Kahle Wände, ein Vorhang, Teppichboden, Neonlicht, draußen eine der hässlichsten Hauptschlagadern Berlins. Ein paar Stühle für ein paar Zuhörer, die den Musikern auf der Pelle hocken. Durch den Korridor hört man Studenten üben. Schwerer kann man es sich kaum machen mit einer Generalprobe. Das Artemis Quartett spielt Beethovens Streichquartett op. 74. Da gibt es diese gezupften Töne, die dem Werk den etwas idiotischen Namen Harfenquartett eintrugen. Die Geigenpizzikati lösen sich ab, dabei entstehen aufsteigende Bögen, unter denen Bratsche und Cello mit Achteln behutsam die Harmonie skizzieren. Und plötzlich kapiert man, was das ist – ein Quartett.

Sie teilen alles miteinander. Und sie teilen einander alles mit. Gerade diese simple Stelle könnte man auch am Klavier spielen. Oder auf der Gitarre. Aber dadurch, dass sie auf vier Streicher verteilt wird, dass die Geigen sich bei einer ganz simplen Linie abwechseln, bekommt sie Weite. Die vier spielen diese paar Takte so innig, als seien sie total gespannt, was passieren wird, ehe das Geschehen in alle Richtungen aufreißt und schließlich in einer wahnwitzigen Kette von 400 Geigensechzehnteln über milden Akkordverschiebungen schier abhebt. Später witzeln die vier Musiker über die "Trefferquote": So kurz nach dem Urlaub sitze noch nicht jeder Ton…

Das ist beruhigend. Denn in jedem Konzert, jeder Aufnahme bestätigt das Artemis Quartett seinen Rang als eine der besten Formationen in der Welt der sechzehn Saiten, der nobelsten Disziplin der Kammermusik, wenn nicht der Klassik überhaupt. Stecknadelpunktgenau ist ihre technische Perfektion. Doch ist das nicht die entscheidende Qualität des Ensembles, sondern nur eine Voraussetzung für Tiefenforschung und Höhenflug. "Beethoven kann man gar nicht oft genug proben", sagt Cellist Eckart Runge, "das ist ein Fass ohne Boden.

Aber es nützt nichts, zwei Jahre lang Beethoven zu proben, dann spielt man ein Werk nicht besser, als wenn man es einen Monat geprobt hat. Man braucht Konzerte." Und nichts anderes als im Konzert passiert in dieser Generalprobe. Das ist kein Konstruieren mehr und kein Spiel. Es ist Leben. Die Töne sind Sprache und Körper, Kunstwerk und Medium. Die Musik wird existenziell.

Bei manchen Attacken steht Bratscher Friedemann Weigle breitbeinig da, vorgebeugt, wie ein Ritter, der einen Drachen aus der Höhle locken will, und in seinen Tönen ist schon Drachenblut. Geiger Gregor Sigl lässt eine Wendung ganz behutsam den Saiten entsteigen, wie etwas Zerbrechliches. Natalia Prishepenko jagt mit Madonnenlächeln ihre Läufe ins Leben, und Eckart Runge rumst in einer rustikalen Passage seine Sechzehntel so derbe und erdig ins Cello, als ersehne er ein Dasein als Dorfmusikant im Bierzelt. Es ist neben der analytischen Schärfe auch diese Unmittelbarkeit und Anfassbarkeit, mit der das Artemis Quartett einen neuen Stil geprägt hat und neues Publikum anzieht.