Berlin Pankow Mal eben nach Ostberlin

Jazztanz in Honeckers Villa und Pelmeni im Bürgerpark: Pankow entwickelt sich zum buntesten Pflaster der Hauptstadt.

Dieses Viertel hätte man sich blasser vorgestellt. Hellgrün, beige, blau strahlen die Jugendstilfassaden. Hinter gusseisernen Zäunen ranken glutrote Rosen. In der Höhe dudelt ein Bauarbeiter-Radio. Ein Arbeiter im Blaumann grüßt vom Gerüst herunter, er streicht sonniges Gelb auf den Rauputz. Über rissiges Pflaster eilen Grüppchen in Rosa, Mädchen auf dem Weg zum Kinderbauernhof Pinke-Panke.

Berlin-Pankow also. Zu DDR-Zeiten ein begehrter Wohnbezirk, aber auch ein Synonym für die Herrschaft der SED. In den großbürgerlichen Villen hatten es sich Funktionäre und Schriftsteller gemütlich gemacht. Im Schloss richtete sich der Präsident Wilhelm Pieck sein Arbeitszimmer ein.

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Pankow: Museum

Schloss Schönhausen, Tschaikowskistr. 1, geöffnet Di–So 10–18 Uhr, Eintritt 6 Euro

Essen

Majakowski Gasthaus, Majakowskiring 63, Tel. 030/49918250

Café Canapé, Wolfshagener Str. 87, www.cafecanape.com, nettes Kiezcafé

Ristorante Firenze, Florastr. 27, Tel. 030/48476396, www.firenze-mario.de

Unterkunft

Herberge der Alten Bäckerei, Wollankstr. 130, Tel. 030/4864669, www.alte-baeckerei-pankow.de, für vier Personen 80 Euro

Literatur

Hans-Michael Schulze: Das Pankower »Städtchen«. Ein historischer Rundgang, Ch. Links Verlag, 2010; 96 S., 12,90 Euro

Die meisten Westdeutschen würden hier mehr Geschichte als Gegenwart vermuten. Jeder hat mal Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow gehört. Aber welcher Tourist fährt schon hin – selbst jetzt, wo er mit der S-Bahn vom Reichstag aus in einer Viertelstunde da wäre? Seit der Wende wird Pankow nicht mehr in Liedern besungen. Neuberliner mieten sich lieber in Mitte oder Friedrichshain ein. Selbst die Zugezogenen im benachbarten Prenzlauer Berg kennen Pankow oft nur als Kulisse, die auf dem Weg zu einem Badesee hinterm Autofenster vorbeirauscht.

Aber die Zeiten ändern sich. An einem sonnigen Herbsttag sitzt Jasmin Tabatabai in einem Gasthaus im Pankower Ortsteil Niederschönhausen. Sie grüßt nach rechts und links, herzt den Kellner, »das Majakowski ist so etwas wie mein zweites Wohnzimmer«, sagt sie.

Die Schauspielerin und Sängerin hätte man eher in einer Szenekneipe in Kreuzberg vermutet. Doch vor fünf Jahren zog sie nach Pankow. »Und meine Kreuzberger Freunde reagierten, als ginge ich nach Timbuktu. Dabei war es damals schon logisch, hier zu wohnen.« Sie wollte ins Grüne, aber nicht zu weit weg von den Bars in Mitte. Sie wünschte sich eine Villa mit Garten, aber die Nobelviertel im Westen Berlins waren ihr zu verschnarcht. »Mir gefällt, dass das hier etwas Unfertiges hat. Die krummen Straßen, die verwilderten Gärten, die riesigen alten Bäume.« Pankow, der Stadtteil, in dem sich Unbürgerliche die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit erfüllen.

Und fast alle gehen sie gern ins Majakowski. Die Fachwerkvilla mit dem ausladenden Balkon und der breiten Treppe war einst Gästehaus der SED. Heute hat sie einen Biergarten, der in jeder Top-Ten-Liste der Stadtmagazine auftaucht. Junge Paare sitzen beim späten Frühstück. Zwei Rentner stochern mit skeptischen Blicken in der »Vermählung von Steinbeißer mit wild gefangenem Lachs«. An den Klappstühlen vorbei zwängen sich, höflich nickend, Chinesen im grauen Anzug; die Wirtschaftsabteilung der chinesischen Botschaft ist gleich nebenan.

