Argentiniens Militärdiktatur"Wie konnte das alles als normal erscheinen?"

Die Militärdiktatur in Argentinien ist das große Thema des neuen Romans "Sittenlehre" von Martín Kohan. Was war geschehen, dass sich mitten im großstädtischen Buenos Aires plötzlich die Ansicht verschob, was gesetzlich und was ungesetzlich ist. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller über Exzesse der Gewalt in scheinbar geordneten Verhältnissen. von Eberhard Falcke

Der Schriftsteller Martín Kohan

Der Schriftsteller Martín Kohan  |  © Alejandra Lopez/Suhrkamp Verlag

DIE ZEIT: Martín Kohan, Sie haben den März dieses Jahres im Literarischen Colloquium am Wannsee verbracht.

Martín Kohan: Welche Ruhe, wenn man aus einer Stadt wie Buenos Aires kommt! Ich glaube, wir haben das aus Italien, das lautstarke Reden, alles ist immer ein bisschen übertrieben. In Buenos Aires ist das Hupen ein normales Ausdrucksmittel, um sich zu grüßen, zu ärgern, zu streiten, Vorfahrt zu verlangen, ein Mädchen anzumachen – das alles macht man mit der Hupe.

ZEIT: Sie haben an einem neuen Roman gearbeitet?

Anzeige

Kohan: Ich habe in Berlin viel geschrieben. Mir kam das vor wie ein Widerhall der deutschen Romantik: die Inspiration durch die Natur. Der Wald, die Bäume, die Abgeschiedenheit, der Wannsee – die Natur als Inspiration. Und dann bin ich in die Stadt gegangen, um zu schreiben.

Martín Kohan

Der 1967 geborene Autor und Literaturdozent gehört zu den wichtigsten argentinischen Schriftstellern der mittleren Generation. Seit Mitte der neunziger Jahre hat er ein umfangreiches erzählerisches Werk geschaffen. In deutscher Übersetzung erschienen bei Suhrkamp seine Romane »Sekundenlang« (2007), »Zweimal Juni« (2009) und soeben »Sittenlehre«. Kohan unterrichtet Literaturtheorie an der Universidad de Buenos Aires und der Universidad de la Patagonia und schreibt Kolumnen unter anderem für die Zeitung »Perfil«

ZEIT: Soll das heißen, Sie gehen zum Schreiben in die Stadt, auch in Buenos Aires?

Kohan: Ich arbeite ausschließlich in Cafés, den ganzen Tag. Je nachdem, was ich zu tun habe, entscheide ich, in welches Café ich gehe. Im Café spielt sich ein Teil des urbanen Lebens ab. Für mich ist das als Arbeitsumgebung perfekt. Zu Hause schreibe ich nie eine Zeile, keine einzige, niemals.

ZEIT: Was sind Ihre Arbeitsmittel? Sie haben gar kein Notebook.

Kohan: Ich schreibe mit der Hand in meine Hefte, typische klassische Schulhefte. Das Heft, der Stift und ein guter Kaffee, das ist alles, was ich brauche.

ZEIT: Wie würden Sie Ihre literarische Arbeit charakterisieren?

Kohan: In meinen Romanen geht es um ganz verschiedene Themen und Formen. Ich möchte mich nicht wiederholen, vor allem um meinen Enthusiasmus nicht zu verlieren. Der Schreibimpuls lebt für mich sehr vom Ausprobieren neuer erzählerischer Formen, Tonlagen, Erzählweisen, bei denen ich von vornherein nicht unbedingt weiß, wie und ob es funktioniert. Was mich beschäftigt, sind die nationalen Mythen, die nationale Identität, der Nationalismus, die nationalen Helden. Ich betrachte die Literatur als Widerstand gegen diese Mythen, mit den Mitteln der Parodie und des Lachens. Auch mit der Repression durch die Diktatur habe ich mich mehrfach befasst, mit dieser Welt der Militanz, in Zweimal Juni und in Museo de la revolución. Es würde mich freuen, wenn das auch übersetzt würde.

Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Danke für das Interview.

    Anhand der Sarrazin-Debatte können wir gut beobachten, wie die Mittelschicht, heute vor allem die informelle Schicht und damit die tradierende, leise Diktaturen zustande bringt.

    Man ist nicht der Meinung des Demogogen, aber man freut sich, dass Themen angesprochen werden. Man übernimmt manche Argumente des Demagogen. Anschließend wundert man sich über rassistische und diskurs-feindliche Kommentare (auch hier).

    Nach dem "11. September" sind Moslems unsere Feinde. Auf einmal wissen viele, dass diese feindseliger sind als die Chinesen, die immerhin eine Diktatur beherbergen. Es kommen haarsträubende Argumente zustande. Alle kennen sich aus. Es geht nicht mehr um Argumente, sondern Lautstärke. Und die Mittelschicht, welche dem Demagogen am Anfang zugejubelt hat, ist überrascht und verstört.

  2. Zur Titelfrage möchte ich einmal nahelegen, einen Blick in die deutschen Pressearchive zu werfen: man wird feststellen, dass es auch hierzulande eine Vielzahl von Unterstützern und Freunden der argentinischen Diktatur gab, wohlwollende Kommentare; vielleicht keine Begeisterung, aber die Erklärung (sinngemäß) "bei der allgemeinen Unordnung dort ginge es wohl nicht anders..".

    Schließlich war es Henry Kissinger höchstselbst, der diese Diktatur auf den Weg gebracht hat -nach dem Putsch in Chile, bei dem die US-Initiative und Steuerung inzwischen sehr deutlich dokumentiert ist - und seine Hand über sie hielt: ohne ihn / die "ordnende", steuernde Hand der Amerikaner wäre es nicht dazu gekommen. http://findarticles.com/p/articles/mi_qa3821/is_200610/ai_n17195860/ http://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Condor#U.S._involvement

    Das man reaktionäre und militaristische Kräfte im Land selbst dafür nutzte - keine Frage. In welchem Land würde man die nicht finden? In unserem Umfeld geschah das u.a. in Griechenland und in der Türkei - ebenfalls im strategischen Interesse der USA.
    Auch die von Schmidt geführte Bundesregierung hat damals die Beziehungen zu Argentinien oder Chile weder abgebrochen noch eingefroren, ungeachtet der Tatsache, das man sicher wusste, dass dort Oppositionelle zu Tausenden inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden. Praktisch alle westlichen Regierungen haben das toleriert und akzeptiert.
    Wie also sollte das NICHT als "normal" erscheinen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service