Deutsche Romane Zur Lage der Literatur

Wie geht es dem deutschen Gegenwartsroman? Wir beginnen eine dreiteilige Qualitätskontrolle. Erster Befund: Der Plapperton macht die aktuelle Literatur so erfolgreich

Wer der romantischen Idee vom Künstler als Fischer im Unbekannten anhängt, hat hohe Erwartungen an die Sprache der Dichtung. Für ihn ist ein Buch nur so gut wie sein Stil. Die Sprache des Schriftstellers wünschen wir uns durchlässiger, empfänglicher und feinfühliger als das, was wir den lieben langen Tag vor uns hin reden. Die Welthaltigkeit der Romane – darin liegt ein vielfach kolportiertes Missverständnis – ist nicht eine Frage des Plots und seiner unterstellten gesellschaftlichen Bedeutung, sondern eine Frage des Stils und seiner weltaufschließenden Kraft. Wer wissen will, wie es der deutschen Gegenwartsliteratur geht und um welche Bewusstseinsachsen sie sich dreht, muss auf ihre Töne hören. Aber was ist die Sprache der Gegenwartsliteratur? Häufig klingt sie im Augenblick so: »Später am Nachmittag kursierten neue Meldungen über Streaver und die entsprechenden Gerüchte in der Dotcom-Szene. Einer berichtete von mehreren geplatzten Schecks, ein anderer, der vor Monaten bei Streaver entlassen war, deutete einen Betrug bei der Einwerbung von Risikokapital an.« Oder so: »Bessy shoppte gerne mit mir, und so war ich mehrfach der einzige Mann in der H&M-Dessousabteilung, aber das machte mir nichts aus und, ich glaube, Bessy sogar ein wenig stolz.« Zwei beliebige, natürlich ungerecht verkürzte Beispiele aus aktuellen Romanen, verfasst von bekannten Autoren, verlegt in renommierten Verlagen.

Um welche Bewusstseinsachsen drehen sich solche Sätze? Eine von der aktuellen Sprachohnmacht entnervte Autorin fasste das einmal so zusammen: »Der Autor erzählt nur noch.« Man kann auch sagen, er plappert vor sich hin. Er sieht nicht ins Freie, sondern benimmt sich wie der Kellner im Restaurant, der es allen recht machen will: seinem vakuumverpackten Stoff auf dem Teller und dem Leser am weiß gedeckten Tisch. Seine wichtigste Aufgabe: nur nicht stören. Seine literarische Flughöhe: so niedrig wie möglich.

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Dieser Tiefflug macht die deutsche Gegenwartsliteratur in jüngster Zeit besonders erfolgreich. Seitdem sich Roman und Romanleser wieder auf derselben Augenhöhe treffen, hat sich ihre Beziehung, die in der Vergangenheit manchmal gelitten hat, wieder gefestigt. Die Demokratisierung oder Vervolkstümlichung des Erzählens, deren Vorbilder unter anderem im amerikanischen Mittelstandsroman zu finden sind, ist die Voraussetzung der neuen partnerschaftlichen Beziehung zwischen Literaturkonsument und -produzent, wie sie sich auch in der kreativindustriellen Wachstumsbranche der Literaturfeste, Literaturhäuser und Literaturevents ausdrückt. Sie ist wie jede Demokratisierung grundsätzlich zu begrüßen, doch zahlt man für sie einen nicht geringen Preis. Es ist der Preis der Entzauberung. Das Ergebnis dieser Entzauberung ist die Vorherrschaft eines anschlussfähigen, unauffälligen, leicht beweglichen Stils, der das vertraute Planquadrat der alltäglichen Zeichensysteme nie verlässt. Nennen wir ihn: Ernüchterungsstil. Er gibt sich so unangestrengt, elastisch und bescheiden wie möglich. Er ist der Freund des Lesers und trägt ihn selbst über unangenehme, drastische, schmerzhafte Romanpassagen hinweg. Dieses Erzählen in niedriger Flughöhe, sosehr eine neue warmherzige, kindergeburtstagsfröhliche Literaturkritik es auch preisen mag, hat zur Folge, dass Überhöhungs-, Übertreibungs-, Pathosformen der Literatur wenig Verwendung finden, dass auf Verzauberung, Sprachbilder und überhaupt auf sprachliche Ermächtigung oder Stilisierung verzichtet wird.

