In Dresden, auf dem Weißen Hirsch, gibt es ein Mahnmal historischer Entsagung. Eine Gedenktafel zeigt ein verwehendes Blatt, dazu die Goldschrift: »Hier geschah im Jahre 1875 absolut nichts.« Ähnliches fühlen Geschichtsbedarfte alljährlich zum 3. Oktober. Deutschlands Nationalfeiertag sei leer, das profane Datum eines Verwaltungsakts. Ein anderer Tag der Deutschen Einheit wird gewünscht – der ambivalent beladene 9. November , oder der 9. Oktober, an dem 1989 siebzigtausend Leipziger die Wende demonstrierten.

Warum also der 3. Oktober? Im Osten wuchern wilde Gerüchte. Wir präsentieren sie dem Großen Zeitzeugen. Wir fragen den damaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher : Man hört, der 3. Oktober sei Nationalfeiertag geworden, weil die Schwiegermutter des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble da Geburtstag hatte und er ihr eine Freude machen wollte. Können Sie das bestätigen?

Genscher, entgeistert: Nein. Nein. Nein.

Ferner wird geglaubt, dass die Einheit unbedingt vor dem 7. Oktober 1990 vollzogen werden sollte, damit die DDR keinen 41. Geburtstag erlebe.

Das weiß ich nicht, sagt Genscher, da war ich nicht so involviert. Ich hätte den 9. Oktober vorgezogen, aber keinen späteren Termin, wegen des engen Zeitfensters für die Einheit. Ich hatte versprochen, die KSZE-Staaten über die Ergebnisse der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zu unterrichten. Die KSZE-Außenministerkonferenz, auf der die Alliierten ihre Vorbehaltsrechte über Deutschland und Berlin suspendierten, tagte am 1. Oktober, und zwar zum ersten und einzigen Mal in New York.

So weit Genscher. KSZE – das war die ständige Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, ein Instrument der Entspannungspolitik, 1995 wurde daraus die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Und Zwei plus Vier, das waren die beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Aber warum KSZE in New York? Ursprünglich sollte die Erklärung der Alliierten bereits am 12. September 1990 aus Moskau ergehen, bei der Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags. Die sowjetische Seite wollte jedoch keineswegs den Verzicht auf die DDR, ihr Siegespfand von 1945, in Moskau besiegeln. Es fiel das Wort Versailles, so erinnert sich DDR-Außenminister Lothar de Maizière.

Hieß der nicht Meckel? Zunächst. Nach den freien Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990 war die siegreiche Allianz für Deutschland (CDU, Demokratischer Aufbruch und DSU) unter Führung des CDU-Vorsitzenden de Maizière eine Ganz Große Koalition mit SPD und den Liberalen eingegangen. Das Außenressort übernahm Markus Meckel (SPD), doch am 19. August verließen die Sozialdemokraten die Regierung. Ministerpräsident de Maizière übernahm auch das Außenamt. Man erinnere sich jenes heißen Sommers. Am 1. Juli wurde das DDR-Finanzwesen über Nacht auf Westmark umgestellt. Das erschoss die DDR-Wirtschaft und bescherte der bundesdeutschen eine gigantische Konjunktur. Denn begreiflicherweise wollten die Ostdeutschen für die neue Währung keine DDR-Produkte kaufen. Doch die Ost-Betriebe mussten nun Westgeld löhnen, das sie nicht verdienten. Der Binnenmarkt kollabierte, ebenso der Ostblockhandel.