Es ist der Moment, auf den Michael Galander lange gewartet hat. Er trägt ein goldschimmerndes Sommersakko, als er feierlich die breite Holztreppe des Anklamer Rathauses hinunterschreitet. Um den Hals liegt seine schwere Amtskette. Auf halber Treppe hält Galander inne und blickt hinunter ins Foyer, wo die Stadtvertreter auf ihn warten. »Meine Demokraten« nennt er sie. Sie nennen ihn »den Dicken«, nicht nur, weil sein Körper so viel Raum einnimmt.

Genugtuung liegt in Galanders Blick.

Gerade erst haben sie ihn wieder im Hauptausschuss genervt, als sie verhindern wollten, dass er als Dienstwagen einen teuren Audi bekommt. Sie haben genörgelt, dass ein Bürgermeister nicht dasselbe Auto fahren müsse wie ein Minister, vor allem dann nicht, wenn in der Stadtkasse nur noch 300 Euro liegen. Diese Politiker sind ihm lästig mit ihren Diskussionen, mit ihrer Rechtsaufsicht, den Staatsanwälten, die sie ihm ins Rathaus geschickt haben, aber jetzt ist Ende Juli, und er ist wieder da.

Es ist der Tag, an dem Galander zum zweiten Mal ins Amt des Bürgermeisters eingeführt wird. Nun wird er Anklam in Ostvorpommern acht weitere Jahre regieren.

Bürgermeister von Anklam © M.Hauptmann/ IfA

Galander lächelt ausgeruht, während er in der ersten Reihe zuhört, wie ein Knabenchor das Volkslied Es war ein König in Thule vorträgt. Zwei Jahre lang war Galander suspendiert, weil er verdächtigt wurde, Gelder aus der Stadtkasse veruntreut zu haben. Die Rede war von Schummeleien bei der Vergabe öffentlicher Bauaufträge, von Korruption. Noch wird gegen ihn ermittelt wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug, Fälschung von Wahlunterlagen, Verleumdung. Sein Vorbild, sagte Galander einmal in einem Interview, sei Wladimir Putin. An den Fingern seiner rechten Hand stecken zwei goldene Ringe.

Als Galander vorn den Eid auf die Verfassung ablegt, geht ein leises Raunen durch den Saal. Dann stellt sich sein Amtskollege aus der holsteinischen Partnerstadt Heide ans Pult und sagt: »Lieber Michael, ich gratuliere. Der Bürger hat ein Machtwort gesprochen!«

65 Prozent gaben Galander ihre Stimme. Zwei von drei Wählern.

Die Unternehmer aus seiner Partei klopfen Galander auf die Schulter. Karl-Dieter Lehrkamp, der Fraktionsvorsitzende der CDU, überreicht ihm eine Ausgabe von Macchiavellis Der Fürst. »Damit Sie lernen, wie man sich als Herrscher zu verhalten hat«, sagt Lehrkamp und versucht ein Lächeln. Monika Zeretzke von den Linken drückt ihm ein Bund roter Nelken in die Hand. Uwe Schultz, der Sozialdemokrat, ist gar nicht erst gekommen. »Was hat das noch mit Demokratie zu tun?«, hatte Schultz gesagt, bevor er zu seinem Ferienhaus in Mecklenburg aufbrach.

Die Vertreter der etablierten Parteien vergleichen die Verhältnisse in Anklam gern mit denen in Italien. Die Partei des Bürgermeisters ist eine Vereinigung lokaler Unternehmer und stellt die stärkste Fraktion im Rat. Bei der Kommunalwahl holte die NPD acht Stimmen mehr als die SPD. Nicht einmal jeder Dritte wählte eine der alten Volksparteien. Jetzt hat man einen Bürgermeister im Amt bestätigt, der die Gesetze dehnt. Und für das Wochenende haben sich Neonazis angekündigt, um zu demonstrieren.

Das ist in Anklam von der Demokratie übrig geblieben, zwanzig Jahre nach der Wende. Und vielleicht muss man auf diese Kleinstadt schauen, um zu begreifen, wohin die Demokratie zu steuern droht, fernab von Berlin, draußen im Lande, wo die Unzufriedenheit wächst und das Volk misstrauisch auf seine Vertreter blickt. In Anklam, am Rande der Republik, wird die Politik abgewählt.

