Er ging also zum Arzt, wegen dieses blöden Hustens, dabei verbietet er sich das Kranksein doch immer. Leute, die sich in Krankheiten reinsteigern, kann er nicht leiden. Er hat nicht krank zu sein. Der Arzt verschrieb ihm etwas gegen Lungenentzündung. Weil der Husten trotzdem blieb, ging er wieder hin und wieder, ohne Erfolg. Irgendwann war er dann bei einem anderen Arzt. Der sagte: Lungenkrebs.

Und da, sagt Manfred Belz und schaut aus dem Fenster, da beginnt die Geschichte. Sie beginnt mit dem Geschwür in seiner Lunge, der Operation, der Chemotherapie und dem Gefühl, das ihn damals überkam. Gefühle sind nicht so seine Sache, das sieht man Belz an. Aber als er hilflos im Krankenhausbett lag und all die Leute sah, die sich um ihn kümmerten, da dachte er: Wem hast du eigentlich geholfen im Leben? Wie hast du bisher gelebt? Warst du nicht immer Egoist, ging es dir nicht nur um das eigene Segelboot, den neuen Wohnwagen? Wenn man Manfred Belz glauben kann, dann wurde ihm in diesem Moment klar, dass er für andere da sein muss. Zeit hat er ja als Vorruheständler. Er hat es dann erst einmal als Lesepate versucht und Kindern vorgelesen. "Dafür hatte ich aber keine Nerven", sagt er trocken. Mittlerweile setzt er lieber seine Hände ein: Einmal in der Woche hilft der 58-Jährige im Mehrgenerationenhaus St. Lorenz in Lübeck anderen bei der Fahrradreparatur.

In keiner anderen Altersgruppe wächst das ehrenamtliche Engagement so sehr wie unter denen, die älter als 50 Jahre sind. Laut einer Befragung in den Mehrgenerationenhäusern, an der über 2600 Ehrenamtliche teilnahmen, sind 44,3 Prozent von ihnen zwischen 51 und 85 Jahre alt. Der Gesellschaftswissenschaftler Marcel Ehrlinghagen sagt, das liege nicht nur daran, dass die Alten heute fitter und auch gebildeter sind: "Die Älteren, die jetzt aktiv sind, waren das ihr Leben lang." Sozialisiert wurden sie in einer Zeit großer gesellschaftlicher Partizipation. Salopp gesagt: Die 68er gehen in Rente – und der Lehnstuhl kommt für sie nicht infrage. Viele suchen auch nach dem Ende ihres Arbeitslebens nach einer sinnvollen Aufgabe.

Begegnungsstätten wie das Lübecker Mehrgenerationenhaus profitieren davon. Hier soll es Angebote für alle Generationen geben: Frühstück für Mütter, Malkreise für Kinder, Beratung für Angehörige von Behinderten – oder einfach nur gemeinsame Mittagessen. Allerdings ist die Zukunft der Mehrgenerationenhäuser derzeit ungewiss – Ende 2012 läuft die Förderung des Bundes aus. Danach müssen die Kommunen einspringen, oder es muss eine andere Finanzierung gefunden werden. Ohne Ehrenamtliche wie Manfred Belz würden die Häuser allerdings schon heute nicht existieren können.

Wenn Belz in der kleinen Werkstatt des Mehrgenerationenhauses steht, dann kommt immer mal wieder jemand mit seinem Fahrrad vorbei, das eigentlich gar nicht kaputt ist. "Die behaupten dann, ihre Speiche oben links sei locker", sagt er. "In Wirklichkeit wollen sie nur erzählen." Oft kommen aber auch Migranten oder Arbeitslose, die sich eine teure Reparatur nicht leisten können. Belz zeigt ihnen dann, wie es geht, Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. Und dann die Kinder! "Die Kinder kleben mir am Arsch", sagt Belz. "Dabei bin ich nicht unbedingt nett zu ihnen. Aber ich nehme sie ernst." Er gibt der Gesellschaft jetzt etwas zurück – und profitiert zur gleichen Zeit. "Ich brauche immer Menschen um mich", sagt Belz. Im Mehrgenerationenhaus ist er nie allein.

Walter Brott sieht das mit den Menschen ganz ähnlich. Besucher begrüßt er mit Namen, hält links und rechts immer wieder einen kleinen Plausch. "Wenn ich etwas habe, dann ist es Zeit", sagt Brott. Sein Projektleiter Stephan Borowski sagt: "Herr Brott schafft Atmosphäre, auch solche Menschen brauchen wir."

Als er vor neun Jahren in den Ruhestand ging, dachte Walter Brott erst einmal gar nicht an ein Ehrenamt. Er konzentrierte sich damals auf seine Modellbauschiffe. Er hatte einen Wohnwagen und ein großes Segelboot, eine Frau und zwei Kinder, zu tun gab es immer. Dann kam er eines Tages nach Hause, kurze Zeit nach der Goldenen Hochzeit war das, und seine Frau war weg. Bis heute hat er nichts von ihr gehört. "Das war ganz schlimm", sagt Brott, obwohl man ihn nach all dem gar nicht gefragt hat. Aber er erzählt nun mal gern und auch unterhaltsam, das ist es wohl, was der Projektleiter mit Atmosphäre meint. Wie er denn nun zum Ehrenamt gekommen sei? Ach, das sei ja wegen seiner neuen Bekannten, sagt Brott und legt los: Wie er es mit verschiedenen Frauen probiert habe. Wie er schließlich seine Jugendliebe anrief, von ganz früher. Wie sie ins Telefon rief: "Nein! Du?" Wie sie sich verabredeten und den ganzen Abend klönten – "aber auch nur das". Sie jedenfalls nahm ihn irgendwann mit ins Mehrgenerationenhaus. Seitdem ist er eine feste Institution hier. Er schneidet Hecken, mäht Gras, kümmert sich um den Müll. "Mit links mache ich das", sagt Brott, 75 Jahre alt. "Ich freue mich, wenn ich gebraucht werde. Ich dränge mich nicht auf, aber wenn man mich fragt, mache ich es gern." Und dann erzählt er von seinen Hobbys (Schiffe und Tanzen), von den Instrumenten, die er beherrscht (Gitarre und Akkordeon), von den plattdeutschen Gedichten, die er im Kopf hat (es sind 30). "Alles hier oben", sagt Walter Brott und tippt sich an die Stirn.