Tabatabai zieht es hinaus auf den Majakowskiring, wo sich in den Fünfzigern die SED-Elite hinter einem Schlagbaum verschanzte. »Magisch« findet Tabatabai die legendäre Straße heute. »Die alten Laternen, die alten Linden«. Laub raschelt unter den Füßen, die Herbstsonne blinzelt durch lichte Kronen. In einstigen Politikergärten stehen heute Trampolins. Wo früher Erich Honecker wohnte, bringt jetzt »Kulti, das Kinderfreizeitzentrum« dem Nachwuchs Jonglieren und Jazztanz bei. An die alten Herren erinnern nur ein paar angelaufene Gedenkplaketten auf bröckelndem Putz. Bedrohlich wirkt höchstens der wütende Retriever hinterm Gartenzaun.

Leser-Kommentare
    • pekuas
    • 30.09.2010 um 16:26 Uhr

    Verehrte Redaktion !

    Nun preisen Sie das Gasthaus Majakowski in Pankow schon wieder an. Wie recherchieren Sie eigentlich?

    Schauen Sie doch bitte mal auf die Seite des Bezirksamts . Der Fachbereich Veterinär- und Lebensmittelaufsicht des Bezirks hat dieses Gasthaus inspiziert und festgestellt, dass die Grundhygiene im Betrieb mangelhaft ist hygienische Grundregeln werden mißachtet. Das Amt kritisiert die fehlerhafte Lagerung von Lebensmitteln, teilweise unverpackt und ungekennzeichnet, Blattsalat wird in der Badewanne im Badezimmer neben dem Büro gewässert.

    Was würde Herr Siebeck sagen wenn er den Betrieb besichtigen würde? Die aufgezählten Kriterien sind übrigens der offiziellen Negativliste des Beziksamtes Pankow entnommen (das Gasthaus Majakowski wird hier schon seit Monaten aufgeführt) und für jedermann zugänglich (http://www.berlin.de/ba-p...).

    Sie sollten sich die Restaurants die Sie anpreisen wirklich genauer ansehen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Pekuas (Berlin-Pankow)

  1. Liebe Frau Schmitt,
    ich muss mich meinem Vorkommentator anschließen!
    Wir haben uns bei der Lektüre des Artikels auch sehr gewundert, dass mal wieder das Majakowski gepriesen wird. Allein zur Qualität der Küche und des Services wird in ihrem Artikel ja eigentlich keine Aussage getroffen. Jedoch bezweifel ich, dass es in der Top Ten Liste der Stadt gelistet wird. Eine genauere Rechereche vor Ort wäre einfach gewesen. Das hat aber wahrscheinlich gerade nicht ins Bild gepasst. Denn schöne Läden gibt es noch mehr in Pankow. Ansonsten finden wir als Pankower ihre Beschreibung des Pankower Lebens natürlich sehr schön! Obwohl es fast zu malerisch daher kommt.
    Aber so ist es halt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Arimus
    • 18.10.2010 um 18:28 Uhr

    Ich kann mich den Kommentatoren nur anschließen, bin Pankower und habe mehrmals das Restaurant Majakowski besucht und nun für micht entschieden, es zukünftig sein zu lassen. Die absolute Enttäuschung war das letzte Frühstück an einem Sonntag. Die Brötchen waren trocken und pappig und ansonsten war die Qualität vergleichend einer Standar(-ketten)bäckerei, nur haben die wenigstens noch frische Schrippen.
    Ein Tipp von meiner Seite: Das kleine aber feine französiche Restaurant in der Binzstraße 16. Urgemütlich und es schmeckt.
    Und wie auch der Tagesspiegelartikel vor ein paar Tagen setzen auch Sie sich nicht mit der anderen Seite Pankows auseinander, nämlich mit dem Viertel rund um die Neumannstraße, Binz- und Borkumstraße. Das dort junge Familien verstärkt bauen, findet keine Erwähnung. Die Kissingenstraße ist zum Beispiel auch eine tolle Straße mit absolut schönen Häusern und Wohnungen. Und hier werden auch noch wie zu Ostzeiten, gleich neben dem Amtsgericht frische Schrippen hergestellt und verkauft.

