Dieses Buch muss fortgesetzt werden, nicht weil es so gut ist – das ist es auch -, sondern weil einiges bloß angedeutet wird, von dem wir unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht. Da wäre etwa die Geschichte von Onkel J.s Tod und der Frau an seiner Seite, einer gewissen Rosl, über die wir nicht mehr erfahren, als dass sie völlig entfesselt Kochtöpfe in der gesamten Versandhausrepublik zusammenkauft: Wie kommt diese Rosl plötzlich in Onkel J.s Bett, wo der doch vorher, wie das Buch zu betonen nicht müde wird, niemals eine Frau außerhalb der Familie anfasst; es sei denn heimlich, in einem Bordell des Frankfurter Bahnhofsviertels in den sechziger Jahren, als die Altbauten noch unsanierte »Glücksarchitektur« waren. Heimlich heißt hier übrigens: »Frauen, über die ich nur Vermutungen habe, Vermutungen und einige allerdings deutliche Hinweise.«

Der über das lustig-beklemmende Liebesverhalten seines Onkels J. spricht, ist der Schriftsteller Andreas Maier, geboren in Bad Nauheim 1967, zwei Jahre vor der ersten Mondlandung. Als das Zimmer noch das Zimmer seines Onkels war, habe der Neffe es nicht betreten: »Darkroom« nennt der sich schreibend Erinnernde die vom ekelerregenden Onkelgeruch umwehte Kammer im Keller des Hauses seiner Großmutter in der Uhlandstraße in Bad Nauheim; ein Darkroom, der jetzt, viele Jahre später – die vorigen Bewohner sind längst tot –, das Arbeitszimmer eines Mannes ist, der Romane über seine hessische Heimat schreibt wie Wäldchestag oder Kirillow, um nur zwei zu nennen. So ist also das ehemalige Zimmer seines geburtsbehinderten Onkels J. unter der Hand in einen poetischen Heimatselbstbefruchtungsraum umfunktioniert worden.

Egal, ob dieses Buch, das als Roman annonciert ist und den Titel Das Zimmer trägt, nun wirklich ein Roman ist (also eine abgeschlossene Einheit) oder nur der Beginn einer Folge von Romanen (was in der Natur der Sache läge, da die Story abrupt endet), so steht eines fest: Man darf den Autor mit dem Icherzähler gleichsetzen. Denn dies ist offenkundig die Geschichte von Andreas Maier, dem neben Arnold Stadler und Peter Kurzeck obsessivsten Heimatdichter, den wir zurzeit haben in Deutschland.

In seinem kürzlich erschienenen Kolumnenbuch Onkel J. – Heimatkunde hatte Maier seinen Onkel als die verhassteste Figur seiner Kindheit bezeichnet, doch habe er sich ihm im Lauf der Zeit immer näher gefühlt, weil auch er, der Schriftsteller, so eine Art »Dorfschluri« sei. »Wir, die beiden Nichtsnutze der Familie«, heißt es jetzt in Das Zimmer, »er Schichtarbeiter, ich bloß verzweifelt und immer zu Fuß unterwegs zwischen Bad Nauheim und Friedberg in meiner Not.« Die Semidistanz zu Onkel J. wird dann zum Kunstgriff, sodass Abneigung ständig in Zuneigung umschlagen kann und umgekehrt.

Mit der Zange zur Welt gekommen, von minderer Intelligenz, zeit seines Lebens schmerzunempfindlich, grauenvoll stinkend (»nach Silage«), vom eigenen Vater (dem Großvater des Erzählers) abgelehnt und verdroschen, verdroschen auch von den Schulkameraden, mit einer unbegriffenen Liebe zu Maschinen aller Art, ein eingebildeter Handwerker, den Tieren im Wald magisch verbunden, ein eingebildeter Jäger, Trinker von Gnaden, bei seiner Mutter wohnhaft bis zu deren Tod: Ist Onkel J. also ein Unglücksrabe? Mitnichten! Er lebe »ohne Schuld«, heißt es vielsagend, und stehe »mit einem Fuß stets im Paradies«. Maier seinerseits steht mit einem Fuß gern in der Bibel, nicht allerdings wie ein frommer Kirchgänger, eher als wütender Missionar wider den Fortschritt, der im Alkoholrausch den wahren Gottesdienst erkennt.

Über alles liebt Onkel J. seinen »nazibraunen« VW Variant, vom Schwager gekauft. Am liebsten fährt er damit in sein Lieblingswirtshaus. Doch muss der Minderbemittelte zu seinem Verdruss Chauffeursdienste für die Familie tätigen. So ereignet sich eine von vielen köstlichen Szenen rund ums Automobil angesichts des ersten Staus im Leben von Onkel J.; auf dem Beifahrersitz seine Schwester Ursel, geb. Boll, die Mutter des Erzählers. Ort des Geschehens: die Kaiserstraße in Friedberg; Zeit: ein Werktagsnachmittag des Jahres 1969 (im Jahr der ersten Mondlandung). Plötzlich geschieht das Ungeheuerliche, nie Dagewesene: Die Straße ist verstopft. »Hasserfüllt« schauen die Autofahrer sich an, die Caféhausbesitzer und der Buchhändler treten auf die Straße und staunen. »Was ist denn das hier überhaupt für ein Verkehr, fragt sich gerade auch meine Mutter im Variant, obgleich sie Volkswirtschaft studiert hat und es hätte wissen müssen, dass das Auto kommen würde überallhin in unser Land und alsdann als deutscher Export über die ganze Welt wie der Segen des Herrn in alle Ewigkeit und bis zum letzten Amen.« Entsprechend, als Offenbarung, fährt in die Friedberger Bürger »in diesem historischen Augenblick« derselbe Gedanke: »Da müsste doch so etwas wie eine Ortsumgehung her.«