Samir Amraoui, 31 aus Hagen. Er spielt mit den Kindern

Es ist kurz nach acht morgens, Sonja Pietsch ist seit zwei Stunden wach und hat schon wieder Feierabend. Ihre drei Kinder hat sie versorgt, sie sind auf dem Weg zur Schule. Jetzt sitzt Sonja Pietsch allein in ihrer Küche in Wattenscheid, vor sich eine Tasse Kaffee, und wartet. Die nächsten Stunden wird sie sich hier nicht wegbewegen. Einen Job hat sie nicht. Nicht weil die 39-Jährige nichts findet, sie sucht nicht mehr. »Manchmal vermisse ich das Arbeiten«, sagt sie.

50 Kilometer entfernt in einer kleinen Wohnung in Hagen sitzt und wartet auch der 31-jährige Samir Amraoui. Lieber wäre er jetzt auf dem Friedhof der Stadt. Dort wird er immer wieder als Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Er liebt es, draußen im Freien zu arbeiten, sich zu verausgaben und abends geschafft nach Hause zu kommen. Er hofft, dass er bald wieder dort anfangen kann. »Wenn es sein muss, würde ich für immer Ein-Euro-Jobs machen«, sagt er, »es ist auf jeden Fall besser, als nichts zu tun.«

Heidemarie Danzer hat das Warten aufgegeben. Sie war Menübotin, hat in Apotheken geputzt. Die drahtige, dünne Frau hat schon viele Arbeiten gemacht, verdient hat sie in Berlin mal drei, mal vier, mal fünf Euro die Stunde. Zum Leben gereicht hat das nie. Wer die 60-Jährige in diesem Herbst besuchen will, muss weit reisen, sie hat Deutschland verlassen. Vielleicht die beste Idee, die sie in den letzten Jahren hatte.

Sonja Pietsch, Samir Amraoui und Heidemarie Danzer sind drei Menschen von sieben Millionen, deren Leben sich durch Hartz IV verändert hat. Während das Land vom neuen Wirtschaftsboom schwärmt, davon, dass die Zahl der Arbeitslosen sinke, spüren Langzeitarbeitslose wie sie davon kaum etwas, weil sie zu lange raus sind aus diesem Arbeitsmarkt, weil ihre Qualifikation nicht reicht für die Stellen, die der Aufschwung in Deutschland hervorbringt.

Gleich nach der Reform, im Jahr 2005, begannen wir sie und einige andere zu begleiten. Seitdem wurde viel über Hartz-IV-Empfänger geredet, aber wenig mit ihnen. Jetzt, im Herbst 2010, hallt noch der Streit aus dem Frühjahr nach, als Guido Westerwelle die Vorzüge des Sozialstaats dekadent nannte. Es wird über die Höhe des Hartz-IV-Satzes debattiert und über Chipkarten für die Kinder von Hartz-IV-Empfängern, denen der Besuch des Freibads oder der Musikschule finanziert werden soll. Debatten wie diese sind oft so hitzig wie kurzatmig. Aber wie ist das Leben mit Hartz IV tatsächlich? Dekadent? Oder ist es ein Leben in »Armut per Gesetz«, wie viele auf den Montagsdemonstrationen beklagen, die seit fünf Jahren in den Innenstädten stattfinden? Leben die Menschen vom Amt, weil sie nicht arbeiten wollen oder weil man sie nicht lässt? Kann man heute, nach fünf Jahren, sagen, ob die Reform den Arbeitslosen etwas gebracht hat?

Herbst 2006. Das zweite Jahr von Hartz IV. Für Samir Amraoui ist es das erste Jahr als Ein-Euro-Jobber. Er ist Ende 20 und hat mit seiner Frau gerade eine kleine Tochter bekommen. Amraoui hat einen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung, aber er will unbedingt arbeiten. Deshalb hat das Hagener Arbeitsamt ihn wie viele andere Langzeitarbeitslose auf den Friedhof der Stadt geschickt. Sie sollen kehren, sich um die Gräber kümmern. Samir Amraoui ist begeistert. Schließlich ist das hier eine echte Chance. Die Arbeitslosen sollen ein halbes Jahr lang gemeinnützige Arbeit erledigen, die ansonsten liegen bliebe. Dafür gibt es bis zu 1,50 Euro die Stunde zusätzlich zu den Hartz-IV-Leistungen und die Hoffnung, dass auf den Ein-Euro-Job eine echte Stelle folgt. Amraoui findet die Idee gut. »Ich will mich beweisen.« Sein Traum ist es, als fester Mitarbeiter übernommen zu werden.

Drei Jahre später sind wir wieder auf dem Hagener Friedhof. Auch Samir Amraoui ist da. Er freut sich über seine neue Arbeitskleidung – grün, wie die der Festangestellten. »So erkennt niemand, dass wir Ein-Euro-Jobber sind«, sagt er und dreht sich einmal um sich selbst. Amraouis Traum hat sich nicht erfüllt. Er hat sich angestrengt. Aber der Friedhof hat ihn immer wieder nur als Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Seit es Hartz IV gibt, lebt Amraoui im Sechs-Monats-Rhythmus: sechs Monate Ein-Euro-Job. Dann Pause. Dann der nächste Ein-Euro-Job. Amraoui will den Job auf dem Friedhof unbedingt. Aber langsam verliert er die Hoffnung: »Wenn der eine sein halbes Jahr Ein-Euro-Job voll hat, kommt halt der Nächste.«

In der Kapelle unten am Hang bereitet die Friedhofsverwalterin gerade eine Beisetzung vor. Sie ist stolz auf ihre Ein-Euro-Kräfte. Der Friedhof nutzt alle Möglichkeiten, die es seit Hartz IV für Arbeitgeber gibt. »Klar«, sagt sie ganz offen, »wenn die Ein-Euro-Jobber nicht wären, bräuchten wir mehr Festangestellte.« Die Idee hinter den Ein-Euro-Jobs klingt zunächst logisch: erst Qualifikation, dann Weitervermittlung in echte Arbeit. Dass das aber nicht klappt, hat die Bundesagentur für Arbeit in einer eigenen Studie herausgefunden. Die Chance, danach eine reguläre Arbeit zu finden, erhöht sich durch den Ein-Euro-Job nur um etwa ein Prozent. Warum sollte Samir Amraoui auf dem Friedhof auch eine feste Stelle bekommen? Es ist viel billiger, ihn als Ein-Euro-Jobber zu beschäftigen.