    • Arimus
    • 18.10.2010 um 18:28 Uhr

    Ich kann mich den Kommentatoren nur anschließen, bin Pankower und habe mehrmals das Restaurant Majakowski besucht und nun für micht entschieden, es zukünftig sein zu lassen. Die absolute Enttäuschung war das letzte Frühstück an einem Sonntag. Die Brötchen waren trocken und pappig und ansonsten war die Qualität vergleichend einer Standar(-ketten)bäckerei, nur haben die wenigstens noch frische Schrippen.
    Ein Tipp von meiner Seite: Das kleine aber feine französiche Restaurant in der Binzstraße 16. Urgemütlich und es schmeckt.
    Und wie auch der Tagesspiegelartikel vor ein paar Tagen setzen auch Sie sich nicht mit der anderen Seite Pankows auseinander, nämlich mit dem Viertel rund um die Neumannstraße, Binz- und Borkumstraße. Das dort junge Familien verstärkt bauen, findet keine Erwähnung. Die Kissingenstraße ist zum Beispiel auch eine tolle Straße mit absolut schönen Häusern und Wohnungen. Und hier werden auch noch wie zu Ostzeiten, gleich neben dem Amtsgericht frische Schrippen hergestellt und verkauft.

    • barfly
    • 18.10.2010 um 14:13 Uhr

    seit einigen jahren schon frage ich mich, ob ich aus prenz-
    lauer berg wegziehe, diese neubürgerlichkeit ist in
    ihrem kleinlichem und rücksichtslosem elitebewußtsein
    schwer zu ertragen. jetzt wird pankow also auch ruiniert.

    wenn schon eine frau tabatabai dort villen kauft, das hebt
    die lebensqualität ungemein.

    auf ins märkische viertel. oder marzahn? ach o weh, das
    ist wahrscheinlich als nächstes angesagt.

    • Arimus
    • 18.10.2010 um 18:28 Uhr

    Ich kann mich den Kommentatoren nur anschließen, bin Pankower und habe mehrmals das Restaurant Majakowski besucht und nun für micht entschieden, es zukünftig sein zu lassen. Die absolute Enttäuschung war das letzte Frühstück an einem Sonntag. Die Brötchen waren trocken und pappig und ansonsten war die Qualität vergleichend einer Standar(-ketten)bäckerei, nur haben die wenigstens noch frische Schrippen.
    Ein Tipp von meiner Seite: Das kleine aber feine französiche Restaurant in der Binzstraße 16. Urgemütlich und es schmeckt.
    Und wie auch der Tagesspiegelartikel vor ein paar Tagen setzen auch Sie sich nicht mit der anderen Seite Pankows auseinander, nämlich mit dem Viertel rund um die Neumannstraße, Binz- und Borkumstraße. Das dort junge Familien verstärkt bauen, findet keine Erwähnung. Die Kissingenstraße ist zum Beispiel auch eine tolle Straße mit absolut schönen Häusern und Wohnungen. Und hier werden auch noch wie zu Ostzeiten, gleich neben dem Amtsgericht frische Schrippen hergestellt und verkauft.

    • Bo11
    • 19.10.2010 um 15:00 Uhr

    und pankow.
    dann vllt köpenick o marzahn, w.o.g.

    man sollte sich schwer überlegen, in die immobilien dort zu investieren.
    kann man in den nächsten jahren sicher zu horrenden preisen an hippe hauptstädter, posende münchner und anderes reiches pack verscheuern

    hurra!

  2. Als alteingesessener Pankower freut es mich natürlich, dass mein Stadtteil auch einmal Erwähnung in der "Zeit" findet.
    Ob der Qualität des Artikels muss ich mich aber wundern.

    Zum einen muss ich meinen Vorrednern völlig Recht geben. Ein Restaurant zu bewerben, dass nachweislich und dokumentiert mangelhafte hygienische Zustände aufweist, ist doch eine ziemliche Frechheit.

    Zum anderen wundert es mich sehr, dass der Artikel die Ursprünglichkeit des Bezirks preist und als Interviewpartner fast ausschließlich Nuepankower befragt werden.

