Stuttgart-StammheimAn den Terror erinnernSeite 2/2

»Geschichte braucht Orte, um daran zu erinnern, und Stammheim ist eben so ein Ort«, sagt Tina Hülle. Sie meint: Die Stammheimer haben sich die Geschichte nicht ausgesucht – sie sollten nun wenigstens selbst entscheiden können, wie sie damit umgehen. Die Bezirksvorsteherin initiierte eine Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen und ein Projekt am Gymnasium zum Thema RAF. Inzwischen ist die Idee eines kleinen Dokumentationszentrums zum »Deutschen Herbst« entstanden.

Unterstützt wird Tina Hülle vom Stuttgarter Innenarchitekten Harry Vetter, den das Thema persönlich reizt. »Hier in der Region hat man die Stimmung damals viel intensiver erlebt, es gingen Risse durch ganze Familien, mich hat diese Zeit nie losgelassen«, sagt er. Gemeinsam mit Studenten der Fachhochschule Düsseldorf hat er ein Ausstellungskonzept entwickelt. Als man die Idee auf einer Veranstaltung öffentlich erörtert, wird es emotional. Einige Stammheimer befürchten eine Baader-Meinhof-Pilgerstätte, die Busladungen von in die Jahre gekommenen Linksextremen anzieht. Andere, wie Albert Renz, der seit sechzig Jahren in Stammheim lebt, hätten gegen eine Ausstellung nichts einzuwenden, »aber doch nicht hier in Stammheim«. Man müsse den Ruf als berühmtester Vorort Stuttgarts nicht noch zementieren.

Der Mythos Stammheim: Noch heute fragt jede Besuchergruppe zuerst nach dem siebten Stock des Hochhauses. Hier saßen Meinhof, Baader, Raspe und Ensslin ein. Auch Verena Becker war hier untergebracht – allerdings im »langen Flügel« auf der anderen Seite. Noch immer seien viele Häftlinge stolz, hier einzusitzen, erzählen Strafvollzugsbeamte. Über den Hof ruft es: »Meinhof, Ensslin, Baader – das sind unsere Kader.« Wer sich als politischer Gefangener begreift, wähnt sich nah bei den Meistern.

Kaum betritt man Zelle 719, sucht man nach dem Plattenspieler, fragt sich, wo Baader gelegen haben könnte. In alten Filmaufnahmen wirkt der Raum wie eine Studentenbude – vollgepackt mit Büchern, Zeitschriften und Platten. Heute sind in Baaders Zelle nur noch die Glasbausteinfenster original, an der Wand zwei karge Doppelstockbetten, blaue Metallspinde, ein Waschbecken und eine Toilette aus Edelstahl. Der Erinnerungsort – eine Geisterbahn für Geschichtstouristen.

Vor allem die jüngeren und neu zugezogenen Stammheimer fänden eine Ausstellung gut. Aber wo soll sie hin, wenn die Schauplätze verschwunden sind? Wer zahlt? Und wie lassen sich die Bürger gewinnen? Wozu Stuttgarter fähig sind, wenn man sie vergisst, zeigt der Kampf um den Bahnhof.

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Leserkommentare
  1. Es gab auch die Zeit vor den RAF-Gefangenen in der JVA Stammheim. Damals war Stammheim hochmodern und galt als ausbruchssichter, was von 2 Gefangenen widerlegt wurde, die es schafften, auszubrechen.

    Ich habe dort Anfang der 70er ein dreimonatiges Praktikum gemacht und da war die JVA noch keine Festung.

    Gegenüber vom Haupteingang gabs Felder, die von Gefangenen bestellt wurden.

    Damals galt Stammheim als moderner Knast. Nachdem die Prozesse losgingen, wurde Stammheim das "RAF-Gefängnis".

    Hässlich waren die Gebäude immer! Wäre kein Schaden, sie abzureissen.

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    Das ist eine wirklich witzige Beschreibung, die die Phantasie blühen läßt.
    Im Übrigen geht es nicht darum, ob die Bauten häßlich sind (das verstand man damals (und leider oft bis heute) unter Strafvollzug.

