ArbeitsmarktreformWir und Hartz IV

Wie die Arbeitsmarktreform seit ihrer Einführung vor fünf Jahren das Leben von drei Familien verändert hat. von Julia Friedrichs, Eva Müller und Boris Baumholt

Samir Amraoui

Samir Amraoui, 31 aus Hagen. Er spielt mit den Kindern  |  © Paul Kranzler

Es ist kurz nach acht morgens, Sonja Pietsch ist seit zwei Stunden wach und hat schon wieder Feierabend. Ihre drei Kinder hat sie versorgt, sie sind auf dem Weg zur Schule. Jetzt sitzt Sonja Pietsch allein in ihrer Küche in Wattenscheid, vor sich eine Tasse Kaffee, und wartet. Die nächsten Stunden wird sie sich hier nicht wegbewegen. Einen Job hat sie nicht. Nicht weil die 39-Jährige nichts findet, sie sucht nicht mehr. »Manchmal vermisse ich das Arbeiten«, sagt sie.

50 Kilometer entfernt in einer kleinen Wohnung in Hagen sitzt und wartet auch der 31-jährige Samir Amraoui. Lieber wäre er jetzt auf dem Friedhof der Stadt. Dort wird er immer wieder als Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Er liebt es, draußen im Freien zu arbeiten, sich zu verausgaben und abends geschafft nach Hause zu kommen. Er hofft, dass er bald wieder dort anfangen kann. »Wenn es sein muss, würde ich für immer Ein-Euro-Jobs machen«, sagt er, »es ist auf jeden Fall besser, als nichts zu tun.«

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Heidemarie Danzer hat das Warten aufgegeben. Sie war Menübotin, hat in Apotheken geputzt. Die drahtige, dünne Frau hat schon viele Arbeiten gemacht, verdient hat sie in Berlin mal drei, mal vier, mal fünf Euro die Stunde. Zum Leben gereicht hat das nie. Wer die 60-Jährige in diesem Herbst besuchen will, muss weit reisen, sie hat Deutschland verlassen. Vielleicht die beste Idee, die sie in den letzten Jahren hatte.

Sonja Pietsch, Samir Amraoui und Heidemarie Danzer sind drei Menschen von sieben Millionen, deren Leben sich durch Hartz IV verändert hat. Während das Land vom neuen Wirtschaftsboom schwärmt, davon, dass die Zahl der Arbeitslosen sinke, spüren Langzeitarbeitslose wie sie davon kaum etwas, weil sie zu lange raus sind aus diesem Arbeitsmarkt, weil ihre Qualifikation nicht reicht für die Stellen, die der Aufschwung in Deutschland hervorbringt.

Gleich nach der Reform, im Jahr 2005, begannen wir sie und einige andere zu begleiten. Seitdem wurde viel über Hartz-IV-Empfänger geredet, aber wenig mit ihnen. Jetzt, im Herbst 2010, hallt noch der Streit aus dem Frühjahr nach, als Guido Westerwelle die Vorzüge des Sozialstaats dekadent nannte. Es wird über die Höhe des Hartz-IV-Satzes debattiert und über Chipkarten für die Kinder von Hartz-IV-Empfängern, denen der Besuch des Freibads oder der Musikschule finanziert werden soll. Debatten wie diese sind oft so hitzig wie kurzatmig. Aber wie ist das Leben mit Hartz IV tatsächlich? Dekadent? Oder ist es ein Leben in »Armut per Gesetz«, wie viele auf den Montagsdemonstrationen beklagen, die seit fünf Jahren in den Innenstädten stattfinden? Leben die Menschen vom Amt, weil sie nicht arbeiten wollen oder weil man sie nicht lässt? Kann man heute, nach fünf Jahren, sagen, ob die Reform den Arbeitslosen etwas gebracht hat?

