Deutsche Romane Zur Lage der LiteraturSeite 2/2

Daneben gibt es noch immer die ziselierte Kunstsprache der alten Avantgarde, etwa bei der verehrungswürdigen Friederike Mayröcker, und es gibt neue, welthaltigere Versionen des Ziselierten, wie wir sie bei Brigitte Kronauer bewundern. Es gibt die gehobene Science-Fiction eines Dietmar Dath (auch von ihm wird gelegentlich behauptet, dass er bloß posiere) und die anspruchsvolle literarische Humoreske einer Sibylle Lewitscharoff und manches mehr, das der These von der epochalen Müdigkeit zu widersprechen scheint. Der neue Manierismus besticht auf den ersten Blick durch seine sprachliche Brillanz, seinen Wort- und Aberwitz, seine nicht unbeträchtliche Eleganz. Seine Kehrseite ist aber häufig eine gegen die Welt luftdicht abgeschottete Kunstfertigkeit, ein ungestörter Hermetismus, die Herkunft aus der Galanteriewarenabteilung der Literatur. Nicht nur der Ernüchterungsstil leidet an Erfahrungsstereotypie und Selbstbezüglichkeit. Auch der Manierismus öffnet uns nur selten den lebendigen Hallraum hinter den schwarzen Zeichen auf unseren Bildschirmen.

»Falls nun auf einen Begriff gebracht werden soll, was hier an Kennzeichen der in den letzten Jahren tonangebenden Literatur gesammelt worden ist – also: Nivellierung, Gefälligkeit und Erfolgsbewusstsein, handwerkliche Gediegenheit bis hin zu blendender Virtuosität im Umgang mit vorhandenen Mitteln, hoher Stoffreiz und Verarbeitungseffekt, das alles erkauft mit geringer Erkenntniskraft und gesellschaftlicher Funktionslosigkeit –, so wüsste ich dafür nur ein Schlagwort, das alle diese Merkmale auf einen Nenner bringt: Boulevard.« Das schrieb der selige Reinhard Baumgart vor fast genau zwanzig Jahren an dieser Stelle. Und man fragt sich ein wenig erschrocken: Hat sich denn gar nichts verändert? Nicht einmal die Jeremiaden der Literaturkritiker über den beklagenswerten Zustand ihres Lieblings, der Literatur?

In Wahrheit hat sich alles verändert, nur eines nicht: Kritik, die ihren Namen verdient, kann nicht anders, will sie nicht die Packungsbeilage zu den bestehenden Harmlosigkeiten sein. Und Bücher, die das Wunder vollbringen, das Feuer einer neuen ästhetischen Erkenntnis in uns zu entzünden, fallen nicht jedes Jahr zusammen mit den Herbstblättern vom Himmel. Wunder sind selten. Wer an Wunder glaubt, bleibt ein schlecht gelaunter Liebender, der lieber zu viel als zu wenig von seiner Geliebten erwartet.

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Leser-Kommentare
  1. spricht mir aus der Seele. Herzlichen Dank.

  2. Schön, dass ab und zu jemand die Fahne der Kunstkritik hoch hält. Auf Basis eines konventionellen psychologischen Naturalismus lässt sich mit Hilfe von Creative Writing-Konzepten endlos erzählen. Manch gutes Produkt bringt das hervor, doch wenig künstlerisch Relevantes. Als Leser von Rezensionen spürt man gelegentlich ein Unbehagen bei Rezensenten, die mal wieder einen Text vor sich liegen haben, der als Roman ausgezeichnet, als Literatur jedoch eine Eintagsfliege ist. Dieses Unbehagen ist ein Zeichen von Kunstverstand.

  3. Nach dem holprigen Leseparcours muss ich erst mal sämtliche Sinne resetten, um nicht emotionalen Blähungen anheimzufallen, angesichts dieser selbstverliebten Vokalschlacht mit ihrer nicht ganz sattelfesten begriffstechnischen Bindegewebsschwächen.
    Schon eigenartig, der Schöpfungsakt eines solchen Artikels. Mit ungestüm entströmender Gedankengewalt geht man zu Werke, korrigiert, schreibt neu, und ahnt nicht, wie viel Energie entweicht auf dem Weg vom ursprünglichen Gedanken zum fertigen, verbalkosmetisch aufgehübsten Text. Ein Videostatement der Autorin wäre besser gewesen. Hören ist bequemer als lesen.
    Nichts desto trotz, der Krebsschaden der Unprofessionalität in der Gegenwartsliteratur ist schon gewaltig. Und die Formel lautet wie zu allen Zeiten: Gesucht wird der Roman, der die Stimmungslage einer Gesellschaft in Bilder fasst, bevor dieser die Worte dazu einfallen, eben Literatur mit bewusstseinsverändernden Wirkung.
    Aber, der wahre Genießer mag es sowieso lieber gut abgehangen. Die beste Literatur liegt meist auf den Ramschtischen. Da macht man sich wenig Gedanken über neu zu Erschaffendes.