    Auch die irrige Aussage des ehemaligen Umweltministers, dass hier noch bezahlbarer Wohnraum durch kommunale Wohngesellschaften angeboten wird, ist in dem Artikel nicht hinterfragt.
    Es stimmt zwar, dass der kommunale Wohnbau hier noch etliche Wohnungen besitzt, diese liegen aber sobald sie saniert wurden oftmals über den Mietpreisen des freien Wohnungsmarktes. Auch steigen die Mietpreise in Pankow explosionsartig und werden wohl künftig die Vertreibung alt eingesessener Pankower weiter voran treiben. Mit dem natürlichen Flair des Stadtbezirks dürfte es dann auch bald vorbei sein.

    Aber ich möchte der Zeit natürlich zugute halten, dass der Artikel in der Rubrik Reisen erschienen ist und dies wohl etwas weniger Recherche erfordert.

  3. Der Artikel hatte mich neugierig gemacht - und weil ich schon woanders gehört hatte, dass Familien nach Pankow ziehen und dachte, das sei doch ein potentiell interessanter Stadteil nahm ich mir vor, beim nächsten Berlin-Besuch mal hinzufahren.
    Vergangenes Wochenende war ich in da: Bin mit meiner Frau und unserem 5jährigen Sohn zum Bahnhof Wollankstrasse gefahren und wollte mir diese Strasse und dann die Florastrasse ansehen, weil beide im Artikel genannt wurden.
    Es war ein Desaster: Berlin ist nicht vornehm, das macht ja auch z.T. den Charme aus. Aber was wir da sahen, war die grösste Ballung an Armseligkeit, menschlichem Elend, sichtbarer Armut und Schmutz die mir in Deutschland je begegnet ist. Wohlgemerkt: Mir ist klar, dass Pankow ein grosser Bezirk ist und möglichkerweise gibt es andere Teile von Pankow, die ganz zauberhaft sind (am Schloss und Kinderbauernhof PinkePanke waren wir z.B nicht).
    Die Gegend um den S-Bahnhof Wollankstrasse gehört auf jeden Fall nicht dazu...
    Wirklich alles was wir sonst von Berlin gesehen haben (inclusive dem verrufenen Neukölln auf der Fahrt zum Flughafen) erschien mir einladender, attraktiver und weniger deprimierend als den Teil von Pankow, den wir gesehen haben.
    Hatten wir einfach unglaubliches Pech oder kann es sein, dass Pankow einfach nicht so toll ist wie der Artikel suggeriert?

  4. Ich bin etwas erstaunt, wie subjektiv die Kommentare verfasst sind. Kritisieren sie doch den angeblich schlecht recherchierten Artikel, kommentieren sie aber sehr einseitig.

    Z.B. ist das Restaurant Majakowski schon lange nicht mehr auf der Negativliste des Bezirksamtes, auch ist der damalige Eintrag nicht dazu geeignet, das Restaurant als Schmuddelbude abzutun. Eher im Gegenteil, die Wirte geben sich alle Mühe, etwas anderes als Mainstream in ihrem Restaurant zu bieten. Die schon mehrfach erwähnte Negativliste und die ständige Wiederholung, dass im Majakowski hygienische Katastrophen herrschen, haben dazu geführt, dass die Wirte das Restaurant aufgeben müssen, weil die Gäste wegbleiben. Und wer eine andere Seite der Geschichte hören möchte, der soll bitte mal mit dem Wirt sprechen, was wirklich bei der Kontrolle des Amtes passiert ist. Das gehört auch zu guter Recherche!

    Auch der Beitrag, Pankow sei die dreckigste und heruntergekommendste Ecke Deutschlands, ist fast schon beleidigend gegen die Bewohner Pankows, die die guten und auch die weniger guten Seiten ihres Kiezes kennen. Selbst die Ecke um den S-Bahnhof ist nicht so, wie der Verfasser es beschreibt.

    Was mir allerdings ebenso Sorgen macht ist, dass die Bewohnerstruktur in Pankow sich ändert, ich fürchte auch, dass spätestens in einem Jahr, wenn Pankow nicht mehr Einflugscheise des Flughafens ist, der Stadtteil zu einer Schickigegend wird, die absolut nicht zu Pankow passen würde.

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