Wie konnte das passieren?

Am Sonntag vor der Bürgermeisterwahl steht Michael Galander auf einem Ausflugsdampfer und blickt zufrieden über das Deck. Rentner in beigefarbenen Anzügen und sorgfältig frisierte Damen schlürfen ihre Gulaschsuppe. Ruhig gleitet das Schiff über die Peene. Am Ufer wiegt sich das Schilf, und die Stadt verschwindet langsam aus dem Blick. Der Wahlkampf geht in seine letzte Runde.

»Läuft doch«, sagt Galander. »Davon erzählen meine Gäste die ganze Woche, dass sie der Bürgermeister eingeladen hat.« Der Sozialverband ist an Bord, der Diabetesverein und die Johanniter-Unfall-Hilfe, alles Multiplikatoren. Drei Touren macht er an diesem Tag, jeweils 120 Rentner, Kosten: 3000 Euro. »Gut investiertes Geld«, sagt Galander.

Er wird jetzt 41, kurz nach der Wende war er aus dem Emsland nach Ostvorpommern gekommen. Mit 24 gründete er in Anklam ein Tiefbauunternehmen. Mit 32 wurde er zum ersten Mal zum Bürgermeister gewählt. Galander ist Mitglied einer Wählergruppe, die sich Initiativen für Anklam (IfA) nennt. Sie sind Bauunternehmer und Planungsingenieure, Leute, die Gaststätten führen, Pflegedienste, Gartenbaubetriebe. Sie sagen: »Was für die Unternehmer gut ist, ist gut für Anklam.« Im Kommunalwahlkampf charterten sie einen Segelflieger und kreisten mit einem IfA-Banner über der Stadt. Jetzt verlosen sie Einkaufsgutscheine vor dem Baumarkt eines Mitglieds. Am Gebäude einer Fahrschule, die ebenfalls einem IfA-Mann gehört, prangt Galander überlebensgroß. Allein in der langen Pasewalker Straße, beschwerte sich die Konkurrenz beim Ordnungsamt, hingen 33 seiner Wahlplakate.

Als das Schiff nach zwei Stunden wieder auf die Stadt zuhält, nimmt Galander sich das Mikro. »Ich will hier keine Grundsatzrede halten«, sagt er. »Ich würde mich nur freuen, wenn sie mir am Sonntag das Vertrauen aussprechen.« Die Rentner nicken satt und glücklich. Als sie von Bord gehen, drückt Galander ihnen einen Flyer in die Hand – mit Fotos, die daran erinnern sollen, was er für die Stadt getan hat. Man sieht die Baugerüste an der Nikolaikirche und den neuen Bahnhofsvorplatz. Man sieht den Neuen Markt mit seinem Elefantenbrunnen, eines dieser Bauprojekte, deretwegen die Staatsanwälte vor dem Rathaus standen. Es hieß, vor allem IfA-Leute hätten davon profitiert.

»Was am Sonntag auf dem Spiel steht, ist mehr als eine Stelle bei der Stadt«, sagt Monika Zeretzke von den Linken.

Während Galander eine neue Rentnergruppe auf das Schiff schleust, kettet Zeretzke in der Südstadt ihr Fahrrad an. Gemeinsam mit ihrem Kandidaten Daniel Staufenbiel will sie dessen Broschüre verteilen, die Südstadt ist ihr wichtigstes Gebiet. Die Sechsgeschosser werfen schon lange Schatten, aus geöffneten Fenstern dringen Fernsehgeräusche. Hier wohnen ihre Wähler. Monika Zeretzke ist eine kleine, zähe Frau Mitte 50, sie trägt einen roten Anorak und auf dem Rücken einen schwarzen Rucksack.

»Du das Haus, ich das Haus«, sagt sie zu Staufenbiel. Staufenbiel nickt. Weil die Linken in Anklam niemand fanden, haben sie ihn aufgestellt: einen Politikstudenten aus dem 30 Kilometer entfernten Wolgast. »War ja klar«, sagt Zeretzke. Sie ist mit 56 die Jüngste in ihrer Ortsgruppe; in der letzten Legislatur ist eins ihrer Ratsmitglieder gestorben, ein anderes, das an Alzheimer litt, überredeten sie zum Aufgeben.