Wann ist Literatur eigentlich Kunst? Es ist selten, dass die Frage von einem Roman aufgeworfen wird, der nach Ansehen von Autor und Verlag ohne Weiteres der Kunstsphäre zugeschlagen werden müsste. Thomas Lehr ist ein gefeierter Autor und der Hanser Verlag über jeden Zweifel erhaben. Man käme auch gar nicht auf den Gedanken, an Thomas Lehrs Roman September – es handelt sich um jenen fatalen September, in dem die New Yorker Zwillingstürme explodierten – die Kunstfrage zu richten, wenn der Autor sie nicht selbst überdeutlich stellen, ja geradezu herausschreien würde. Warum tut er das? Lehr erzählt die Geschichte zweier Väter, die beide im Zuge des 11. September eine Tochter verlieren, der eine auf irakischer, der andere auf amerikanischer Seite. Die Tochter des Amerikaners verbrennt in den Zwillingstürmen, die Tochter des Arabers fällt während des amerikanischen Vergeltungskrieges im Irak einem Attentat zum Opfer. Die Geschichten, nicht nur der Väter, auch der Töchter, der Familien und anhängigen Kulturen werden raffiniert verschränkt, kommentieren und durchleuchten sich bis in feinste Verästelungen hinein. Fazit: arme Schweine auf beiden Seiten.

Indes will sich der Autor nicht darauf verlassen, durch Intelligenz der Konstruktion, Schönheit der Sprache, Klugheit der Gedanken, durch die Subtilitäten, über die er gebietet, den Leser vom Kunstrang seines Romans zu überzeugen. Schon gar nicht verlässt er sich darauf, dass sein eigener Ruf und der des Verlages dafür sorgen werden. Der Autor hat Angst, man spürt sie auf jeder Seite. Womöglich fürchtet er, man könnte das Buch als Thriller lesen.

Und so hat er beschlossen, jede Seite des Romans eigens mit dem Stempel Kunst zu markieren. Worin besteht dieser Stempel? Er besteht vor allem, und tragischerweise, in optischen Mitteln. Thomas Lehr vermeidet jede Interpunktion und pflegt eine Art künstlicher Zeilenbrüche, die Prosa wie Lyrik aussehen lassen soll. Man versteht auch sofort und akzeptiert, dass hier einer Kunst macht; insofern ist der Griff in die satztechnische Trickkiste erfolgreich. Andererseits möchte man das Buch nur mehr höchst ungern lesen. Das Deutsche, ohne Punkt und Komma geschrieben, noch dazu wenn die Sätze lang werden, wird ein schwer durchdringliches Gestrüpp. Wer sich da hindurchzukämpfen versucht, beginnt in Kürze mit Atemschwierigkeiten zu kämpfen.

»…der Husten verfolgt mich sein eigenartiger flacher Husten der mich niederdrückt weil ich ihn nicht habe der Trümmerhusten dessen Existenzmöglichkeit noch jetzt von den Behörden geleugnet wird als eine neue Krankheit als Fingerabdruck Lungenabdruck die in der Brust verankerte Authentizität der Zeugenschaft er war tatsächlich und unmittelbar dabei als
die Türme fielen
am HEILIGEN DIENSTAG
wie sie es nennen
während ich in Amherst durch die Amitiy Street…« Und so weiter.

Lesen ist nicht nur ein intellektueller, es ist auch ein physiologischer Vorgang. Alles Sprechen, auch wenn es in stummer Schriftform vorliegt, ist ans Atmen geknüpft, und alles Lesen, auch wenn es stumm erfolgt, ist ein Mitsprechen. Wer Thomas Lehr mitsprechen will, und sei es nur im Geiste, gerät an die Grenze seiner Lungenkapazität. Kein Punkt, kein Komma verraten dem Leser, wo er Luft holen könnte. Nur die Worte bieten sich an, die durch den lyrischen Zeilenbruch freigestellt sind, aber diese Worte sind keine Oasen, sondern warten mit einer neuen Schwierigkeit: Wie soll man sie verstehen? Worin liegt ihr bedeutungsvoller Doppelsinn? Der Leser, der sich ausruhen möchte, trifft wie auf einem Trimmpfad nur auf Stationen, die ihm Klimmzüge und Kniebeugen abverlangen.

Nun könnte man freilich sagen, außergewöhnliche stilistische Absichten verlangen nach außergewöhnlichen Mitteln. (Wir wollen davon absehen, dass Interpunktionslosigkeit ein ziemlich ältliches Mittel ist.) Aber die Sätze von Thomas Lehr sind ganz normale, wenngleich schöne, sagen wir also: normal schöne Sätze, deren Schönheit auch erhalten bliebe, wenn man sie der Zeichensetzung unterwürfe. Ihr Rhythmus verlangt nicht, dass die Zeilen wie Lyrik gebrochen werden. Selbst der Tiefsinn mancher Formulierung würde sich auch erschließen, wenn er im Satzzusammenhang verbliebe und nicht auf ein eigenes Treppchen gestellt würde.

»…nur wir beide stünden an der Reling denn der König wäre ausgegangen um junge Männer (von jungen Männern) zerquetschen zu lassen (das Übliche) er sähe uns im Sommerhimmel flirren das silberne Segel die schmalen silbernen Bänder in unseren weißen leichten Kleidern er spürte die Nachgiebigkeit
der Liebe
denn das hätte einmal sein können (oder auch nicht) ich wäre eine Tänzerin
gewesen
im Innenhof einer alten Karawanserei zum Beispiel die man in ein Restaurant verwandelt hätte tanzte ich bis eine Flut von Geldscheinen über meinen kurzen Schleier meine halb entblößten Brüste meinen schwingenden nackten Bauch segelten…«