Dieser Ernüchterungsstil – der nichts gemein hat mit der Askese eines Albert Camus oder der inszenierten Naivität eines Imre Kertész und auch nichts mit der Kahlschlagliteratur der Nachkriegszeit, deren Nüchternheit eine Kunstform war – mag Ausdruck unserer ernüchterten Zeit und ihrer epochalen Ermüdung sein. Doch hat er zur Folge, dass sich im überwiegenden Teil der deutschsprachigen Romane, die im Geist dieser Ernüchterung verfasst sind, nachhaltige ästhetische Erfahrungen nicht machen lassen. Der ernüchterte Zeitgeistroman beliefert seine Leser mit übertriebener Betriebsamkeit unablässig mit neuen Stoffen. Doch die emsige Akkumulation immer neuer Geschichten ergibt nicht die Geschichte der Literatur, deren Epochen sich vor allem in der Art und Weise, die Welt zu begreifen, aber nicht übermäßig in der Varianz ihrer Themen unterscheiden.

Wer nach Beweisen fragt, möge die Romane aufschlagen, die man in diesem Herbst nach Auskunft der Jury des Deutschen Buchpreises für die besten deutschsprachigen halten soll. Zuverlässig wird man selbst hier – und zwar unabhängig davon, wie gut oder schlecht diese Bücher ansonsten sein mögen – auf jenen Küchen- und Drehbuchstil treffen, der um keinen Preis vom Boden der Alltagssprachen abheben will. Hier nur zwei von vielen möglichen Tonproben: »Und nun haben wir zwei Autos und sind immer noch nicht zufrieden. Weil Friedhelm nun immer mit dem kleinen ollen Fiat zur Arbeit fahren muss, weil ich mit dem nicht klarkomm, ich bin eben so an Opel gewöhnt« (Judith Zander). »Der Samstag ist normalerweise der hübsche Tag mit der rosaroten Schleife und dem toll aufgeschäumten Milchkaffee, so Nomi – aber heute ist nicht Samstag, sondern ein ganz normaler Mittwoch, an dem der Turnverein bei uns Jubiläum feiert« (Melinda Nadj Abonji). Diese Mündlichkeit – eigentlich von den Brüdern Grimm bis zu Kempowski eine Quelle literarischer Erneuerung – wirkt eher kleinlaut. Das Alltagssprachliche soll in diesen Beispielen Lebendigkeit nachstellen, die originale Tonspur der Wirklichkeit wiedergeben, und hat doch die gegenteilige Wirkung. Es verlässt sich auf die allzu bekannte Schrumpfform der Gegenwart. »Wenn der Code nicht durchbrochen ist«, heißt es in dem aktuellen, ungewöhnlichen Prosabuch Florida Räume von Ann Cotten (ZEIT Nr. 38/10), »verstehen wir nichts, außer dass der Code reproduziert wird.«

Das klingt sehr missmutig, und es stimmt – die Ohnmacht der Sprache ist, solange sie eine unfreiwillige ist, sehr ermüdend. Sie hat etwas Serienmäßiges, ihre gängigen Muster – von der stillen, bilderarmen Parataxe bis zum redseligen, punkt- und kommalosen Geplauder – sind Reproduktionen von Reproduktionen. Nur die cleversten dieser Romane, die jede Hoffnung auf den freien Blick aufgegeben haben, stellen ihren Reproduktions- und Seriencharakter selber aus und spielen herausfordernd mit den tiefgefrorenen Sprachschablonen der Alltags- und Netzsprachen (nein, wir wollen die Helene-Hegemann-Debatte nicht noch einmal von vorn führen, aber ungefähr darum ging es). Schön ist das nicht, gefallen kann es nur dem, der zwischen Kunst und Zeitgeist am liebsten ein Gleichheitszeichen setzt. Wer ehrlich ist, gibt zu: Hätte er nur noch ein paar Wochen zu leben, würde er niemals zu diesen tieffliegenden Romanen greifen, die ihn in dieselbe in Zellophan verpackte Gegenwartssimulation einsperren, in der er sein Leben ohnehin verbracht hat. Die Literaturkritik ist meistens nicht ehrlich. Zu oft setzt sie ihren Ehrgeiz und ihr beträchtliches Können nur noch darauf, die Literatur nach ihren Themen und Geschichten zu durchkämmen und uns die Story der Romane und Erzählungen kunstvoll nachzuerzählen (zuletzt wieder bei dem neuen Roman von Jonathan Franzen). Dieser Inhaltismus der Kritik geht so weit, dass der Literatur bestimmte politische oder wirtschaftliche Stoffe oder Milieus zur Bearbeitung empfohlen werden oder deren Nichtbearbeitung gerügt wird. So wie umgekehrt die großflächigste Story (vormals: Wiedervereinigung, Stasi, Jugoslawienkrieg; im Moment: Suhrkamp, Sorgerecht, Afghanistankrieg, Immigration) in einer Literatursaison das beste Rennen macht. Wer eine Fünfsternereportage nicht schon für Literatur und die Sprache der Romane nicht für ein Tablett hält, auf dem nahrhafte Geschichten serviert werden, geht leer aus. 

Aber vergessen wir die Vorwürfe und Ermahnungen. Ihre Zeit ist genauso vorbei wie die der Großkritiker. Und es stimmt ja: Die sprachliche Ohnmacht ist ein Symptom. Sie erzählt von einer tieferen epochalen Desillusion, die nicht nur die Literatur betrifft. Diese Ohnmachtserfahrung lässt sich offensichtlich nicht so leicht nach dem Vorbild der altehrwürdigen Verliererliteratur von Robert Walser bis Wilhelm Genazino wieder in literarischen Geländegewinn ummünzen. Und sie ist auch nicht durch gut gemeinte Appelle – gebt euch mehr Mühe, beherrscht die deutsche Sprache besser, wagt mehr Literarizität – aus der Welt zu schaffen. Das alles wären nur, mit einem Wort des Schriftstellers Ulrich Peltzer: »leere Souveränitätsgesten«. Also bloße Dekoration. Doch auch das gibt es neben den endlosen weiß gekalkten Erzählräumen der Gegenwart: einen neuen dekorativen Manierismus. Es gibt einen neuen Retro-Chic, der sich darin gefällt, historische Schreibstile (nach den Beispielen Heimito von Doderers, Thomas Manns oder Rudolf Borchardts) neu zu beleben, wofür unter anderem der Schriftsteller Martin Mosebach von seinen Bewunderern besonders gerühmt wird, zuletzt wieder für seinen operettenhaft verspielten Roman Was davor geschah (ZEIT Nr. 36/10). Ob zu Recht, weil es sich um eine echte Revitalisierung der Sprache, oder zu Unrecht, weil es sich nur um eine galante sprachliche Pose handelt, bleibt umstritten.

Daneben gibt es noch immer die ziselierte Kunstsprache der alten Avantgarde, etwa bei der verehrungswürdigen Friederike Mayröcker, und es gibt neue, welthaltigere Versionen des Ziselierten, wie wir sie bei Brigitte Kronauer bewundern. Es gibt die gehobene Science-Fiction eines Dietmar Dath (auch von ihm wird gelegentlich behauptet, dass er bloß posiere) und die anspruchsvolle literarische Humoreske einer Sibylle Lewitscharoff und manches mehr, das der These von der epochalen Müdigkeit zu widersprechen scheint. Der neue Manierismus besticht auf den ersten Blick durch seine sprachliche Brillanz, seinen Wort- und Aberwitz, seine nicht unbeträchtliche Eleganz. Seine Kehrseite ist aber häufig eine gegen die Welt luftdicht abgeschottete Kunstfertigkeit, ein ungestörter Hermetismus, die Herkunft aus der Galanteriewarenabteilung der Literatur. Nicht nur der Ernüchterungsstil leidet an Erfahrungsstereotypie und Selbstbezüglichkeit. Auch der Manierismus öffnet uns nur selten den lebendigen Hallraum hinter den schwarzen Zeichen auf unseren Bildschirmen.