Herbst 2006. Das zweite Jahr von Hartz IV. Für Samir Amraoui ist es das erste Jahr als Ein-Euro-Jobber. Er ist Ende 20 und hat mit seiner Frau gerade eine kleine Tochter bekommen. Amraoui hat einen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung, aber er will unbedingt arbeiten. Deshalb hat das Hagener Arbeitsamt ihn wie viele andere Langzeitarbeitslose auf den Friedhof der Stadt geschickt. Sie sollen kehren, sich um die Gräber kümmern. Samir Amraoui ist begeistert. Schließlich ist das hier eine echte Chance. Die Arbeitslosen sollen ein halbes Jahr lang gemeinnützige Arbeit erledigen, die ansonsten liegen bliebe. Dafür gibt es bis zu 1,50 Euro die Stunde zusätzlich zu den Hartz-IV-Leistungen und die Hoffnung, dass auf den Ein-Euro-Job eine echte Stelle folgt. Amraoui findet die Idee gut. »Ich will mich beweisen.« Sein Traum ist es, als fester Mitarbeiter übernommen zu werden.

Drei Jahre später sind wir wieder auf dem Hagener Friedhof. Auch Samir Amraoui ist da. Er freut sich über seine neue Arbeitskleidung – grün, wie die der Festangestellten. »So erkennt niemand, dass wir Ein-Euro-Jobber sind«, sagt er und dreht sich einmal um sich selbst. Amraouis Traum hat sich nicht erfüllt. Er hat sich angestrengt. Aber der Friedhof hat ihn immer wieder nur als Ein-Euro-Jobber beschäftigt. Seit es Hartz IV gibt, lebt Amraoui im Sechs-Monats-Rhythmus: sechs Monate Ein-Euro-Job. Dann Pause. Dann der nächste Ein-Euro-Job. Amraoui will den Job auf dem Friedhof unbedingt. Aber langsam verliert er die Hoffnung: »Wenn der eine sein halbes Jahr Ein-Euro-Job voll hat, kommt halt der Nächste.«

In der Kapelle unten am Hang bereitet die Friedhofsverwalterin gerade eine Beisetzung vor. Sie ist stolz auf ihre Ein-Euro-Kräfte. Der Friedhof nutzt alle Möglichkeiten, die es seit Hartz IV für Arbeitgeber gibt. »Klar«, sagt sie ganz offen, »wenn die Ein-Euro-Jobber nicht wären, bräuchten wir mehr Festangestellte.« Die Idee hinter den Ein-Euro-Jobs klingt zunächst logisch: erst Qualifikation, dann Weitervermittlung in echte Arbeit. Dass das aber nicht klappt, hat die Bundesagentur für Arbeit in einer eigenen Studie herausgefunden. Die Chance, danach eine reguläre Arbeit zu finden, erhöht sich durch den Ein-Euro-Job nur um etwa ein Prozent. Warum sollte Samir Amraoui auf dem Friedhof auch eine feste Stelle bekommen? Es ist viel billiger, ihn als Ein-Euro-Jobber zu beschäftigen.

Leserkommentare
  1. Zynismus ist eine starke Waffe. Sie werden bald, sehr bald merken, dass ihr Zynismus sie nicht beschützen wird.

    Menschen sind sehr leidensfähig und das deutsche Volk ist darin Weltmeister. Selbst wenn man uns Bomben auf den Kopf wirft, rufen wir noch mit voller Kehle "Ja!"

    Doch 1848, 1918, 1989 können und werden wieder passieren und dann, liebe Zyniker, werdet ihr hinweggefegt.

    Einen Wehmutstropfen gibt es dann doch. Ein System der Ausbeutung wird, nach einer Übergangszeit, durch ein anderes ersetzt. Feudalismus durch Kapitalismus Kaptitalismus durch ? dann aber wieder ? durch Ausbeutung. Wenn sie das Zynismus nennen wollen, dann gebe ich Ihnen vielleicht recht.

    Antwort auf "@4 richtig, aber"
  2. ....wenn Leute mit Ländervergleichen kommen.

