Lappland Piccolo in Gummistiefeln
Einmal im Jahr treffen sich am Polarkreis finnische Geschäftsfrauen zum Wandern und Paddeln in der Wildnis.
© Odile Hain

Paddeln auf dem Oulanka, der jedes Jahr seinen Lauf ändert
Moosgrün, rundlich und mit Rüschenvorhängen steht der Bus im Feriendorf Ruka für uns bereit. Er wird uns heute zum Wandern bringen. Damit beginnt das Oulanka Canoeing Camp for Ladies, ein Abenteuerwochenende am Polarkreis im finnischen Lappland, dessen Höhepunkt morgen aus einer 26 Kilometer langen Paddeltour an die russische Grenze besteht. Danach warten Sauna und Abendunterhaltung in einem »Wildniscamp«.
Gut 40 Frauen haben sich angemeldet. Eine nach der anderen steigt nun in den Bus. Welche sind wohl die Ärztinnen, die Juristinnen, die Professorinnen, welche ist die Politikerin, die auch auf der Teilnehmerinnenliste steht? Fast alle sind ungeschminkt und in Wanderkleidung. Mir gegenüber sitzt ein zurückhaltendes Grüppchen: Eine hat ein Totenkopftuch im Haar, die andere rote Pippi-Langstrumpf-Zöpfchen, und die dritte, eine füllige Dame, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »I hear voices…and they don’t like you«.
- Kuusamo: Anreise
Von Helsinki fliegt die Finnair täglich nach Kuusamo. Im Winter bietet diese zudem Direktflüge von Düsseldorf aus. Regelmäßiger Bustransfer nach Ruka
- Camp
Das nächste Oulanka Canoeing Camp for Ladies findet Ende August 2011 statt. Informationen beim Veranstalter Rukapalvelu, Tel. 00358-8/8608600, www.rukapalvelu.fi. Die Wanderung kostet 85 Euro pro Person inklusive Transfers, Picknick, Sauna und Abendessen. Die Kanutour kostet 230 Euro pro Person inklusive Transfers, Ausrüstung, Sauna und Verpflegung. Anreise und Übernachtung individuell, in Ruka gibt es zahlreiche Hotels (www.ruka.fi)
- Auskunft
Deutschsprachige Informationen beim Tourismusbüro unter 00358-400/873046 oder per Mail outi.saastamoinen@kuusamo.fi
Der Fahrer legt den Gang ein. Der Rüschenvorhang wippt lustig, als Anne Murto das Mikrofon nimmt. Seit acht Jahren veranstaltet sie das Frauenpaddeln. »Wir bleiben unter uns, weil es weniger anstrengend ist«, sagt sie. »Wenn Männer zur Gruppe gehören, wird es gleich zum Wettbewerb.« Ansonsten hat hier niemand etwas gegen Männer. Außer mir sind nur Finninnen an Bord. Die gelten als die am meisten gleichberechtigten Frauen Europas.
Wir wandern auf einem Teil der berühmten Bärenrunde. Der Weg führt durch Wald und Sümpfe, vorbei an Felsen und Lichtungen. Dort, wo der Boden zu morastig ist, sind Holzplanken gelegt. Wenn sie enden, genießt man den federnden Waldboden. Nach 58 Minuten klingelt ein Handy. Es ist Freitagnachmittag, und viele der Frauen arbeiten in Führungspositionen. Das hat mir Anne verraten. »Aber wir sprechen nicht viel über das Geschäft. Wir kommen zum Entspannen.«
Viele sind allein unterwegs, andere mit Freundinnen, einige mit Mutter oder Tochter. Im lockeren Gänsemarsch schreiten wir über den schmalen Weg. Nur um den Wanderguide Mikka scharen sich ein paar Frauen. Dort wird schon eifrig geplaudert. Ich gehe hinter der freundlichen Eija, die schon einmal dabei war. »Ich komme jedes Jahr nach Lappland, weil mir die Natur so guttut«, sagt Eija. Immer wieder bückt sie sich, um ein paar Blaubeeren zu pflücken.
Vor uns nur der lange, stille Fluss. Irgendwann kommt die russische Grenze
Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde bleibt die Gruppe zum ersten Mal stehen. Mikka hält einen Kurzvortrag über die Pflanzen- und Tierwelt und garniert ihn mit Witzen. Dem Lachen der Frauen nach sind die Pointen schlüpfrig. Die rothaarige Sarri übersetzt für mich. »Er hat gesagt, dass hier im Winter zwei Meter hoch Schnee liegt. Er meint, du sollst dann noch mal wiederkommen und dich mit ihm unter diese Tanne legen.« Ich passe mich den Landessitten an und nicke dem Verbalerotiker anerkennend zu. Sarri grinst. Wir machen uns wieder auf den Weg.
Zum Schluss wird es steil. Besorgt blicken die Frau mit dem Totenkopftuch und ihre Freundin zu ihrer molligen Begleiterin. Auf dem Plateau des Valtavaara ist alle Anstrengung vergessen. Unter uns liegen Wälder und Seen. Nicht eine einzige Überlandleitung ist zu sehen. Das stille 360-Grad-Panorama reicht bis zum Horizont. Andächtig schauen wir hinunter auf den Oulanka, wo wir morgen paddeln werden.
- Datum 08.10.2010 - 14:31 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 30.09.2010 Nr. 40
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Danke, liebe ZEIT, auch für solche Artikel, abseits von Sarrazin, Stuttgart 21 und co......
...aber warum man diese Stille mit 71 anderen teilt und sich den ganzen Tag abhetzt, um nach nur einem Tag abends wieder in den Flieger zu steigen, werde ich nie verstehen.
Wieviel schöner ist es doch, gemütlich mit Auto oder Bahn und Bus anzureisen, den Rucksack ganz in Ruhe zu packen und alleine (oder zu zweit) aufzubrechen, ohne abends an einem bestimmten Punkt ankommen zu müssen und ganz ohne Handy (nicht nur ohne Empfang) - an manchen Tagen mehr Rentiere als Menschen zu sehen und nach zehn Tagen Freiheit so langsam mit viel neuer Kraft wieder in die Zivilisation zurückzukehren...
MfG, parkwaechter
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren