Sofi Oksanen "Fegefeuer" Im Keller der Geschichte
Sofi Oksanen mischt KGB-Akten mit bäuerlicher Idylle zu einem Leseabenteuer.
Auf den Karten der Geschichtsschreibung ist Estland ein Tupfer am Rande des Weltgeschehens, seine liebliche Hügellandschaft ein weißer Fleck, die darin verstreuten Gehöfte wären aus Google-Perspektive nur Fliegendreck, fände Google den Weg in diese Einsamkeit. Dass ein Roman, der am Küchenfenster eines solchen Gehöftes beginnt, mit dem Blick der Bäuerin durch ihre Spitzengardinen, dass ein solches Buch ein Sensationserfolg ist, die Autorin Sofi Oksanen mit ihren 33 Jahren in Finnland als Frau des Jahres 2009 gefeiert wird, sie alle Literaturpreise abräumt, unter anderem den mit 45.000 Euro dotierten Preis des Nordischen Rates, es erscheint wie ein Wunder. Oder: als zwangsläufig. Denn der Roman Fegefeuer, der nun auch auf Deutsch erscheint und in weiteren 28 Ländern, ist ein kühn konstruierter, atemberaubend spannender, abgründiger Text.
Aliide, eine alte Bäuerin, schaut durch ihr Fenster, und ihr Blick fällt auf ein Bündel Mensch. Es liegt vor ihrem Hof. Eine junge Frau, zerrissene Strümpfe, blau gefleckte Haut, verfilztes Haar, voller Schmutz und Sperma, wie es später heißt. So trifft Aliide auf Zara, es ist ein Tag im Jahr 1992, an diesem Startpunkt des Romans begegnen sich also eine sehr alte und eine sehr junge Frau, zwei Frauen aus einer Familie, wie sich enthüllen wird. An diesem Startpunkt schließt sich zugleich ein großer Handlungsbogen. Er setzt ein im Jahre 1936 in diesem Gehöft und schlägt in vier großen Kapiteln und unzähligen Absätzen einen weiten Kreis über die Landkarte Europas, von Estland über Wladiwostok führt der Radius bis nach Berlin und zurück nach Estland, bis eben auf diesen Hof, er umschließt mehr als fünf Jahrzehnte, den großen Krieg, die Verwüstungen des Nationalsozialismus und des Kommunismus. All dies mündet im Treffen der beiden Frauen vor dem Küchenfenster. Geschichte erscheint als zirkuläres Geschehen, es gibt kein Entkommen. Es geht um weibliche Geschichte, aus deren Sicht die Geografie eines Kriegsschauplatzes immer schon erweitert ist um die Seelen und Körper, als ohnmächtig erfahrener Gewaltzusammenhang.
Estland ist ein Land, in dem die Begehrlichkeiten über die Jahrhunderte tiefe Narben hinterlassen haben. Im 13. Jahrhundert unter dänischer Herrschaft, bis zum 16. Jahrhundert vom Deutschritterorden einverleibt, dann in schwedischer, in russischer Hand, im Zweiten Weltkrieg von den Nazis besetzt, von den Russen zurückerobert, bis zur Unabhängigkeit am 20. August 1991 eine geknechtete russische Kolonie. Estland hat im Zweiten Weltkrieg ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. Hunderttausende Menschen wurden aus dem Baltikum in Richtung Gulag deportiert. Die Geschichte Estlands, erzählte Sofi Oksanen, als sie jüngst in Deutschland ihr Buch präsentierte, übrigens ihr drittes, wenn auch hierzulande das einzige übersetzte Buch, sei in Finnland nicht sehr bekannt, das habe sie gereizt. In Estland rührt das Buch an ein Tabu, die Grauen von Besetzung und Kollaboration, in Tallinn kniete ein alter Mann vor ihr nieder.
Sofi Oksanen ist in mütterlicher Linie mit Estland verbandelt, obwohl in der kleinen Stadt Jyväskyla aufgewachsen, rund 300 Kilometer nördlich von Helsinki, hat sie manche Sommer in Estland verbracht. Sie erinnert sich an die Schikanen vor der Einreise. Dann endlose Wochen auf dem Hof der Großmutter. Das Muster des Tischtuchs, das Gesumms der Fliegen. Das Abschöpfen des Schaums beim Einwecken, die brodelnde Seife, der Bottich für das Waschen der Hände. Im Schrank die Gläser mit Tomaten und Pilzen, auf dem Boden die Kräuter, ausgebreitet zum Trocknen, so entfaltet der Roman sich in einem Kosmos der Häuslichkeit, durchtränkt vom Geruch heißer Johannisbeeren und warmer Milch. Vordergründig eine Idylle. Darin Aliide als Kräuterhexe, ein Hutzelweiblein. Fassungslos wird sie auf ein Bild starren, das Zara auf ihren Küchentisch legt, dort sieht sich Aliide als junges Mädchen neben Ingel, der schönen Schwester, auf deren Haarkrone die Sonne so verschwenderisch goldene Lichter verstreut.