»Falls nun auf einen Begriff gebracht werden soll, was hier an Kennzeichen der in den letzten Jahren tonangebenden Literatur gesammelt worden ist – also: Nivellierung, Gefälligkeit und Erfolgsbewusstsein, handwerkliche Gediegenheit bis hin zu blendender Virtuosität im Umgang mit vorhandenen Mitteln, hoher Stoffreiz und Verarbeitungseffekt, das alles erkauft mit geringer Erkenntniskraft und gesellschaftlicher Funktionslosigkeit –, so wüsste ich dafür nur ein Schlagwort, das alle diese Merkmale auf einen Nenner bringt: Boulevard.« Das schrieb der selige Reinhard Baumgart vor fast genau zwanzig Jahren an dieser Stelle. Und man fragt sich ein wenig erschrocken: Hat sich denn gar nichts verändert? Nicht einmal die Jeremiaden der Literaturkritiker über den beklagenswerten Zustand ihres Lieblings, der Literatur?

In Wahrheit hat sich alles verändert, nur eines nicht: Kritik, die ihren Namen verdient, kann nicht anders, will sie nicht die Packungsbeilage zu den bestehenden Harmlosigkeiten sein. Und Bücher, die das Wunder vollbringen, das Feuer einer neuen ästhetischen Erkenntnis in uns zu entzünden, fallen nicht jedes Jahr zusammen mit den Herbstblättern vom Himmel. Wunder sind selten. Wer an Wunder glaubt, bleibt ein schlecht gelaunter Liebender, der lieber zu viel als zu wenig von seiner Geliebten erwartet.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. spricht mir aus der Seele. Herzlichen Dank.

  2. Schön, dass ab und zu jemand die Fahne der Kunstkritik hoch hält. Auf Basis eines konventionellen psychologischen Naturalismus lässt sich mit Hilfe von Creative Writing-Konzepten endlos erzählen. Manch gutes Produkt bringt das hervor, doch wenig künstlerisch Relevantes. Als Leser von Rezensionen spürt man gelegentlich ein Unbehagen bei Rezensenten, die mal wieder einen Text vor sich liegen haben, der als Roman ausgezeichnet, als Literatur jedoch eine Eintagsfliege ist. Dieses Unbehagen ist ein Zeichen von Kunstverstand.

  3. Nach dem holprigen Leseparcours muss ich erst mal sämtliche Sinne resetten, um nicht emotionalen Blähungen anheimzufallen, angesichts dieser selbstverliebten Vokalschlacht mit ihrer nicht ganz sattelfesten begriffstechnischen Bindegewebsschwächen.
    Schon eigenartig, der Schöpfungsakt eines solchen Artikels. Mit ungestüm entströmender Gedankengewalt geht man zu Werke, korrigiert, schreibt neu, und ahnt nicht, wie viel Energie entweicht auf dem Weg vom ursprünglichen Gedanken zum fertigen, verbalkosmetisch aufgehübsten Text. Ein Videostatement der Autorin wäre besser gewesen. Hören ist bequemer als lesen.
    Nichts desto trotz, der Krebsschaden der Unprofessionalität in der Gegenwartsliteratur ist schon gewaltig. Und die Formel lautet wie zu allen Zeiten: Gesucht wird der Roman, der die Stimmungslage einer Gesellschaft in Bilder fasst, bevor dieser die Worte dazu einfallen, eben Literatur mit bewusstseinsverändernden Wirkung.
    Aber, der wahre Genießer mag es sowieso lieber gut abgehangen. Die beste Literatur liegt meist auf den Ramschtischen. Da macht man sich wenig Gedanken über neu zu Erschaffendes.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wow, das ist doch mal ein Kommentar, den man direkt "genießen" kann!

    Wow, das ist doch mal ein Kommentar, den man direkt "genießen" kann!