    Salopp gesagt, wenn wir den Arbeitslosen in D noch weniger zukommen lassen gibt es davon in Indien auch nicht weniger Hungernde.

    Dieses "seid doch froh dass ihr nicht hungern müsst" ist doch ein Scheinargument - deren Verfechtern geht es doch nur darum selbst mehr in der Tasche zu haben.

    Es kann nicht Deutschlands Anspruch sein sich mit dem Sozialsystem eines Drittweltlandes zu messen. Nicht wenn 6 Billionen an Privatvermögen in unserem Land rumliegen.

    Der Artikel zeigt doch beispielhaft dass nicht die Arbeitslosen im Allgemeinen das Problem sind, sondern die Verfügbarkeit adequater Jobs von denen man leben kann.

    Und das ein Land auch mit Mindestlöhnen nicht dem Untergang geweiht ist zeigt auch das Beispiel Österreich - ich sehe es ebenso - wer Vollzeit arbeitet, sollte mind. 1000€/Monat im Portemonnaie haben. Wenn eine Arbeit uns nicht soviel Wert ist brauchen wir sie scheinbar auch nicht.

    Was viele "leistungserbringende" Steuerzahler auch zumeist vergessen ist dass der Grund für ihre eigene hohe Abgabenlast nicht allein Schuld der Arbeitslosen ist. Ein System in dem sich Beamte ,Selbstständige und alle mit mehr als 4000€/Monat aus der Gesetzlichen verabschieden können treibt die Abgaben für den Rest in die Höhe. Gleiches gilt für unterschiedliche Besteuerung von Einkommen aus Arbeit und Kapital.
    Aber nach oben lieber buckeln. Treten nur nach unten.

    Antwort auf "Was nun?..."
  3. recht große Familien gegründet haben, ist mir fremd. Ich ging immer davon aus, zu leben, was ich mir leisten kann und diese Voraussetzungen sind in den beiden beschriebenen Fällen nicht gegeben. So schafft man eine lebenslängliche Alimentationskarriere und diese Einstellung zum Leben schockiert mich ein ums andere Mal.

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    Die Frau mit den drei Kindern wurde vom Mann verlassen nachdem die Kinder geboren waren.

    Und davor waren zwei Jobs da.

    Das kann jedem passieren. Eine Trennung mit anschließender Depression haben wohl die Wenigsten auf der Rechnung bei der Familienplanung. Sie etwa?

    • deva
    • 01. Oktober 2010 16:21 Uhr

    Glauben Sie mir, niemand kann in seine Familienplanung einen Zeitraum der Arbeitslosigkeit in der Zukunft einplanen, denn sonst würde die Fertilität in Deutschland gegen Null tendieren.

    Schockierend ist allenfalls Ihr Tunnelblick.

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    wenn ich mit einem Hauptschulabschluss ohne Ausbildung ins Leben gehe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Familie der Größe ernähren kann, quasi Null und eine Frau, die mal Verkäuferin gelernt hat, hat sich auf ihren Mann verlassen, der aus welchen Gründen auch immer nach der Trennung die Familie nicht versorgt.

    Wo ist da die gute Situation gewesen, die eine große Familie ernährt hätte? Ich sehe die nicht.

    Wohl eher Sie. 3 Kinder, Hauptschulabschluß und keine Berufsausbildung. Dieser Mann hat kein Verantwortungsbewußtsein und setzt von vornherein darauf, daß er über viele Jahre seinen Kinderwunsch sich von der Allgemeinheit bezahlen läßt, da er mit dieser Vita niemals dazu fähig wäre, für die Kosten selbst aufzukommen. Das Leben ist dort zum Wunschchkonzert mutiert.

  4. wenn ich mit einem Hauptschulabschluss ohne Ausbildung ins Leben gehe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Familie der Größe ernähren kann, quasi Null und eine Frau, die mal Verkäuferin gelernt hat, hat sich auf ihren Mann verlassen, der aus welchen Gründen auch immer nach der Trennung die Familie nicht versorgt.

