Mein Bekannter ist das, was man in der Schweiz einen Schaffer nennt. Neben dem Soziologiestudium arbeitete der 31-Jährige, den ich hier Reto nennen will, bei einem Versicherungskonzern. Nicht als Kaffeekocher, sondern als Business Analyst. Vor zwei Jahren heiratete er, wurde Vater.

Da hatte er seinen gut bezahlten Job bereits gekündigt: »Ich konnte nicht damit leben, mit dem, was ich tat: Restrukturierungen und Entlassungen vorbereiten.« Es war ein Gewissensentscheid. Reto hinterfragt sein Tun. Er machte ein Praktikum bei einer NGO im Entwicklungsbereich. Dann fand er seinen Traumjob. Eine Teilzeitstelle an einer Hochschule. Projektbasierte Arbeit, unsichere Zukunft, schlecht bezahlt. Aber er kommt in der Welt herum. Mal fliegt er nach New York, dann für einen mehrwöchigen Workshop nach Afrika. Daneben schreibt er an seiner Dissertation. Seine Frau, die nach der Matura in einem Verlag arbeitete, hat kürzlich ein Vollzeitstudium begonnen. Sie lebt vom Ersparten. »Es bringt der Gesellschaft im Endeffekt mehr, wenn sie eine bessere Ausbildung hat. Auch wirtschaftlich«, sagt Reto. Der gemeinsame kleine Sohn geht in die Krippe. Das kostet 150 Franken pro Monat. Es ist der tiefstmögliche Tarif, jener für niedrig qualifizierte Tieflohnarbeiter mit einem steuerpflichtigen Jahreseinkommen von unter 60.000 Franken.

Reto und seine Frau haben dieses tiefe Einkommen selbst gewählt. Ist das fair gegenüber jenen, die Vollzeit arbeiten und trotzdem fast zu wenig zum Leben haben? Gibt es eine Pflicht für uns Gutgebildete, reich zu werden?

Schließlich wurde uns der Erfolg in die Wiege gelegt. Wir sind Akademikerkinder. Die Wahrscheinlichkeit, selber zu graduieren, ist damit fünfmal größer, als wenn wir aus einer Arbeiterfamilie stammen würden. Unsere Eltern wohnen in Gockhausen, Witikon oder an der Zürcher Goldküste. Sie haben Ferienhäuser in Italien, dem Bündnerland, der Innerschweiz oder ein Segelschiff auf dem Zürichsee. Mehr noch: Wir werden erben und alles behalten können. Der Staat kriegt nichts. 1999 schaffte man im Kanton Zürich die Erbschaftsteuer für direkte Nachkommen ab. Uns Privilegierten liegt die Welt zu Füßen. Ein Universitätsabschluss bietet nach wie vor beste Perspektiven. Das Lebensziel der Generation 30 heißt Selbstverwirklichung. Wir dürfen das.

Doch muss die Allgemeinheit das mitbezahlen?

Bereits vor 30 Jahren warnte der 2004 verstorbene Zürcher Soziologe Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny vor einer Ideologie: »Selbstverwirklichung, wenn sie zum zentralen Wert wird, kann in vielen Bereichen nur zu Lasten der Entfaltung anderer realisiert werden und muss die schon als fragil erkannten sozialen Zusammenhänge weiter auflösen.« Früher galt: Wer studiert, steht in der Pflicht. Er musste der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wissenschaftliche Exzellenz, künstlerisches Genie, analytisches Denken – oder Geld. Schließlich müssen Studenten bis Ende zwanzig kaum Lohnarbeit verrichten. Im Gegensatz zu Berufslehrlingen. Als Akademiker trägt man Verantwortung für die Gesellschaft. Auch heute. Oder wie der Schweizer Chemienobelpreisträger Richard Ernst sagte: »Der Begriff Elite hat auch einen moralischen Aspekt.« Aber dieses Pflichtgefühl schwindet. Gefährden die Bildungseliten damit den sozialen Zusammenhalt?

Ja. Zum Beispiel, wenn sie auf dem Wohnungsmarkt in den günstigsten Wohnungen leben, obschon sie ein höheres Einkommen erwirtschaften könnten. In der Stadt Zürich steigen die Mieten seit Jahren unaufhörlich, auch in einst billigen Wohngegenden. Vor zehn Jahren kostete in den Stadtkreisen 4 und 5 eine Dreizimmerwohnung rund 2000 Franken Monatsmiete. Heute sind 3000 Franken keine Ausnahme.