Oksanen selbst trägt eine Haarkrone aus schwarzen Dreadlocks, sie hat sie mit glitzernden Broschen geschmückt, darunter der üppige rotglänzende Mund. Ein hoch geschlitztes schwarzes Kleid. Die Gothic Lady tritt auf wie die Königin der Nacht. Das Märchenhafte umweht auch ihre Frauengestalten, aber es dient Oksanen, die Dramaturgie studierte und diesen Stoff zunächst fürs Theater nutzte, Premiere in Helsinki 2007, großer Erfolg auf Stockholms Dramaten, nur als Bühne, von der ein Absturz in die Realität umso schockierender wirkt.
Ingel und Aliide, die beiden Schwestern, sind verhakelt in ewiger Konkurrenz, um Liebe, Männer, das Erbe. Das Gehöft, wie eine Fotokulisse für Landlust gebaut, trägt Spuren des Schreckens – eine Leere, wo einst Bilder hingen, Schnitte im Tischtuch, eine verborgene Kammer, in der Hans, den Ingel heiratete, obwohl doch Aliide ihn so begehrte, versteckt werden musste, weil er als Partisan für die Freiheit Estlands kämpfte. Aliide und Ingel und deren Tochter Linda werden verhört, im Keller der Gemeindeverwaltung. Dann auch zu hause.
Was da passiert, benutzt als Stoff die Schilderungen der Folterungen, die von der Journalistin Slavenka Drakulić über die Exzesse des Krieges im ehemaligen Jugoslawien festgehalten wurden, sowie KGB-Akten, die jüngst in Estland freigegeben wurden. Der Roman heißt auf Estnisch Pudhistus, was Reinigung bedeutet, in der englischen Übersetzung Purge, was auch die Assoziation von »Säuberung« hat und so auf die stalinistischen Exzesse anspielt, wovon der Titel Fegefeuer nicht alles retten kann. Die Sprache, die Oksanen für das Geschehen findet, tastet sich über das Unaussprechliche hinweg. Sie folgt der Dynamik psychischer Dissoziation, macht sich fest an den Zuckungen der Seele, die versucht auszuweichen, wo sie nicht überleben kann, den Schmerz verleugnen will, der doch für immer eingegraben ist in jede Zelle, in die Bewegungsmuster der Augäpfel, in die Haltung des Körpers. Körpersprache wurde kaum schmerzlicher ausbuchstabiert als hier.
- Datum 05.10.2010 - 16:57 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 30.09.2010 Nr. 40
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




"Kühn konstruiert, atemberaubend spannend, abgründig". Fehlt noch: präzise, poetisch, hintergründig, doppelbödig, geheimnisvoll, packend, mitreißend, couragiert, unerschrocken, verstörend etc. blabla. Literaturkritik als Phrasendreschmaschine: Die Sprache "tastet sich über das Unaussprechliche hinweg". Ja mei. "Sie legt (die Fragmente) unerbittlich aus wie ein Puzzle, und so wächst über das Unausgesprochene des Tabus das Bild eines Verhängnisses." Wie belieben? Die "Fragmente" könnten allenfalls wie Puzzleteile ausgelegt werden, nicht aber wie das fertige Puzzle (das in der Überschrift dann auch gleich noch zum "unerbittlichen" mutieren muss, was den Blödsinn quasi perfekt macht.) Estland ist "ein Tupfer" auf den "Karten der Geschichtsschreibung" (ächz), seine Hügellandschaft aber "ein weißer Fleck"? Ja, was denn nun? Man mag Gewalt "ohnmächtig erfahren" können, "Gewaltzusammenhänge" (was immer das sei) hingegen sicher nicht. Wie man "Körpersprache schmerzlich ausbuchstabiert", weiß wohl auch nur die Autorin. Und für die Behauptung, dass das Buch "vollendet übersetzt" sei, hätte ich denn doch gern den einen oder anderen Beleg gehabt. Äh-bäh!
Der Roman heißt auf Estnisch "Puhastus" (und nicht etwa "Pudhistus"), und auf Finnisch "Puhdistus".
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren