Die Aussicht ist schier überwältigend. John Grubbs Büro liegt im 16. Stock eines Wolkenkratzers, mitten im Financial District von San Francisco. Vor der Panoramascheibe funkelt im Sonnenlicht das Wasser in der Bucht, als sei es aus flüssigen Diamanten gemacht. Tief unten brummt der Hafenbetrieb, die Touristen hängen in Trauben an den bimmelnden cable cars, über die Brücken strömt der Verkehr, und jenseits des Wassers liegt Berkeley, immer noch eine der weltbesten Universitäten.

Kalifornien, der bevölkerungsreichste Staat der USA, ist von einer Schönheit, die den Atem verschlägt. Das Land ist gesegnet mit Reichtum und Energie, mit Ideen und einem unausrottbaren Optimismus. Fast vierzig Millionen Menschen leben hier. Wäre Kalifornien ein unabhängiger Staat, sein Präsident würde regelmäßig an den G-20-Gipfeltreffen teilnehmen. Hier liegen Hollywood und Silicon Valley, die Heimat von Google, Apple und Facebook, hier ist der Ort, an dem die neuen Visionen der Welt produziert werden. Grubb starrt aus dem Fenster. "Kaputt," sagt er. "Unser politisches System ist kaputt. Wir sind das Griechenland der USA. Ein gescheiterter Staat."

John Grubb, 42 Jahre alt, sieht aus wie ein junger Banker. Blaues Hemd, rote Krawatte, eine Spur Gel im Haar. Er ist Senior Vice-President des Bay Area Council, einer Art Handelskammer, zuständig für Presse und Kommunikation. Aber wenn er von seinem Heimatstaat spricht, hört er sich an wie ein Konkursverwalter: "Unsere Schulen waren früher einmal die besten Amerikas – heute sind sie kriminell unterfinanziert. Unsere Wasserversorgung steht vor dem Kollaps. Die Gefängnisse sind überfüllt. Sechs der zehn Städte mit der schlimmsten Luftverschmutzung der USA liegen in Kalifornien. Die öffentlichen Finanzen sind ein Albtraum. Und unser Wahlsystem produziert Ideologen, die keine Reformen zustande bringen. Wir haben uns selbst unregierbar gemacht."

"Unregierbar" – das ist das politische Modewort dieses Spätsommers. So grandios Kalifornien im Boom glänzt, so spektakulär ist es im Niedergang.

Grubb wollte ihn verhindern. Mit einer Revolution. Gemeinsam mit vielen anderen hat er Repair California gegründet, eine Bürgerinitiative, die den Bundesstaat an der Westküste retten sollte. Wäre alles nach Plan gegangen, hätten die Wähler von Kalifornien in diesem November über den Vorschlag von "Repair California" abgestimmt, eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen. Und in zwei Jahren hätte der Bundesstaat am Pazifik ein neues Grundgesetz bekommen. Kürzer, einfacher, weniger bürokratisch. Mit besseren Verfahren, Mehrheiten zu organisieren. Mit intelligenteren Formen der Bürgerbeteiligung. Ein frischer Start für den Golden State.

Es war ein beinahe verzweifelter Versuch, Kalifornien aus seiner Agonie zu reißen. Die Macht der Ideologen und Lobbyisten zu brechen. Die Demokratie neu zu begründen. In Kalifornien. Und am Ende vielleicht in ganz Amerika. Nur: Es hat nichts genützt. Der radikale Neuanfang ist gescheitert, ehe er richtig begonnen hat. Das ancien régime , die alte Macht, hat zurückgeschlagen, und sie hat triumphiert. "Ob ich frustriert bin?" John Grubb schaut, als könne er die Frage kaum fassen. "Ich bin total frustriert. Niedergeschlagen. Besiegt." Im Hintergrund glitzert die Bucht.

An einem Augusttag 2008 hatte der Revolutionsversuch begonnen. Grubb war mit seinen Kollegen vom Bay Area Council nach Sacramento gefahren, in die Hauptstadt Kaliforniens. Sie wollten, wie immer bei solchen Besuchen, über neue Straßen, Staudämme und Schnellbahntrassen sprechen. Über den Verkehrsinfarkt in Los Angeles. Über das antiquierte Stromnetz, das bei jedem Gewitter zusammenbricht. Über das marode Gesundheitswesen. "Normalerweise", sagt Grubb, "haben die Politiker uns wenigstens zugehört und erst hinterher mit den Schultern gezuckt. Diesmal nicht. Sie haben uns gleich unterbrochen. Sie sagten: ›Vergesst das alles. Wir haben keine Zeit dafür. Wir stecken fest mit den Haushaltsverhandlungen‹."

Einen Haushalt zu verabschieden ist in jeder Demokratie schwierig. Es geht um Geld, um Zukunft, um Macht. In Kalifornien aber ist die Auseinandersetzung über das Budget ein titanisches Ringen, das den gesamten politischen Betrieb lahmlegt. Jedes Jahr Anfang Juli müsste das Budget beschlossen werden, und Jahr für Jahr scheitert das Parlament in Sacramento an der Aufgabe. Weil es scheitern muss. Nicht allein am Unwillen oder an den Machtspielen der Politiker, sondern an den Konstruktionsfehlern der kalifornischen Verfassung. Die traditionelle amerikanische Idee von checks and balances, von Gewaltenteilung und wechselseitiger Kontrolle der Institutionen, ist in Kalifornien zu einem absurd verknoteten Durcheinander geworden, das jede Reform blockiert.