Alina Bronsky, Melinda Nadj Abonji. Endlich tauchen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ungewöhnliche Namen auf. In Frankreich, in Großbritannien ist das längst so. Wir waren literarisch zu lange mit uns selber beschäftigt. Abrechnung mit den Vätern. Schuldfrage. Deutsche Teilung. Wiedervereinigung. Das musste alles durchgenommen und verdaut werden. Währenddessen wuchs eine junge Generation in Zürich, in Kiel, in Berlin, in Frankfurt heran, deren Eltern vom Ural, aus Serbien, aus der Türkei gekommen waren und die nun dazu beitragen, dass die alte Vorstellung von einer Nationalliteratur heftige Dehnungsübungen machen muss. Und es sind häufig Frauen, die nicht nur die nationalen, sondern auch gleich die familiären Erzählmuster erweitern und dem Familienroman, der traditionell eine Sohnesgeschichte ist, eine weibliche Gegengeschichte hinzufügen.

Alina Bronsky, Jahrgang 1978, wuchs auf der asiatischen Seite des Uralgebirges auf und kam als Kind nach Deutschland. Melinda Nadj Abonji, Jahrgang 1968, stammt aus Serbien und kam als Kind in die Schweiz. Beide haben in diesem Herbst Romane in der Sprache ihrer Einwanderungsländer veröffentlicht. Beide erzählen vom Verlassen der alten Heimat, die zusammen mit der Sowjetunion zerfallen ist, und vom schwierigen Ankommen in der Welt der weiß gekachelten Bäder und schwer bewaffneten Einbauküchen.

Melinda Nadj Abonji, die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2010, wählt für ihre Immigrationsgeschichte eine auf den ersten Blick ambitionierte, auf den zweiten Blick ein wenig naive Erzählperspektive eines jugendlichen weiblichen Ich, das mit den tastenden und atemlosen Endlossätzen der Adoleszenz durch die unbekannte Schweizer Welt pflügt. Bronsky wählt für ihre Auswanderergeschichte eine auf den ersten Blick simple, auf den zweiten Blick abgründige Erzählperspektive einer hartherzigen russischen Matriarchin, die den weiblichen Teil ihrer Familie, koste es, was es wolle, in den Westen bringt. Beiden Autorinnen geht es (wie auch Sofia Oksanen) darum, uns nahezubringen, wie sich der Zusammenbruch des Ostblocks bis in die Körper und Herzen der Frauen hinein fortsetzt.

Melinda Nadj Abonjis Roman "Tauben fliegen auf"

Der Roman von Melinda Nadj Abonji über die serbisch-ungarische Familie aus der Vojvodina entfaltet sich in einer Schweizer Stadt am See und ist eine mustergültige Einbürgerungs- und Erfolgsgeschichte, die das Herz aller Ohne-Fleiß-kein-Preis-Ideologen erwärmen müsste. Mutter und Vater Kocsis arbeiten hart als Metzger, Kassiererin, Wasch- und Putzfrau, lernen fleißig alles Wesentliche über Bundesräte, Demokratie und Halbkantone, bestehen im zweiten Anlauf die Schweizer Einbürgerungsprüfung und bringen es bald zu einem eigenen Café am Markt. Das örtliche Blättchen gratuliert. Mutter backt jeden Tag frische Hörnchen. Eine serbisch-schweizerische Kuchenbäcker-Idylle nimmt ihren vielversprechenden Lauf, die von Schweizer Seite nur einmal unschön durch eine unsachgemäße Benutzung der Kaffeehaustoilette gestört wird, deren fäkalische Folgen die Erzählerin voll Ekel von den Wänden kratzen muss.

Die Schilderung dieser geglückten Immigration durch Überanpassung, rastloses Putzen, fleißiges Backen von "Vanillekipferl", Schnippeln mit dem "Rüstmesser" und Servieren als "Serviertochter" ist kurios, aber von vergleichsweise bescheidenem Witz. Die Ausflüge in die Heimat zu den "frechen Mäusen" und den "Schweinchen mit den zerknitterten Ohren" evozieren einen Kinderbalkan, wo das Leben kunterbunt ist, würden hier nicht immerzu alle auf alle schießen.

Eine gewisse Fahrt und Ernsthaftigkeit bekommt der Roman im zweiten Teil. Der Jugoslawienkrieg reißt die Liebenden auseinander, die Verwandten in der Heimat werden eingezogen oder desertieren, weil sie sich nicht gegenseitig umbringen wollen. Nach dem unschönen Toilettenattentat stellen sich zudem bei der jugendlichen Erzählerin ernste Zweifel an der grenzenlosen Assimilationsbereitschaft der Eltern ein.

Die Erzählerin des Romans von Melinda Nadj Abonji ist ein typisches Kind der zweiten Einwanderergeneration. Sie ist nirgends zu Hause. Ihre Heimat, von der sie nur in naiv-herzigen Postkartenansichten zu sprechen vermag, kennt sie kaum. Im Gastland, in dessen Sprache sie von diesem Dilemma berichtet, ist sie noch nicht ganz angekommen. Sie ist ein "Mischwesen", eine multinationale Persönlichkeit, wie Europa sie seit eh und je hervorgebracht hat. Schade nur, dass sie ihre Geschichte eher treuherzig erzählt. Ihr jugendlicher Sprechüberschwang kennt kaum Punkt und Komma, bestreuselt den Text mit einer Flut von Ausrufe- und Fragezeichen, deren Erregungsgrad in keinem erkennbaren Verhältnis zur Schweizer Problemlage steht, aber den Eindruck einer sympathischen Unreife und Frische hinterlässt.