  4. Hab ich mich verlesen, oder kommt der Begriff Talent im Artikel gar nicht vor. Oder ist das Wort bei so viel spätjugendlicher Hoffnungsträgerschaft im Literaturbetrieb nicht mehr angebracht?
    Tja, man hat es, oder hat es nicht.
    Übrigens, Konny...Wortakrobat, Audio ist vorhanden.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Mikoss
    • 05.10.2010 um 10:21 Uhr

    Das Zitat von Reinhard Baumgart fast den Zeitraum gut ein. So viel ist inzwischen passiert und so wenig wurde davon Kunst. Ich will offen sagen, ich bin überrascht von der Exzellenz der Kritikerin und ratlos gegenüber dem Patienten. Man möchte Ansprüche aus besseren Vergangenheiten geltend machen, oder gleich Gewalt anwenden gegen die Leichtigkeit, und man fragt sich, was einen davon abhält.
    Inzwischen ist die Schweizer Wolwodinesische Serbo-Kroatin Melinda Nadj Abonji mit dem Buchpreis ausgezeichnet worden, genau wie es kommen sollte. Worauf warten wir noch?

  5. In der aktuellen Ausgabe der SZ berichtet der (bislang) erfolglose Schriftsteller A. Ulbricht von seinen vergeblichen Bemühungen in einem Zeitraum von 13 Jahren mit neun Romanvorlagen wie das Brot des Schreibens wirklich schmeckt und warum jemand der schreibt und nicht verlegt wird, trotzdem zufrieden und einigermaßen glücklich sein kann, obwohl es so ist wie es ist.

    Diese Erfahrung machen viele Menschen, die das Schreiben lieben und viele von denen, die schreiben, schreiben um des Schreibens willen und manche wollen noch nicht einmal einen Verleger finden, weil ihnen diese Mühe viel zu anstrengend und zeitraubend erscheint. Ohnehin ist die Aussicht, vom Schreiben leben zu können, so gering, dass man sich im Verweigern viel Ärger, arrogante Abkanzelei und heuchlerische Lobeslügen ersparen kann und stattdessen durch seine gelebte Leidenschaft Lebensqualität gewinnt. Wie bei vielen bildenden Künstlern, die permanent gute Arbeiten schaffen, aber vom Kunstbetrieb weitestgehend ignoriert werden. Nicht weil sie zu schlecht sind, sondern weil ihnen der Schmierstoff zur Kulturlobby fehlt und sie keine Beziehungen zu den Kunstentscheidern haben.

    Deshalb ist es bei der aktuellen Buchproduktion, die sehr stark von geschmäcklerischen Urteilen selbstherrlicher und realitätsferner Kritiker abhängt, kein Wunder, dass das Gros der Buchproduktion letztlich in den Grabbelkisten der Kaufhäuser oder in der Recyclingpresse der Papierindustrie endet und somit überflüssig wird

    W. Neisser

  6. Sicherlich, auch ich bin der Meinung, dass vieles, was mit dem Etikett Gegenwartsliteratur versehen ist, besser nicht als Literatur bezeichnet werden sollte. Dennoch bin ich erstaunt, wie die Autorin hier echte Belege ihrer zentralen These schuldig bleibt:

    "Dieser Ernüchterungsstil – der nichts gemein hat mit der Askese eines Albert Camus oder der inszenierten Naivität eines Imre Kertész und auch nichts mit der Kahlschlagliteratur der Nachkriegszeit, deren Nüchternheit eine Kunstform war – mag Ausdruck unserer ernüchterten Zeit und ihrer epochalen Ermüdung sein."

    Nun - und warum exakt kann der heutige Ernüchterungsstil nicht ebenso Kunstform sein? Diese These, mit der dies der erzählenden Gegenwartsliteratur abgesprochen wird, wird leider im Artikel nicht belegt. Einzelzitate, wie hier verwendet, können nicht als Beleg diesen, da sie sich ähnlich auch im Werk der gelobten Autoren jederzeit finden lassen. Woran, außer an eigenem Geschmack, macht sich also diese These fest? Und ist nicht genau das, was an anderer Stelle an der Literaturkritik angemahnt wurde - ein zu viel an eigenem Geschmack und ein zu wenig an Wissenschaft?

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