Sofi Oksanen "Fegefeuer" Im Keller der GeschichteSeite 2/2
Oksanen arbeitet mit vielen Textsorten, wie in einem Mosaik sind Passagen mit wechselnder Erzählperspektive aneinandergelegt, als Fragmente stehen sie neben Tagebuch-Exzerpten und Auszügen aus KGB-Akten, sie legt sie unerbittlich aus wie ein Puzzle, und so wächst über das Unausgesprochene des Tabus das Bild eines Verhängnisses. Unvergesslich an diesem Roman aber sind jene Kapitel, in denen Oksanen die inneren Vorgänge ihrer Gestalten als körperliche Reaktion beschreibt in einer Sprache, deren Rauheit und Poesie von Angela Plöger vollendet übersetzt worden sind.
Ingel und ihr Kind werden deportiert, und auch wenn sie den Gulag überleben und das böse Reich des KGB und auch wenn Linda eine Tochter haben wird, nämlich Zara, entkommen sie ihrem Schicksal nicht. Weil Zara in die Hände nun ehemaliger KGB-Agenten gerät, die ihr Reich bis nach Berlin ausgedehnt haben, wo sie den Menschenhandel kontrollieren, von wo aus sich Zara nach Estland flüchtet, über das ihre Großmutter Ingel so gern gesprochen hat, vom Hof. Auf dessen Rasen sie endlich wie ein Wegwerfkörper liegt. In ihm erkennt Aliides Blick alle Spuren von Erfahrungen, die sie zu vergessen suchte.
Dies ist kein Frauenroman, auch wenn die Männer etwas flach daherkommen. Abgründe des Grauens, von Verrat, Sadismus und Machtgier finden sich in vielen Herzen. Zara betrachtet das Foto, das sie über alle Stadien ihres Martyriums wie einen Talisman bei sich getragen hat. »Auf den Gesichtern der Mädchen lag etwas sehr Unschuldiges«, heißt es. Die Unschuld erscheint Zara wie ein »Ausdruck aus einer Zeit, da die Zukunft noch vorhanden und alles noch möglich war«. Aber welche Zeit sollte das gewesen sein.
- Datum 05.10.2010 - 16:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.09.2010 Nr. 40
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"Kühn konstruiert, atemberaubend spannend, abgründig". Fehlt noch: präzise, poetisch, hintergründig, doppelbödig, geheimnisvoll, packend, mitreißend, couragiert, unerschrocken, verstörend etc. blabla. Literaturkritik als Phrasendreschmaschine: Die Sprache "tastet sich über das Unaussprechliche hinweg". Ja mei. "Sie legt (die Fragmente) unerbittlich aus wie ein Puzzle, und so wächst über das Unausgesprochene des Tabus das Bild eines Verhängnisses." Wie belieben? Die "Fragmente" könnten allenfalls wie Puzzleteile ausgelegt werden, nicht aber wie das fertige Puzzle (das in der Überschrift dann auch gleich noch zum "unerbittlichen" mutieren muss, was den Blödsinn quasi perfekt macht.) Estland ist "ein Tupfer" auf den "Karten der Geschichtsschreibung" (ächz), seine Hügellandschaft aber "ein weißer Fleck"? Ja, was denn nun? Man mag Gewalt "ohnmächtig erfahren" können, "Gewaltzusammenhänge" (was immer das sei) hingegen sicher nicht. Wie man "Körpersprache schmerzlich ausbuchstabiert", weiß wohl auch nur die Autorin. Und für die Behauptung, dass das Buch "vollendet übersetzt" sei, hätte ich denn doch gern den einen oder anderen Beleg gehabt. Äh-bäh!
Der Roman heißt auf Estnisch "Puhastus" (und nicht etwa "Pudhistus"), und auf Finnisch "Puhdistus".
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