Eigentlich ganz nett hier. Es gibt Fachwerkhäuser, ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert und Neubaugebiete im Grünen. Bekannt ist dieses frühere Dorf am Rande Stuttgarts aber für etwas anderes: Weltweit steht es für den »Deutschen Herbst«, die Terrorjahre um 1977.

Stuttgart-Stammheim: Fast einen Kilometer lang sind die Mauern des Gefängnisses. Hinter ihnen ragt das Hochhaus empor, in dem der harte Kern der RAF saß: ein zweiflügeliger Bau, die Fassade aus Fliesen und Glasbausteinen. Daneben ein nahezu fensterloser grauer Klotz, das eigens für die Terroristenprozesse errichtete Gerichtsgebäude, in dem von diesem Donnerstag an wieder gegen Verena Becker verhandelt wird.

Wie leben die Anwohner mit dieser Vergangenheit, die nicht vergeht? Tina Hülle, die zierliche, 32 Jahre alte Bezirksvorsteherin, spricht von einer »doppelten Identität« des Ortes. »Für die Menschen, die hier leben, ist es Heimat, für die anderen der Mythos Stammheim.«

Viele Stammheimer wohnen in direkter Nachbarschaft zum Stacheldraht und stören sich nicht daran. In der beliebtesten Kneipe, die früher Zur Freiheit hieß, trinken neben entspannten Justizvollzugsbeamten frisch entlassene Häftlinge ihren ersten Schnaps. Am Stammtisch hat der Tabellenstand des VfB Stuttgart einen höheren Nachrichtenwert als das Geschehen in den Zellen.

Sobald es aber um die RAF-Zeit und die Prozesse geht, hört die Gelassenheit auf. Im Heimatmuseum, das die Geschichte vom bäuerlichen Leben bis zur ersten Straßenbahn dokumentiert, gibt es nicht ein Exponat aus dem Gefängnis. Der Terrorismus ist in Stammheim ein schwieriges Thema, und erst jetzt, drei Jahrzehnte danach, beginnt eine Diskussion über den Umgang mit diesem Erbe – angestoßen ausgerechnet von der CDU-Frau Tina Hülle, geboren 1977.

In der DDR aufgewachsen, sei sie »relativ unbedarft« an das Thema herangegangen, sagt sie. Bald bemerkte die Neubürgerin, dass, wer die RAF-Zeit miterlebt hatte, kaum darüber sprach. Also fragte sie nach und erfuhr von jahrelangem Ausnahmezustand, Straßensperren, ständiger Polizeipräsenz, Demonstrationen, der Angst vor Anschlägen und Ausbruchsversuchen. Stammheimer zu sein, das wurde für viele damals zum Stigma.

Dabei hatte die Bewohner niemand gefragt: nicht beim Bau des Gefängnisses 1963, nicht, als die RAF-Terroristen kamen. Und auch jetzt hat sie niemand gefragt, da die geschichtsträchtigen Bauten abgerissen werden sollen. Sowohl das Hochhaus als auch das Gerichtsgebäude haben erhebliche Mängel, das Gefängnis erfüllt zudem die Anforderungen an den modernen Strafvollzug nicht. Eine Sanierung, heißt es aus dem baden-württembergischen Justizministerium, käme zu teuer. So sollen sie von 2013 an durch Neubauten ersetzt werden.