DIE ZEIT: Martín Kohan, Sie haben den März dieses Jahres im Literarischen Colloquium am Wannsee verbracht.

Martín Kohan: Welche Ruhe, wenn man aus einer Stadt wie Buenos Aires kommt! Ich glaube, wir haben das aus Italien, das lautstarke Reden, alles ist immer ein bisschen übertrieben. In Buenos Aires ist das Hupen ein normales Ausdrucksmittel, um sich zu grüßen, zu ärgern, zu streiten, Vorfahrt zu verlangen, ein Mädchen anzumachen – das alles macht man mit der Hupe.

ZEIT: Sie haben an einem neuen Roman gearbeitet?

Kohan: Ich habe in Berlin viel geschrieben. Mir kam das vor wie ein Widerhall der deutschen Romantik: die Inspiration durch die Natur. Der Wald, die Bäume, die Abgeschiedenheit, der Wannsee – die Natur als Inspiration. Und dann bin ich in die Stadt gegangen, um zu schreiben.

ZEIT: Soll das heißen, Sie gehen zum Schreiben in die Stadt, auch in Buenos Aires?

Kohan: Ich arbeite ausschließlich in Cafés, den ganzen Tag. Je nachdem, was ich zu tun habe, entscheide ich, in welches Café ich gehe. Im Café spielt sich ein Teil des urbanen Lebens ab. Für mich ist das als Arbeitsumgebung perfekt. Zu Hause schreibe ich nie eine Zeile, keine einzige, niemals.

ZEIT: Was sind Ihre Arbeitsmittel? Sie haben gar kein Notebook.

Kohan: Ich schreibe mit der Hand in meine Hefte, typische klassische Schulhefte. Das Heft, der Stift und ein guter Kaffee, das ist alles, was ich brauche.

ZEIT: Wie würden Sie Ihre literarische Arbeit charakterisieren?

Kohan: In meinen Romanen geht es um ganz verschiedene Themen und Formen. Ich möchte mich nicht wiederholen, vor allem um meinen Enthusiasmus nicht zu verlieren. Der Schreibimpuls lebt für mich sehr vom Ausprobieren neuer erzählerischer Formen, Tonlagen, Erzählweisen, bei denen ich von vornherein nicht unbedingt weiß, wie und ob es funktioniert. Was mich beschäftigt, sind die nationalen Mythen, die nationale Identität, der Nationalismus, die nationalen Helden. Ich betrachte die Literatur als Widerstand gegen diese Mythen, mit den Mitteln der Parodie und des Lachens. Auch mit der Repression durch die Diktatur habe ich mich mehrfach befasst, mit dieser Welt der Militanz, in Zweimal Juni und in Museo de la revolución. Es würde mich freuen, wenn das auch übersetzt würde.