Zum Reden hat Emanuele jetzt nicht viel Zeit. Er ist konzentriert beim Kartenspiel Scala Quaranta im Gemeinschaftssaal eines Altenheims am südlichen Stadtrand von Rom. Emanuele ist 24 Jahre alt und Zivildienstleistender. An sechs Tagen in der Woche kommt er für sechs Stunden in das Heim für Frauen, einen schlichten, dreistöckigen Bau aus den 1970er Jahren. Hier sind die Zivis nicht zur Pflege eingeteilt, das übernehmen professionelle Kräfte. Emanueles Zivildienstprojekt heißt Nonne Felici – glückliche Omas. "Meine Aufgabe ist es, die Frauen zu unterhalten", sagt der junge Römer. Bei gut 80 Frauen und drei Zivildienstleistenden sind Einzelgespräche aber die Ausnahme. Man sieht zusammen Filme, spielt Karten, hört Musik. Anstrengend sei das, aber auch sehr bereichernd: "Es hat mir eine andere Welt eröffnet", sagt er ernst. "Ich habe mit Menschen zu tun, die ich sonst niemals getroffen hätte und die ihrerseits hier in einer Zwangsgemeinschaft sind. Denn das Altenheim ist eine Zwangsgemeinschaft." Am 31. Oktober endet Emanueles Jahr als Zivi, dann wird er sein Theologiestudium wieder aufnehmen. "Aber sicher komme ich noch öfter hierher." Genauso freiwillig wie zuvor.

Der italienische Zivildienst ist ein Freiwilligendienst, seitdem 2005 die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Bereits 2001 wurde der Servizio Civile für Frauen geöffnet, die heute fast 70 Prozent der Zivis stellen. Die Zivis sind zwischen 18 und 28 Jahre alt, und ihre Aufgabe ist laut Gesetz "die Vaterlandsverteidigung, nicht im Sinne der Verteidigung der staatlichen Grenzen, sondern der gemeinsamen Werte und der demokratischen Ordnung".

Genau das ist Lauras Aufgabe im Zivildienst. Sie ist 27, hat Internationale Beziehungen studiert und sich gleich danach um einen Zivildienstplatz bei der Caritas beworben – Abteilung Friedenserziehung. Ihren Schreibtisch hat sie in einem winzigen Büro unter dem Dach des Lateranpalastes. Mit seinen pompösen Marmortreppen und den mit Fresken geschmückten Korridoren scheint der prächtige Papstpalast der Stadt weit entrückt. Aber die Friedenserziehung findet woanders statt – Laura tingelt durch die römischen Schulen. "In meinen Unterrichtsstunden geht es um Konflikte und ihre Bewältigung", sagt sie. Wie kann es zu einem Bürgerkrieg kommen? Was ist der Nahostkonflikt? Aber auch: Welche Konflikte entstehen aus der Entwicklung Italiens vom Auswanderer- zum Einwandererland?

Für Laura ist das Jahr bei der Caritas der erste Schritt ins Arbeitsleben. "Es ist eine einmalige Erfahrung, bei der ich mehr nehme als gebe", sagt sie. Auf keinen Fall will sie den Zivildienst mit einem Praktikum vergleichen. Das sei hier schon anders, "eine Art Dienst an der Gesellschaft". Dafür gibt es im Monat 433,80 Euro Zivi-Salär. Eine Einzimmerwohnung in Rom kostet mindestens doppelt so viel. Laura und Emanuele wohnen noch bei ihren Eltern.

Das Zivildienstjahr ist bei jungen Italienern beliebt, die Zahl der Freiwilligen ist erstaunlich groß: Auf eine freie Stelle kommen vier Bewerber. Doch jedes Jahr gibt es weniger Zivildienstplätze. Angesichts leerer Kassen spart der hoch verschuldete italienische Staat auch am Zivildienst. Im ersten Jahr nach Aussetzung der Wehrpflicht war die Zahl der Zivildienstleistenden noch kräftig gestiegen – von knapp 40.000 im Jahr 2005 auf gut 57.000 ein Jahr später. Doch 2009 begannen nur noch 23.000 junge Männer und Frauen ihren Zivildienst. Im November werden es knapp über 19.000 sein. Italien kann sich den Zivildienst kaum noch leisten. "Wir wollen mehr Qualität statt Quantität", erklärt der Zivildienstbeauftragte der Regierung, Carlo Giovanardi. Tatsächlich werden Zivis in Nord- und Mittelitalien verstärkt bei der Sozialarbeit mit Einwanderern eingesetzt. Die römische Caritas wird ab November 15 Zivis im Migrantenzentrum am Hauptbahnhof Termini beschäftigen. Und in Turin arbeiten Zivildienstleistende mit Migrationshintergrund in einem Projekt für Migranten.

Doch der Ruf nach mehr Qualität sei keine Entschuldigung für die Streichung der Mittel, klagen die Verantwortlichen. "Die Kürzungen sind ein Desaster für die Sozialarbeit", sagt Emanuela Oliva vom Verein Gruppo Abele in Turin, einem der größten italienischen Sozialprojekte. Bis zur Aussetzung der Wehrpflicht beschäftigte Gruppo Abele 60 Zivildienstleistende, später noch 40, in diesem Jahr sind es lediglich sieben. Die Zivis bei Gruppo Abele kümmern sich um Exprostituierte und um Drogensüchtige. "Wir engagieren junge Leute, die mindestens 25 Jahre alt sind", berichtet Emanuela Oliva, "im Umgang mit Suchtkranken muss man nämlich schon eine gewisse charakterliche Festigung vorweisen können." Und am besten auch ein Studium. Die Zivildienstleistenden von Gruppo Abele sind oft ausgebildete Sozialarbeiter und Psychologen. "Sie betrachten das Jahr als ersten Schritt ins Berufsleben, eine Art Halbtagsjob", sagt Oliva. Fast alle würden nach Ablauf des Zivildienstes übernommen. Mit Einjahresverträgen.

So erinnert der freiwillige Zivildienst mancherorts eher an ein schlecht bezahltes Praktikum – oder wird sogar zur Gelegenheit, ein Jahr Arbeitslosigkeit zu überbrücken: Fast 28 Prozent der Italiener unter 24 Jahren sind ohne Job, im Süden ist es jeder Zweite. Dort werden Zivildienstleistende vor allem in der Altenpflege gesucht – aber es gibt in Kalabrien auch 15 Stellen beim Verein für die Pflege des kalabrischen Dialekts. Das klingt schon sehr nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Manchmal haftet dem freiwilligen Zivildienst sogar der Ruf eines Jobkillers an, auf Sizilien zum Beispiel. Im März kam es dort zum Eklat, als 33 junge Frauen den barocken Turm der Kirche San Saverio all’Albergheria in Palermo besetzten, um gegen ihre drohende Entlassung beim Kindernotruf Telefono Azzurro zu protestieren. Die Sizilianerinnen – studierte Psychologinnen, Pädagoginnen und Juristinnen mit einem Bruttolohn von knapp 2000 Euro – sollten nach fünf Jahren Einsatz gegen Zivildienstleistende ausgetauscht werden. Der Protest zog ein großes Medienecho nach sich. Geholfen hat es wenig: Alle wurden entlassen. Vom Kindernotruf in Palermo kommt zu der Angelegenheit kein Kommentar.