Hamburgs neue Kulturpolitik: Drogen für alle
Warum Politiker die Eventkultur lieben und alles andere langweilig finden.
Neulich hatte der schwarz-grüne Senat in Hamburg nach langem Nachdenken eine wirklich originelle Idee: Er will die Steuern erhöhen. Touristen sollen künftig eine Kulturtaxe entrichten , geplant sind fünf Prozent Aufschlag auf jedes Hotelbett, pro Nacht und Nase. Im Schlaf, so hofft der Senat, werden künftig Jahr für Jahr 7,5 Millionen Euro in den Kulturetat gespült. »Die Kultur ist die Gewinnerin der Sparklausur«, sagt der neue Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) . »Sie hat mehr Geld als zuvor.«
Und warum demonstrieren die Bürger dann immer noch? Sie gehen auf die Straße, weil der Senat mit der Kulturtaxe wider Erwarten nicht die Not leidenden Kultureinrichtungen bewahren, sondern die Eventkultur begießen möchte, namentlich Premium-Ausstellungen und Festivals. Diese Events sollen Touristen aus aller Herren Länder anlocken, die dann brav ihre Kulturtaxe entrichten und so Hamburgs fabelhaften Kulturbetrieb am Laufen halten.
»Kulturmarketing« heißt die Zauberformel, der Reinhard Stuth so gläubig folgt wie der Ministrant dem Priester. Die Formel besagt, dass große Städte weltweit um Aufmerksamkeit buhlen, sie werben um Investoren, um Großprojekte und nicht zuletzt um Touristen. Bei diesem Kampf auf dem Markt der Aufmerksamkeit wird die Kultur zur wichtigsten Ware. Sie ist es, die eine Metropole zum Leuchten bringt, die sie attraktiv und begehrenswert macht. Und je größer ihr Prominenzfaktor ist und je spektakulärer sie sich dabei in Szene setzt (»Medienecho«), desto besser fördert die Kultur das »Imaging« und das urbane Alleinstellungsmerkmal.
Was eine solche Eventkultur für ehrwürdige Institutionen bedeutet, muss man nicht groß ausmalen. Eine behutsam einstudierte Miß Sara Sampson gehört in den Augen eines Kulturvermarkters garantiert ins Minoritäten-Kabinett unbelehrbarer Theatergänger. Lessings Performance ist mäßig und der Eventeffekt einer verheulten Bürgerstocher aus dem Jahre 1755 kulturökonomisch gesehen nicht der Rede wert. Touristenbusse halten woanders.
Wer Kulturpolitik als Eventpolitik versteht, der will nicht geduldig das »kulturelle Gedächtnis« bewahren; er will nicht wissen, was die Alten wussten, er will sich nichts aneignen und sucht nicht in der Asche der Tradition nach ihrer verborgenen Glut – über solche Pathosformeln können städtische Marketingexperten nur milde lächeln. Sie wollen lieber »Ereignisse«, sie wollen Spektakel statt Reflexion; sie sagen »Erlebnis statt Bedeutung« und organisieren die schnelle Euphorie und das flüchtige Dabeisein. Deshalb klingt die Propaganda der Eventkultur auch immer gleich, sie klingt wie ein Antidepressivum für abgehetzte Stadtnomaden. Am Ende bleibt dann nur noch das Harbour Front Literaturfestival oder Die schönsten Franzosen aus Paris. Als Zugabe vielleicht die Flämische Malerei zum Anbeißen, gern auch im exklusiven Plus-Paket mit kritischer Diskussion.
Es war der französische Philosoph und Künstler Guy Debord (1931 bis 1994), der in seinem Klassiker Die Gesellschaft des Spektakels als Erster das Wesen der Eventkultur auf den Begriff gebracht hat: Sie ist eine Revolution. Zuerst, so schrieb Debord im Jahr 1967, kommerzialisiert und vergleichgültigt der Eventbetrieb die überlieferte Kultur, um anschließend ihre Trümmerreste in einem Ereignis-Stakkato, gleichsam als sinnlosen Sinn, in den Konsumenten-Alltag wieder einzuspielen. Mit revolutionärer Kälte verwandelt die Gesellschaft des Spektakels das Symbolische in »akkumuliertes Kapital«; Kultur ist Geld, das »zum Bild geworden ist«.
