Das Reiz-Reaktions-Schema funktioniert prächtig. Der Reiz hieß Penetranz – überall, wo sich in den letzten Jahren die Themen Internet und Trend kreuzten, lauerte Sascha Lobo mit seinem roten Irokesenkamm und sagte uns, wie’s läuft. Die Reaktion, die jetzt über Lobo angesichts seines ersten Romans hereinbricht, heißt darum erwartungsgemäß: Ressentiment. Er hat die öffentliche Aufmerksamkeit als omnipräsenter Blogger, Talkshowgast, Internetaktivist und "Inhaber einer gut gehenden Frisur" (Lobo über Lobo) erwartungsgemäß so überstrapaziert, dass er jetzt, wo sein Irokesenhaupt auch noch das Titelbild seines Romans Strohfeuer ziert, endlich rasiert werden muss.

Wenn Frisuren schreiben heißt der Kommentar der Welt über das Buch, das Aufstieg und Fall der New-Economy-Welt in den Jahren 1999 und 2000 erzählt, die Welt am Sonntag stellt fest: "Es ist das blanke Elend." Die dpa vermutet: "Anstoß wird mancher an der Sprache nehmen." Und für die FAZ erweist sich der Autor als "erschreckend unbelesen", und seine Helden seien unrealistisch, denn sie würden "allen Ernstes Unternehmen gründen, ohne betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse zu besitzen". Na, so was aber auch!

Buchmesse - Sascha Lobo über seinen Roman Sascha Lobo im Gespräch über "Strohfeuer" und die Kritik an seinem Buch

Doch der Reihe nach: Ja, wenn Sascha Lobo als Marke Sascha Lobo auftritt, nervt das. Ja, das Markenzeichen, der Irokesenkamm, wird von ihm ein wenig zu Tode geritten. Und wahrscheinlich stimmt auch das: Der Autor hat, bevor er anfing, seine Geschichte zu schreiben, nicht gelesen, was all die anderen geschrieben haben über den kurzen Sommer der Anarchie von Lobos Generation (er ist Jahrgang 1975). Doch das ist offenbar gut gewesen. Denn jenes besoffene Himmelhochjauchzende und verkaterte Zu-Tode-Betrübte, mit dem die New Economy (mit irrsinnig viel Geld aus der Old Economy übrigens) zu einer schönen Seifenblase aufgepumpt wurde, die dann lautlos zerplatzte, das vermag Lobo überraschend neu zu erzählen. Es gab eben vor zehn Jahren plötzlich an allen Ecken und Enden junge Menschen, die "allen Ernstes Unternehmen gründeten, ohne betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse zu besitzen".

Und mehr noch: Gerade in der genüsslichen Ausformulierung dessen, was damals, vor zehn Jahren, "allen Ernstes" möglich war, steckt der ganze Witz dieses Buches. Lobo war selbst erfolgreicher Gründer und Zugrunderichter einer New-Economy-Firma, berichtet also detailliert aus dem Weltinnenraum des Kapitals, des Unwissens und des Größenwahns. Und natürlich spielt das Buch mit dem Motiv, dass der, der einst nassforsch dachte, so einfach also kann man eine Firma gründen, nun also denkt, so einfach kann man einen Unterhaltungsroman schreiben.

Das Überraschende aber ist: Sascha Lobo kann wirklich einen Unterhaltungsroman schreiben. Es ist ein bewusst kindisches Buch über eine kindische Zeit. Wer sich noch einmal auf eine Zeitreise begeben möchte in jene wundersamen Jahre, als sich im Berlin der Jahrtausendwende junge Männer aus Westdeutschland durch die geschickte Aneinanderreihung von englischen Vokabeln und den Import amerikanischer Internetideen kurzzeitig als Tycoone fühlen konnten, der findet hier Milieustudien und Dialoge voll Präzision und Komik. So geht es los: "Das fertige 50-seitige Booklet las sich geschmeidig, weil es keinerlei Rücksicht auf die Realität nehmen musste. Die Agentur und der Kunde waren begeistert. Kommunikation ist meine Branche."

250 Seiten später, ein paar erlegte Ferkel, zerlegte Autos und verschleppte Insolvenzen weiter, nach zahlreichen schmerzhaften Crashs mit der Realität also, trifft der Mann, dessen Branche die Kommunikation ist, seinen alten Kompagnon Thorsten wieder. Zwei gebrannte Kinder, so denkt man, Strohfeuer heißt ja auch das ganze Buch. Aber die beiden sind so verliebt ins Brennen, ins Sichverbrennen, ins Geldverbrennen, dass es nur ein Bier braucht, bis es wieder von vorne losgeht. Er sei, sagt Thorsten, dran an dem "nächsten großen Ding". Und der penetrant unbelehrbare Erzähler sagt: "Erzähl." Kein so schlechter letzter Satz. Sascha Lobos Strohfeuer also ist natürlich keine große Literatur. Aber ein großer Spaß. Und dagegen ist zwischendurch überhaupt nichts einzuwenden.