selbst in Zeiten von Bastard- und Mashup-Praktiken ihresgleichen sucht. Als hätten Gottfried Benn, Hans Christian Andersen und die Pet Shop Boys gemeinsam eine Band gegründet.

Leserkommentare
  1. großartige Konzerte mit erwachsenen Musikern und bildreichen Texten. Sehr gern mehr und immer wieder :-)

  2. Guter Artikel, aber Erdmöbel sind nicht die ersten, die Nordrhein-Westfalen in einem Lied benutzt haben. Das war meines Wissens Funny van Dannen in "Gwendolyn Kucharsky" mit dem schönen Refrain: "Das war die Liebe in Nordrhein-Westfalen..."

    • 4tune
    • 11. Oktober 2010 9:23 Uhr

    Hamburger Schule - ohne Nordlicht-Attitüde - gepaart mir unglaublicher Musikalität, die man in einer Stadt wie Köln erlernt und lebt.

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