Dieses Viertel hätte man sich blasser vorgestellt. Hellgrün, beige, blau strahlen die Jugendstilfassaden. Hinter gusseisernen Zäunen ranken glutrote Rosen. In der Höhe dudelt ein Bauarbeiter-Radio. Ein Arbeiter im Blaumann grüßt vom Gerüst herunter, er streicht sonniges Gelb auf den Rauputz. Über rissiges Pflaster eilen Grüppchen in Rosa, Mädchen auf dem Weg zum Kinderbauernhof Pinke-Panke.

Berlin-Pankow also. Zu DDR-Zeiten ein begehrter Wohnbezirk, aber auch ein Synonym für die Herrschaft der SED. In den großbürgerlichen Villen hatten es sich Funktionäre und Schriftsteller gemütlich gemacht. Im Schloss richtete sich der Präsident Wilhelm Pieck sein Arbeitszimmer ein.

Die meisten Westdeutschen würden hier mehr Geschichte als Gegenwart vermuten. Jeder hat mal Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow gehört. Aber welcher Tourist fährt schon hin – selbst jetzt, wo er mit der S-Bahn vom Reichstag aus in einer Viertelstunde da wäre? Seit der Wende wird Pankow nicht mehr in Liedern besungen. Neuberliner mieten sich lieber in Mitte oder Friedrichshain ein. Selbst die Zugezogenen im benachbarten Prenzlauer Berg kennen Pankow oft nur als Kulisse, die auf dem Weg zu einem Badesee hinterm Autofenster vorbeirauscht.

Aber die Zeiten ändern sich. An einem sonnigen Herbsttag sitzt Jasmin Tabatabai in einem Gasthaus im Pankower Ortsteil Niederschönhausen. Sie grüßt nach rechts und links, herzt den Kellner, »das Majakowski ist so etwas wie mein zweites Wohnzimmer«, sagt sie.

Die Schauspielerin und Sängerin hätte man eher in einer Szenekneipe in Kreuzberg vermutet. Doch vor fünf Jahren zog sie nach Pankow. »Und meine Kreuzberger Freunde reagierten, als ginge ich nach Timbuktu. Dabei war es damals schon logisch, hier zu wohnen.« Sie wollte ins Grüne, aber nicht zu weit weg von den Bars in Mitte. Sie wünschte sich eine Villa mit Garten, aber die Nobelviertel im Westen Berlins waren ihr zu verschnarcht. »Mir gefällt, dass das hier etwas Unfertiges hat. Die krummen Straßen, die verwilderten Gärten, die riesigen alten Bäume.« Pankow, der Stadtteil, in dem sich Unbürgerliche die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit erfüllen.

Und fast alle gehen sie gern ins Majakowski. Die Fachwerkvilla mit dem ausladenden Balkon und der breiten Treppe war einst Gästehaus der SED. Heute hat sie einen Biergarten, der in jeder Top-Ten-Liste der Stadtmagazine auftaucht. Junge Paare sitzen beim späten Frühstück. Zwei Rentner stochern mit skeptischen Blicken in der »Vermählung von Steinbeißer mit wild gefangenem Lachs«. An den Klappstühlen vorbei zwängen sich, höflich nickend, Chinesen im grauen Anzug; die Wirtschaftsabteilung der chinesischen Botschaft ist gleich nebenan.

Tabatabai zieht es hinaus auf den Majakowskiring, wo sich in den Fünfzigern die SED-Elite hinter einem Schlagbaum verschanzte. »Magisch« findet Tabatabai die legendäre Straße heute. »Die alten Laternen, die alten Linden«. Laub raschelt unter den Füßen, die Herbstsonne blinzelt durch lichte Kronen. In einstigen Politikergärten stehen heute Trampolins. Wo früher Erich Honecker wohnte, bringt jetzt »Kulti, das Kinderfreizeitzentrum« dem Nachwuchs Jonglieren und Jazztanz bei. An die alten Herren erinnern nur ein paar angelaufene Gedenkplaketten auf bröckelndem Putz. Bedrohlich wirkt höchstens der wütende Retriever hinterm Gartenzaun.