    Wo ist da die gute Situation gewesen, die eine große Familie ernährt hätte? Ich sehe die nicht.

    Antwort auf "Familienplanung"
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    • deva
    • 01. Oktober 2010 16:48 Uhr

    Als diese Frau ihre Schulausbildung beendet hatte war selbst das Putzen gehen auch noch auskömmlich.

    Es ist doch in unserem Land nach wie vor so dass überwiegend die Frauen in ihrem Beruf kürzer treten wenn Familien gegründet werden. Nur wenige Männer setzen ihre Karriere für ihre Kinder auf´s Spiel. Aber Kinder will man natürlich trotzdem haben, die Frau kümmert sich ja.

    Die meisten Frauen sind so unterstützend und kümmern sich schwerpunktmäßig um die Kinder während der Mann weiter Vollzeit arbeitet.

    Wenn die Ehe dann in die Brüche geht hat es die Frau, die ihren Job der Familie zu Liebe aufgegeben hat, wesentlich schwerer nach der Kinderpause wieder in den Job zurückzukehren.

    Und da stellen sie sich hin und sagen noch "selbst schuld, was kriegen sie auch Kinder bevor sie nicht mind. einen fünfstellligen Betrag auf dem Konto haben um sich abzusichern?"

    Als ob irgendjemand eine Scheidung in die Familienplanung einbezieht.

    Das ist der blanke Hohn.

    Genauso wie ihr Verwundern über den Kinderwunsch des Hauptschulabsolventen.

    Wie viel muss man bei Ihnen denn auf dem Konto haben um Kinder haben zu dürfen?

    Alle Kinder kosten die Allgemeinheit Geld - Kindergeld, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Jugendhäuser, Sportvereine, Theater, Musikschulen.....

    Das alles wird staatlich alimentiert. Auch für die Kinder von Steuerzahlern.

  5. nicht entsprechend fördern und nur Forderungen stellen.

    Eine Schande für dieses Land.

  6. Die Frau mit den drei Kindern wurde vom Mann verlassen nachdem die Kinder geboren waren.

    Und davor waren zwei Jobs da.

    Das kann jedem passieren. Eine Trennung mit anschließender Depression haben wohl die Wenigsten auf der Rechnung bei der Familienplanung. Sie etwa?

    • Inahna
    • 01. Oktober 2010 16:45 Uhr

    Sarrazin laesst gruessen! Christygoe scheint also auch die Ansicht zu vertreten, dass sich nur eine gewisse Schicht vermehren sollte. Der Staat sollte lieber dafuer sorgen, dass Leute einen ausreichenden Lohn erhalten. Wie waer's mal mit der Flaechendeckenden Einfuehrung von Mindestloehnen?! Dann waeren auch Leute mit Hauptschulabschluss in der Lage ihre Familie zu ernaehren. Siehe das Beispiel Oesterreich, welches im Artikel erwaehnt wird. Aber nein, Hierzulande scheint man es angemessen zu finden, wenn Leute fuer 16 Euro pro Tag schuften und dann wird ihnen auch noch erzaehlt, sie seien selbst dran Schuld, haetten ja mehr im Leben erreichen koennen.

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    Nein, nicht nur Reiche sollten Kinder haben können. Ich gehe aber davon aus, dass sich Menschen überlegen, was sie sich leisten können und wenn viele Kinder nicht das sind, was ich finanzieren kann, wäre es für die Kinder und die gesamte Familie meines Erachtens sinnvoll, wenn man die Familienplanung dem anpaßt, was finanzierbar ist.

    Der Mindestlohn würde dem Familienvater mit drei Kindern nichts nützen, denn er hat nichts gelernt und eine Erwerbstätigkeit ist unwahrscheinlich ohne jegliche Voraussetzungen.

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