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    Wow, das ist doch mal ein Kommentar, den man direkt "genießen" kann!

    Wow, das ist doch mal ein Kommentar, den man direkt "genießen" kann!

  4. Hab ich mich verlesen, oder kommt der Begriff Talent im Artikel gar nicht vor. Oder ist das Wort bei so viel spätjugendlicher Hoffnungsträgerschaft im Literaturbetrieb nicht mehr angebracht?
    Tja, man hat es, oder hat es nicht.
    Übrigens, Konny...Wortakrobat, Audio ist vorhanden.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Mikoss
    • 05.10.2010 um 10:21 Uhr

    Das Zitat von Reinhard Baumgart fast den Zeitraum gut ein. So viel ist inzwischen passiert und so wenig wurde davon Kunst. Ich will offen sagen, ich bin überrascht von der Exzellenz der Kritikerin und ratlos gegenüber dem Patienten. Man möchte Ansprüche aus besseren Vergangenheiten geltend machen, oder gleich Gewalt anwenden gegen die Leichtigkeit, und man fragt sich, was einen davon abhält.
    Inzwischen ist die Schweizer Wolwodinesische Serbo-Kroatin Melinda Nadj Abonji mit dem Buchpreis ausgezeichnet worden, genau wie es kommen sollte. Worauf warten wir noch?

  5. In der aktuellen Ausgabe der SZ berichtet der (bislang) erfolglose Schriftsteller A. Ulbricht von seinen vergeblichen Bemühungen in einem Zeitraum von 13 Jahren mit neun Romanvorlagen wie das Brot des Schreibens wirklich schmeckt und warum jemand der schreibt und nicht verlegt wird, trotzdem zufrieden und einigermaßen glücklich sein kann, obwohl es so ist wie es ist.

    Diese Erfahrung machen viele Menschen, die das Schreiben lieben und viele von denen, die schreiben, schreiben um des Schreibens willen und manche wollen noch nicht einmal einen Verleger finden, weil ihnen diese Mühe viel zu anstrengend und zeitraubend erscheint. Ohnehin ist die Aussicht, vom Schreiben leben zu können, so gering, dass man sich im Verweigern viel Ärger, arrogante Abkanzelei und heuchlerische Lobeslügen ersparen kann und stattdessen durch seine gelebte Leidenschaft Lebensqualität gewinnt. Wie bei vielen bildenden Künstlern, die permanent gute Arbeiten schaffen, aber vom Kunstbetrieb weitestgehend ignoriert werden. Nicht weil sie zu schlecht sind, sondern weil ihnen der Schmierstoff zur Kulturlobby fehlt und sie keine Beziehungen zu den Kunstentscheidern haben.

    Deshalb ist es bei der aktuellen Buchproduktion, die sehr stark von geschmäcklerischen Urteilen selbstherrlicher und realitätsferner Kritiker abhängt, kein Wunder, dass das Gros der Buchproduktion letztlich in den Grabbelkisten der Kaufhäuser oder in der Recyclingpresse der Papierindustrie endet und somit überflüssig wird

    W. Neisser

  6. Sicherlich, auch ich bin der Meinung, dass vieles, was mit dem Etikett Gegenwartsliteratur versehen ist, besser nicht als Literatur bezeichnet werden sollte. Dennoch bin ich erstaunt, wie die Autorin hier echte Belege ihrer zentralen These schuldig bleibt:

    "Dieser Ernüchterungsstil – der nichts gemein hat mit der Askese eines Albert Camus oder der inszenierten Naivität eines Imre Kertész und auch nichts mit der Kahlschlagliteratur der Nachkriegszeit, deren Nüchternheit eine Kunstform war – mag Ausdruck unserer ernüchterten Zeit und ihrer epochalen Ermüdung sein."

    Nun - und warum exakt kann der heutige Ernüchterungsstil nicht ebenso Kunstform sein? Diese These, mit der dies der erzählenden Gegenwartsliteratur abgesprochen wird, wird leider im Artikel nicht belegt. Einzelzitate, wie hier verwendet, können nicht als Beleg diesen, da sie sich ähnlich auch im Werk der gelobten Autoren jederzeit finden lassen. Woran, außer an eigenem Geschmack, macht sich also diese These fest? Und ist nicht genau das, was an anderer Stelle an der Literaturkritik angemahnt wurde - ein zu viel an eigenem Geschmack und ein zu wenig an Wissenschaft?

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