Gewiss, Guy Debords Kampfschrift gegen ein marktgläubiges Bürgertum, das sogar sein kulturelles Erbe verscherbelt, ist monumental einseitig und oft schwer zu genießen. Aber sie erklärt gut, warum Kulturpolitik zur Parodie der Kultur wird und ihre Vollstrecker nur noch wissen wollen, ob »die Sache« profitabel ist. Der Hamburger Event-Senator Stuth sagt es ganz unverblümt auf seine Weise: »Es ist doch klar, dass die Betriebskosten eines geschlossenen Hauses, vom Licht über Reinigung bis hin zur Bewachung, niedriger sind als die eines geöffneten Hauses.«








"Eventkultur" das ist das UNWORT der Woche.
Ich bin nicht unbedingt gegen diese Art von Kultur. Ich nutze sie nur nicht und sie bringt mir auch nichts.
Es profitiert die Privatwirtschaft. Das ist auch fein. Es kann aber nicht die Aufgabe des Staates sein, beliebige Wirtschaftsförderung zu finanzieren. Das ist Verschwendung von Steuergeldern. Der Staat möge sich bitte auf seine Kernaufgaben konzentrieren.
Wenn die Wirtschaft Edelhotels und Konzertstätten bauen will, dann soll sie das bitte auch finanzieren. In Sidney wurde das Opernhaus z.B. über eine Lotterie finanziert.
Der Staat denkt sich immer neue Betätigungsfelder aus. Luxuskonzerte zu veranstalten und zu beherbergen sollte nicht zu seinen Kernaufgaben gehören. Er könnte sich z.B. um Stadtwerke kümmern (statt diese zu verkaufen), Bildung, Infrastruktur, sozialen Ausgleich, ...
Längst Sein,das mir zum Sein Selbst sich zuneigte,einfaltete sich in Sich Selbst zum einfältiglichen Sein Selbst:Luxus verlocken könnte zwar,doch abgleiten wird.Der Akkumulation des Kapitals abhold seit langen Jahren gediegener Kognition ich bin
gefällt mir das?Wohl,bei weihrauch ja.Sonst nichts?Sonst nichts.
Sind leider zwei Wörter und das Wort Eventkultur, macht den ganzen Artikel kaputt...Denglish please :)
That is the Frage.-;)
That is the Frage.-;)
erfahren habe, soll die Kulturtaxe möglicherweise auch auf Übernachtungen in der Parahotellerie (z.B. Schüler- und Studentenheime, Jugendherbergen) erhoben werden. Auch die Vermietung von Privatzimmern kann danach kulturtaxenpflichtig werden.
Wenn also Oma und Opa aus Süddeutschland (z.B.Wilhelmsburg) ihre lieben Kleinen in Barmbek besuchen, dort auf der Luftmatratze übernachten und ein Geschenk mitbringen, ist der kurtaxenpflichtige Tatbestand erfüllt, da es auf den Wert der Gegenleistung (z.B.Blumenstrauß von der Tanke) nicht ankommt.
Ein entsprechender Entwurf zur Änderung des Hamburger Kulturtaxengesetzes soll sich bereits in den Schubladen von Finanz- und Kulturbehörde befinden.
Ich bin stolz darauf, ein (geborener) Hamburger zu sein!
That is the Frage.-;)
Event ist seit Jahrzehnten ein umgangssprachlicher Begriff.
Dreist finde ich eher, dass Leute die mit dieser Form von Kultur gar nichts am Hut haben, ebenfalls dafür zahlen sollen.
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