    • Lümmel
    • 03. Oktober 2010 23:01 Uhr

    doch Hartz 4 Wohgnungen daraus.
    Was will denn schon ein H4ler mit großen Zimmern!
    Ironie aus!
    Was für Blödsinn wollt Ihr denn noch alles erhalten?
    Wenns alt und marode ist und es nicht mehr als Knast benutzt werden soll, dann reißt es ab und pflanzt einen Wald.

  2. Das ist eine wirklich witzige Beschreibung, die die Phantasie blühen läßt.
    Im Übrigen geht es nicht darum, ob die Bauten häßlich sind (das verstand man damals (und leider oft bis heute) unter Strafvollzug.

    Antwort auf "Stammheim"
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    von wegen "witzig", werter Jupiter-x,
    das war ein reiner Männer-Knast!! Keine Frauenabteilung, nur ne Jugendabteilung, die ich mal 4 Wochen als Sozialarbeiter-Praktikantin betreuen durfte!;-)

    Ansonsten wäre der Riesen-Beton-Komplex als Mahnmal ein Witz!
    Für eine Gedenkstätte eignet sich dieses Riesenteil wirklich nicht.
    Das waren ja damals schon so an die 1000 Gefangene!

    Abreißen und ein Denkmal, 1 m auf 3 m hinstellen, das langt!
    (Hier starben die "Opfer des Systems")

    Aber ich denke mal, dass hier eher der Opfer der RAF gedacht werden soll, obwohl die ja nun nicht hier eingesessen sind.

  3. Es geht um die Haltung zur eigenen Geschichte an HAnd von Denkmäler dieser Geschichte und es geht darum, wie man damit umgeht. Läßt man sie stehen - will man also darüber nachdenken - oder verfügt man schon wieder eine damnatio memoriae.
    Hülle und Vetter haben völlig recht, wenn sie eine Gedenkstätte initieren wollen. Deustchland wird sich, auch was diese Zeit betrifft, seiner Geschichte stellen müssen. Und alle, die heute noch leben und damals schon gelebt haben, sollten an Dokumentaionen mitwirken. Denn sie waren alle Akteure dieser Geschichte, sie haben die eine oder die andere Seite unterstützt oder gingen in innere Emigration, was in einer Demokratie, selbst wenn diese die Freiheiten massiv einschränkt, nicht wirklich möglich ist. Sie waren aktiv oder haben geduldet, was geschah.

    Machen wir es doch anders als mit der NS-Vergangenheit! Stellen wir uns der Geschichte!
    Machen wir es nicht wie Berlin, in dem zuerst das Schloß, dann der Kulturpalast dem Erdboden gleich gemacht wurde, zweimal an derselben Stelle versucht wurde Geschichtsperioden völlig auszuradieren.
    Wie man mit Stammheim umgehen wird, wird zeigen, ob man aus der NS-Geschichte tatsächlich gelernt hat und den Mut findet sich der Vergangenheit zu stellen.
    Einen Geisterprozeß in einer grottenbahnartigen Inszenierung zu führen ist sicher der falsche Weg. Man muß Frieden geben können, wenn es einem selber besser gehen soll.
    Die Aufarbeitung ist Sache der Geschichtswissenschaft und der Bevölkerung.

  4. von wegen "witzig", werter Jupiter-x,
    das war ein reiner Männer-Knast!! Keine Frauenabteilung, nur ne Jugendabteilung, die ich mal 4 Wochen als Sozialarbeiter-Praktikantin betreuen durfte!;-)

    Ansonsten wäre der Riesen-Beton-Komplex als Mahnmal ein Witz!
    Für eine Gedenkstätte eignet sich dieses Riesenteil wirklich nicht.
    Das waren ja damals schon so an die 1000 Gefangene!

    Abreißen und ein Denkmal, 1 m auf 3 m hinstellen, das langt!
    (Hier starben die "Opfer des Systems")

    Aber ich denke mal, dass hier eher der Opfer der RAF gedacht werden soll, obwohl die ja nun nicht hier eingesessen sind.

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